Nachhaltigkeit und neue Erinnerungsorte im Fokus Kirchliche Friedhöfe im Wandel
Foto: ELKM-Friedhofsverwaltung
29.01.2026 · Boltenhagen/Güstrow. Evangelische Beerdigungen sind nach wie vor mit Abstand die häufigste Amtshandlung von Pastorinnen und Pastoren. Allein in Mecklenburg finden jährlich durchschnittlich rund 1.600 kirchliche Trauerfeiern statt. Oft werden sie auf kirchlichen Friedhöfen gefeiert. Die organisatorischen Fäden halten im Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreis Mecklenburg rund 100 Friedhofsmitarbeitende sowie das Team der Zentralen Friedhofsverwaltung in Güstrow zusammen.
Im vergangenen Quartal trafen sich 80 Haupt- und Ehrenamtliche aus diesem Bereich zu ihrer Jahrestagung im Feriendorf Boltenhagen. „Seit 2015 sind auch Interessierte aus dem Pommerschen Evangelischen Kirchenkreis dabei“, berichtet Grit Behrsing-Siebert von der Zentralen Friedhofsverwaltung. Sie hatte die Tagung gemeinsam mit der mecklenburgischen Koordinatorin für Friedhofsentwicklung, Stefanie Reißig, vorbereitet.
Nachhaltigkeit auf Friedhöfen stärken
Ein thematischer Schwerpunkt der Tagung lag auf dem Thema Nachhaltigkeit. Vorgestellt wurden konkrete Projekte, die sich gut für Friedhöfe eignen und vielerorts bereits umgesetzt werden: Insektenhotels, Unterschlupfmöglichkeiten für Igel – etwa Laubhaufen oder kleine Holzhäuschen – sowie Vogelnistkästen und die Winterfütterung von Vögeln. Auch Blühwiesen spielen dabei eine wichtige Rolle. „Diese Maßnahmen sind gut auf dem Weg“, so Behrsing-Siebert. Zur weiteren Anregung befindet sich derzeit ein Flyer mit praktischen und nachhaltigen Hinweisen bei Regina Möller im Zentrum Kirchlicher Dienst Mecklenburg in Arbeit.
Friedhöfe neu denken: individuelle Erinnerungsorte gestalten
Neue Impulse brachte die Lübecker Landschaftsarchitektin Ingrid Gock in die Runde. Zu einer naturnahen und nachhaltigen Gestaltung von Freiflächen zählen demnach pflegeleichte Hecken, Bäume und Stauden. Auch stillgelegte Teile von Friedhöfen sollten bewusst gestaltet werden – etwa mit Holzbänken aus umgefallenen Bäumen. So könnten individuelle Erinnerungsorte entstehen, die zum Verweilen einladen.
Hintergrund ist ein sichtbarer Veränderungsprozess: Wandelnde Normen und Werte, die erhöhte Mobilität der Gesellschaft, dezentrale Familienstrukturen, Sorgen um Grabpflege, alternative Beisetzungsformen sowie soziale Netzwerke lassen Friedhöfe für viele Menschen heute weniger selbstverständlich erscheinen. „Friedhöfe müssen deshalb umfassend analysiert und neu gedacht werden“, betont Grit Behrsing-Siebert.
Nachahmenswerte Beispiele für die „Oasen der Erinnerung“
In Mecklenburg gibt es bereits zahlreiche Beispiele für eine neue, offene Friedhofskultur. Angeboten werden Führungen zu Bestattungsmöglichkeiten, Natur- oder historischen Themen, manchmal auch sogenanntes „Friedhofsgeflüster“. Neue Grabanlagen entstehen, die bewusst gestaltet sind und nicht nur aus glatten Rasenflächen bestehen. Die Individualität von Verstorbenen und Trauernden rückt stärker in den Mittelpunkt, häufig verbunden mit nachhaltigen Konzepten.
Lapidarien werden angelegt, Dorfgeschichten erzählt, Kunstwerke integriert, vereinzelt auch Ausstellungen gezeigt. Zudem entstehen Trauerräume, Orte der Stille, versteckte Ecken und Sitzgelegenheiten zum Ruhen, Innehalten, Weinen und Träumen. „Gemeinsame Arbeitseinsätze und Veranstaltungen auf dem Friedhof fördern das Miteinander in den Orten“, ist Stefanie Reißig überzeugt. Projekte mit Kitas und Schulen gehörten ebenso dazu wie erste digitale Angebote.
Großteil der kirchlichen Friedhöfe zentral verwaltet
Die Zentrale Friedhofsverwaltung in der Kirchenkreisverwaltung Mecklenburg betreut inzwischen rund 520 der insgesamt 576 kirchlichen Friedhöfe. Im laufen Jahr 2026 sollen – so wie jüngst der Friedhof in Grevesmühlen - weitere Gottesacker hinzukommen, da die zuständigen Kirchengemeinden um Übernahme ihrer Friedhöfe in die zentrale Verwaltung gebeten haben. Wenige, vor allem größere Friedhöfe wie in Ludwigslust, organisieren ihre Angelegenheiten weiterhin eigenständig. Eigenverwaltete Friedhöfe gibt es beispielweise ebenso in Lübz, Biestow und Schönberg.
Im Jahr 2025 wurden zwei Friedhöfe an politische Gemeinden abgegeben, zwei weitere gingen aus kommunaler in kirchliche Trägerschaft über. Derzeit bestehen 21 Schließungsbeschlüsse für Friedhöfe im Kirchenkreis Mecklenburg. Dabei handelt es sich zumeist um wenig belegte und kaum noch genutzte Orte. „Bestehende Grabstätten können bis zum Ablauf der Ruhezeiten weiterhin genutzt werden“, unterstreicht Stefanie Reißig. Partnerbeisetzungen auf einer geschlossenen Friedhofsfläche könnten aber nur stattfinden, wenn es ein Nutzungsrecht mit einer freien Grabstelle gibt.
Reißig: „Wenn also jemand ein Doppelgrab erworben hat und somit eine gemeinsame Beisetzung quasi im Vorfeld geplant wurde. Oder ein Urnenwahlgrab mit einer Doppelbelegung erworben wurde. Wenn eine Einzelstelle erworben wurde, kann der Partner nicht mehr beigesetzt werden.“ Langfristig sollen diese Orte jedoch nicht mehr als Friedhöfe vorgehalten werden, da die Nachfrage in den vergangenen Jahren kaum oder gar nicht vorhanden war, erläutert die Koordinatorin. Auf 159 Friedhöfen wurden zudem Teilflächenschließungen vorgenommen. Bestimmte Bereiche werden dabei aus der Bestattungsfläche herausgenommen, um Beisetzungen künftig zu konzentrieren und den Pflegeaufwand zu reduzieren.
Förderprogramm für Baumpflege nutzen
Die Pflege der Friedhöfe bleibt insgesamt eine Herausforderung – insbesondere mit Blick auf den Baumbestand. Deshalb stellt der Kirchenkreis Mecklenburg jährlich insgesamt 200.000 Euro an Zuschüssen für Baumpflegemaßnahmen zur Verfügung. Entsprechende Anträge können bei der Kirchenkreisverwaltung gestellt werden.
Ein wichtiges Thema ist dabei auch der Arbeitsschutz. Der Vortrag von Dozent Michael Krell zu Arbeiten mit Motorsägen und ähnlichen Geräten stieß in Boltenhagen auf großes Interesse. „Denn einmal jährlich müssen alle Friedhofsmitarbeitenden zum Arbeitsschutz belehrt werden“, unterstreicht Grit Behrsing-Siebert, die insgesamt sehr zufrieden mit der Tagung ist: „Sie war für alle stärkend und schön.“ Ein Dank gelte den Kirchengemeinden, die es ihren Friedhofsmitarbeitenden zeitlich ermöglichen, an der Tagung teilzunehmen und sich auszutauschen und weiterzubilden und damit ihr Interesse an einer Entwicklung ihrer Friedhöfe bekunden.
Mehr zum Thema Kirchliche Beerdigung: www.kirche-mv.de/feiern-im-leben/beerdigung
Quelle: ELKM (cme)