Heinrich Bedford-Strohm zu Gast bei der Bibelgesellschaft im Nordosten Mit der Bibel politisch reden
Von Tilman Baier und Johannes Pilgrim
Fotos: Tilman Baier
12.05.2026 · Barth/Schwerin. Die Mecklenburgische und Pommersche Bibelgesellschaft hat auf ihrer Jahresvollversammlung einen neuen Vorstand gewählt. Im Anschluss hielt der frühere EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedord-Strohm einen Vortrag zum Thema "Bibel und Öffentliche Theologie".
Ihre jährliche Mitgliederversammlung veranstaltet die „Mecklenburgische und Pommersche Bibelgesellschaft“ e.V. (MPBG) regulär im pommerschen Barth, zugleich Sitz der Geschäftsstelle. In diesem Jahr tagte sie in der Landeshauptstadt Schwerin. Im Diakonischen Bildungszentrum Mecklenburgs betreibt die Bibelgesellschaft Vitrinen mit biblischen Impulsen. Mitte April wurde während der Versammlung ein neuer Vorstand gewählt. Mit der Neuwahl erfolgte ein erfreulicher Generationswechsel.
Die „alten Hasen“, Ministerialrat a.D. Ulrich Hojczyk (Poel) und Johannes Pilgrim (Stralsund) haben ebenso „Platz gemacht“ wie Theologin Stephanie Schabow (Schwerin), Jurist Daniel Wache (Stralsund) und Dekan i. R. Helmut Steigler (Barth). Zum neuen, wiederum siebenköpfigen Team um Propst Dr. Tobias Sarx (Stralsund) gehören der junge Versicherungskaufmann Paul Witt (Starkow), Pastorin Viviane Schulz (Brandshagen), Pilgercoach Sabine Petters (Jager), Religionspädagoge und Bibelzentrums-Mitarbeiter Ulrich Kahle (Barth), Juristin Katja Ellenrieder (Kulturministerium Schwerin) sowie Pastor Conrad Witt (Malchow/Satow). Geschäftsführerin ist die Leiterin des Barther Bibelzentrums, Doreen Habermann.
Im Anschluss an ihre Jahresvollversammlung hatte die MPBG den Vorsitzenden des Zentralausschusses des Ökumenischen Rates der Kirchen, Heinrich Bedord-Strohm, zum Vortrag geladen. „Die Bibel ist die Grundlage auch für das öffentliche Reden der Kirchen in die Gesellschaft hinein“, sagte Bedford-Strohm. Doch was dabei zu beachten ist, das führte der frühere Theologieprofessor, Bayrische Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzende aus. Er entfaltete ein umfassendes Plädoyer für ein entschiedenes öffentliches Engagement der Kirchen in politischen und gesellschaftlichen Fragen auf der Grundlage einer reflektierten Bibelauslegung.
Zwar habe die Bibel zentrale Bedeutung für den christlichen Glauben. Doch durch ihre Vielstimmigkeit durch die Jahrhunderte sei sie auch vieldeutig und dadurch für Missbrauch anfällig. Verschiedene Möglichkeiten bei der Übersetzung schaffen auch jeweils andere Bedeutungen von Bibelversen.
Dazu kommen innere Spannungen zwischen Texten sowie problematische kriegerische Passagen („Texts of Terror“). Darum brauche die Lektüre der Bibel und ihre Auslegung das Wissen um den Hintergrund der jeweiligen Schriften und einen kritischen Umgang mit sich selbst, um nicht nur die eigene Meinung hineinzulesen.
Dem Missbrauch der Bibel für Gewalt wehren
Dies gelte besonders auch, wenn Christen und Kirchen auf Grundlage der Bibel in die Gesellschaft hineinsprechen und damit politisch wirken würden, was eindeutig ihre Aufgabe sei. Theologie, also die reflektierte, durchdachte Rede vom christlichen Glauben, habe den Auftrag, Orientierung zu bieten – gerade in einer komplexen, global vernetzten Welt. Unter Verweis auf die Barmer Theologische Erklärung und auf Dietrich Bonhoeffer argumentierte Bedford-Strohm, dass auch das Schweigen gegenüber Unrecht eine politische Haltung darstellt. Kirche könne daher nicht unpolitisch sein, ohne ihrem Auftrag untreu zu werden. Daraus ergebe sich eine umfassende Verantwortung für die Welt, insbesondere im Blick auf die Schwächsten.
Öffentliche Theologie müsse darum in den gesellschaftlichen Debatten aufklären, welche moralischen Leitbilder hinter den jeweiligen politischen Positionen stehen. Die aus der Bibel gewonnenen Leitbilder - wie die Befreiung aus Unterdrückung - muss sie in die Debatten einbringen und den Dialog mit der Politik und den Wissenschaften suchen. Als sechs Leitlinien für verantwortliches kirchliches Reden benannte der Theologieprofessor, es solle traditionsgebunden sein, religiös und gleichzeitig allgemeinverständlich, interdisziplinär fundiert, kritisch-konstruktiv, prophetisch und global orientiert.
Schon während seines Vortrags und dann in der anschließenden Aussprache brachte der Vorsitzende des ÖRK eine weltweite Perspektive ein: Die Empathie mit den Opfern von Gewalt, wo auch immer, gehöre zum Wesen des Christseins. Ebenso auch die Benennung derjenigen, die solche Gewalt ausüben. Bedford-Strohm prangerte besonders den Missbrauch von herausgerissenen Versen Heiliger Schriften wie Bibel oder Koran zum eigenen Machterhalt an - sei es durch die Hamas oder die jetzige Regierung Israels, durch Wladimir Putin oder Donald Trump...
Bedford-Strohm schloss mit einem eindringlichen Appell: Angesichts von Krisen, Ungerechtigkeit und Gewalt sei es entscheidend, die biblischen Hoffnungserzählungen neu zu entdecken. Diese Hoffnung sei, in Anlehnung an Bonhoeffer, nicht naive Zuversicht, sondern aktive Kraft, die zum Engagement für Frieden, Gerechtigkeit und die Schwachen befähigt. Eine „Reformation der Hoffnung“ sei unerlässlich, um den Herausforderungen der Gegenwart zu begegnen.
Quelle: MPBG (tb/jp)

