Vor 50 Jahren wurde Michael Gartenschläger an der Grenze erschossen Die Brutalität des DDR-Grenzregimes bloßgestellt
30.03.2026 · Schwerin/Büchen. Am 30. April vor 50 Jahren starb Michael Gartenschläger an der damaligen innerdeutschen Grenze. Ein Stasi-Kommando erschoss den 32-Jährigen, als er vom Westen aus eine Splittermine von einem DDR-Grenzzaun abbauen wollte.
Zweimal hatte es geklappt, zweimal war es gut gegangen. Doch als sich Michael Gartenschläger in der Nacht zum 1. Mai 1976 zum dritten Mal vom Westen aus der damaligen innerdeutschen Grenze in der Nähe von Büchen in Schleswig-Holstein näherte, um eine Splittermine „SM-70“ von einem DDR-Grenzzaun abzubauen, wurde der 32-Jährige durch ein Stasi-Kommando erschossen. Sein Todestag jährt sich am 30. April zum 50. Mal.
Mehr als 80 Schüsse feuerte das Kommando auf ihn ab, neun trafen ihn und verletzten ihn tödlich, wie die frühere Landesbeauftragte Mecklenburg-Vorpommerns für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, Anne Drescher, vor fünf Jahren mitteilte. Seine sterblichen Überreste seien unter äußerster Geheimhaltung in Schwerin als „unbekannte Wasserleiche“ eingeäschert und namenlos auf dem Schweriner Waldfriedhof beigesetzt worden. Erst nach 1990 wurde für Gartenschläger ein Ehrengrab auf dem Waldfriedhof eingerichtet.
DDR-Selbstschussanlagen
Michael Gartenschläger habe mit dem Nachweis der von der DDR geleugneten, sogenannten Selbstschussanlagen „die Brutalität des DDR-Grenzregimes und damit die SED-Diktatur bloßgestellt“, sagt der jetzige MV-Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der SED-Diktatur, Burkhard Bley. „Das ist sein Verdienst, dafür hat er sein Leben riskiert und letztlich auf grausame Weise verloren.“
Von 1971 an und bis zum Abbau 1984 waren nach früheren Angaben von Anne Drescher an der Westgrenze der DDR auf 447 Kilometern insgesamt etwa 60.000 Splitterminen SM-70 installiert worden. Eine ausgelöste Mine verschoss etwa 100 scharfkantige Stahlsplitter.
Konflikt mit DDR-System
Gartenschläger war in der DDR aufgewachsen. 1944 in Strausberg bei Berlin geboren, war er bereits als 17-Jähriger mit dem System in Konflikt geraten und 1961 nach Protesten gegen den Mauerbau in einem Schauprozess zu einer lebenslänglichen Zuchthausstrafe verurteilt worden. „Diese überzogene Bestrafung hat ihn in seinem Handeln gegen die DDR geprägt“, sagt Bley. Der Jugendliche soll Forderungen wie etwa „Macht das Tor auf“ auf Hauswände gemalt haben. Allerdings habe er sich auch an einer Brandstiftung beteiligt, in deren Folge eine Scheune abbrannte, so der Landesbeauftragte.
Von der Bundesrepublik freigekauft
Nach knapp zehn Jahren Haft, unter anderem im Jugendgefängnis Torgau, wurde der gelernte Dreher 1971 von der Bundesrepublik Deutschland freigekauft. Er wurde Tankwart, machte sich in Hamburg-Bergedorf als Tankstellenpächter selbstständig, reparierte in der angeschlossenen Werkstatt Autos, und er half „zahlreichen DDR-Bürgern bei der Flucht aus der DDR“, schreibt der Journalist Andreas Frost in seinem Buch zum Gartenschläger-Prozess vor dem Schweriner Landgericht. Im Jahr 2000 wurden die drei angeklagten beteiligten Schützen vom Landgericht Schwerin vom Vorwurf des versuchten Mordes freigesprochen.
„Michael Gartenschläger ist als Person nicht unumstritten als bezahlter Fluchthelfer oder auch wegen seiner finanziellen Interessen beim Abbau der SM-70“, sagt Burkhard Bley. Denn Gartenschläger habe eine SM-70 und die Geschichte an das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ verkauft.
Radtour auf den Spuren Gartenschlägers
Doch der Landesbeauftragte ist überzeugt: „An dem Schicksal von Michael Gartenschläger kann gerade durch junge Menschen sehr eindrücklich nachvollzogen werden, was es heißt, in einer Diktatur zu leben und dagegen aufzubegehren. Daher beschäftigen wir uns seit vielen Jahren auf unserer jährlichen Radtour entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze mit Schülerinnen und Schülern mit seinem Leben in allen Aspekten und gedenken seiner an dem Ort, an dem er erschossen wurde.“ Sein 50. Todestag sollte laut Bley Anlass sein, Gartenschlägers Schicksal auch überregional bekannt zu machen sowie Gedenken und Mahnen zu fördern.
Mit einer Veranstaltung am sogenannten Gartenschläger-Eck, einer Gedenkstätte bei Büchen, solle am 1. Mai (12 Uhr) der mutige Widerstand gegen die Unmenschlichkeit des DDR-Grenzregimes geehrt und an die Unrechts- und Gewaltgeschichte der SED-Diktatur erinnert werden. Nachmittags ist eine Kranzniederlegung am Ehrengrab auf dem Waldfriedhof Schwerin geplant.
Am 30. April werde im Grenzinformationszentrum „Grenzhus“ in Schlagsdorf im Landkreis Nordwestmecklenburg ein Geschichtsprojekt von Schülern zu Gartenschläger vorgestellt. Daran werde auch die SED-Opferbeauftragte Evelyn Zupke teilnehmen.
Quelle: epd