Liebe Küsterinnen und Küster!

„Freude dieser Stadt bedeute,
Friede sei ihr erst' Geläute.“

 

Mit diesen Worten endet Friedrich Schillers „Lied von der Glocke“. Es besingt die Entstehung einer Glocke. Als dann schließlich die neue Glocke aus der Gruft gehoben wird, in der sie gegossen wurde, kommt zur Sprache, wozu sie da sein soll:

 

„Freude dieser Stadt bedeute,
Friede sei ihr erst' Geläute.“ 

 

Freude: Glockenklang soll Freude bringen. Schöne Töne sollen die Luft eines Ortes erfüllen. Doch nicht alle mögen die Musik der Glocken. Es hat schon Gerichtsprozesse wegen des Geläuts gegeben. Dabei ist der Glockenklang nicht dazu da, Leute zu ärgern. Er soll nicht wehtun, sondern wohltun. Er soll schwingen und klingen, damit in uns etwas angerührt wird; damit es in uns schwingt.
Auf uns dringen viele Geräusche ein: Straßenlärm, Arbeitslärm, laute Musik, Streit, der laut geworden ist. Das gleichmäßige Läuten einer Glocke schafft im Lärm um uns herum eine andere Stimmung, eine beruhigende Stimmung. Es kann auch eine Mahnung in dem Klang liegen - eine Mahnung zur Besinnung, eine Mahnung gegen die Hektik, eine Mahnung an das, was eigentlich Freude bringt. „Freude dieser Stadt bedeute,…“.
Wie oft läuten Glocken zur Freude, zum Fest, zu feierlichen Anlässen! Aber sie läuten ja ebenso auch zur Trauer. Sie begleiten beim letzten Gang zum Grab. Da klingen sie tröstend an unser Ohr. Ihr Klang kann dem Chaos der Gefühle beim Tod eines Menschen entgegenwirken.
Chaos der Gefühle: Seit am 24. Februar 2022 Russland einen Krieg gegen die Ukraine begann, erleben viele ein Gefühlschaos bei sich selbst. So vieles stimmt nicht mehr, was bisher selbstverständlich zu sein schien! So vieles ist in die Brüche gegangen, worauf wir uns bisher verlassen zu können meinten! Unsere Welt ist mit einem Mal auf eine Weise zusätzlich bedroht, wie wir uns das nicht vorstellen konnten und auch nicht vorstellen wollten. Noch viel mehr trifft das für die Menschen zu, die vor dem Krieg geflohen sind und fast alles zurücklassen mussten, und erst recht für die, die weiter zu Hause ausharren - umgeben von Geschützdonner, gefährdet durch Schüsse und Explosionen und durch die Grausamkeiten der russischen Armee. Vor dem 24. Februar verlief das Leben dieser Menschen in den gewohnten Bahnen. Jetzt aber ist Chaos ringsum und wohl auch in vielen Betroffenen.

Glocken sind in der Vergangenheit oft selbst Kriegsopfer geworden. Sie wurden aus den Türmen geholt, zerschlagen und zu Kanonen umgeschmolzen. Umso glaubwürdiger ist ihr Klang ein Ruf gegen das Chaos des Krieges. Sie mussten im Krieg selbst dran glauben. Wenn sie läuten, schwingt deshalb die Sehnsucht nach Frieden mit.
In einem mehrstimmigen Geläut einer Kirche ist oft eine der Glocken die besondere Friedensglocke. Diese Glocke wurde der Bitte um Frieden geweiht. Vielleicht trägt sie die lateinische Inschrift: „O rex gloriae, veni cum pace.“ Zu Deutsch: „O König der Herrlichkeit, komm mit Frieden.“ Solche Glocken besonders, aber auch alle Glocken dienen dazu, die Kräfte des Friedens herbeizurufen. In einer Kriegszeit wie jetzt ist jedes Läuten von Glocken auch ein Friedensgebet. 
Glocken zur Freude der Menschen und als Bitte um Frieden - das ist ein heilsamer Klang mitten im schrillen Chaos unserer Tage.
Ihr
Andreas Flade