350. Todestag Nordkirche feiert Paul-Gerhardt-Nacht
Von Kristina Tesch
05.06.2026 · Eckernförde/Hamburg/Rostock. Von Eckernförde bis Rostock - die Nordkirche lädt gleich dreimal zu einer musikalischen Spurensuche durch die Lieder und Gedanken des großen Kirchenlieddichters Paul Gerhardt ein. Anlass ist sein 350. Todestag.
Mit Musik, Poesie und improvisierten Klängen erinnert die Nordkirche im Juni an einen der bedeutendsten Dichter des evangelischen Gesangbuchs. Unter dem Titel „krisen.kraft.kunst“ lädt eine Paul-Gerhardt-Nacht zu drei Abenden ein. Sie verbinden Choräle von Paul Gerhardt mit zeitgenössischer Lyrik, Saxofon- und Orgelimprovisationen sowie poetischer Moderation. Dabei geht es nicht nur um musikalische Tradition, sondern auch um die Frage, welche Kraft Kunst und Glauben in unsicheren Zeiten entfalten können.
Die Bischöfinnen Nora Steen (Schleswig und Holstein) und Kirsten Fehrs (Hamburg und Lübeck) sowie Bischof Tilman Jeremias (Mecklenburg und Pommern) haben jeweils in ihren Sprengeln die Schirmherrschaft für die Paul-Gerhardt-Nacht übernommen und werden bei den Veranstaltungen vor Ort sein.
„Gerade in einer Gegenwart, in der viele Gewissheiten ins Wanken geraten, brauchen wir die Kraft von Kunst, Musik und Gemeinschaft, die neue Perspektiven eröffnet und Menschen miteinander verbindet“, sagt Nora Steen. Kirsten Fehrs betont: „Paul Gerhardt hat eine Sprache gefunden, die hilft, dem Unfassbaren Worte zu geben.“ Tilman Jeremias ergänzt: „Seine Werke sind wie Resonanzräume für Vertrauen - gerade dann, wenn das Leben brüchig wird.“
Hans-Jürgen Wulf betont die bleibende Bedeutung des Dichters: „Keiner hat nach 350 Jahren mehr Lieder im Gesangbuch.“ Viele davon seien bis heute lebendige Gemeindelieder, sagt der Landeskirchenmusikdirektor in den Sprengeln Schleswig und Holstein sowie Hamburg und Lübeck. Besonders beeindrucke ihn die Tiefe der Texte: „Seine Bildersprache ist bis heute anschlussfähig und das Vertrauen, das aus seinen Liedern spricht, vermutlich deshalb bis heute so tragfähig, weil es von seinen eigenen Erfahrungen gedeckt ist.“
Auch für den Rostocker Kirchenmusikdirektor Karl-Bernhardin Kropf liegt die Stärke von Gerhardts Liedern in ihrem Zusammenspiel von Text und Melodie. „Obwohl es jetzt um den Dichter Gerhardt geht, sind auch die Melodien wichtig“, sagt er. Viele dieser Melodien seien den Menschen heute noch vertraut. „Deshalb glaube ich, dass die Lieder Paul Gerhardts unter dem älteren Gesangbuch-Repertoire noch lange Zeit eine führende Bedeutung haben werden - natürlich auch wegen der trotz der hohen Poesie immer noch anschlussfähigen Texte.“
Texte bewegen sich zwischen Alltag und Staunen
Für die Hamburger Kirchenmusikerin Jasmin Zaboli sind Gerhardts Lieder Räume für menschliche Erfahrungen. „Lieder über den Glauben sind wie Gefäße, in die wir menschliche Erfahrungen, Gefühle und Gottesmomente hineinlegen können.“ Die Texte bewegten sich zwischen Alltag und Staunen und könnten deshalb bis heute berühren. Nicht ohne Grund seien viele seiner Texte von Komponisten wie Johann Sebastian Bach vertont worden und hätten ihren Weg in die Musikgeschichte gefunden.
Auch Katja Kanowski beobachtet diese Wirkung im kirchlichen Alltag. „Paul Gerhardts Texte sind teilweise nach wie vor in aller Munde“, sagt die Kirchenmusikdirektorin aus Eckernförde. Besonders das Sommerlied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ werde auch von Menschen mitgesungen, die der Kirche sonst fernstehen. „In ihrer existenziellen Kraft und Zuversicht sind seine Texte immer noch tröstend und stärkend.“
Konzertabende greifen Kraft der Texte auf
Die Konzertabende greifen diese Kraft auf und verbinden sie mit neuen künstlerischen Formen. Saxofon, Orgelimprovisationen und Rezitation verweben sich zu einer musikalisch-poetischen Collage. Mit dabei ist unter anderem der Jazzmusiker Volker Holly Schlott, der 2023 mit dem Deutschen Jazzpreis ausgezeichnet wurde. Gemeinsam mit weiteren Künstlerinnen und Künstlern entsteht ein Abend, der bewusst zwischen Tradition und Gegenwart pendelt.
Auch das Publikum wird Teil des Projekts: Auf Postkarten können Besucherinnen und Besucher Gedanken oder Gefühle notieren, die ihnen während der Veranstaltung kommen. Diese Karten werden anschließend an ein großes Banner geheftet und ergänzen so das Motto des Abends „krisen.kraft.kunst“ um persönliche Stimmen.
Texte sind geprägt von Vertrauen und Hoffnung
Paul Gerhardt (1607-1676) gilt als einer der wichtigsten evangelischen Liederdichter. Er lebte in einer Zeit großer Umbrüche nach dem Dreißigjährigen Krieg, erlebte Krankheit, persönliche Verluste und politische Konflikte. Dennoch sind seine Texte geprägt von Vertrauen und Hoffnung. Lieder wie „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ oder „Ich steh an deiner Krippen hier“ gehören bis heute zum Kernbestand des Evangelischen Gesangbuchs.
Karl-Bernhardin Kropf würde Paul Gerhardt heute fragen, woher auch in schwerster Zeit seine große Zuversicht kam. „War es der Einfluss oder das Vorbild nahestehender Menschen oder war es das Evangelium?“ Auch Katja Kanowski interessiert die Zuversicht des Liederdichters, und wie er es geschafft hat, sie nicht zu verlieren. Hans-Jürgen Wulf würde von Gerhardt gern wissen, „woher er die Kraft und Inspiration genommen hat, gegen alle Erfahrung und den äußeren Anschein so vertrauensvoll zu dichten, zu singen und nicht aufzugeben“. Für Jasmin Zaboli ist die Frage klar: „Lieber Paul Gerhardt, welche Zeilen trösten Sie selbst am meisten?“ Alle vier würde außerdem interessieren, welches Paul Gerhardts Lieblingslied wäre.
Vielleicht liegt darin ihre bleibende Kraft: Gerhardts Texte verschweigen die Krisen des Lebens nicht, sondern nehmen sie ernst und suchen dennoch nach Trost, Zuversicht und Vertrauen. Die Paul-Gerhardt-Nacht möchte diese Haltung hörbar machen und lädt dazu ein, alte Worte neu zu entdecken. Wulf: „Ein Stück lebendige Glaubenstradition - bis heute.“
Die Paul-Gerhardt-Nacht findet am 7. Juni in der St. Nicolai-Kirche in Eckernförde, am 13. Juni in der St. Andreas-Kirche in Hamburg-Harvestehude und am 14. Juni in der St. Marien-Kirche in Rostock statt. Beginn ist jeweils um 20 Uhr.
Quelle: epd