Welttag der Muttersprache Plattdeutsch: Totgesagte leben länger

Von Nicole Kiesewetter

18.02.2026 · Greifswald. Am 21. Februar ist Welttag der Muttersprache. Zählt Plattdeutsch eigentlich auch dazu? Für die Greifswalder Sprachforscherin Birte Arendt ist die Frage nicht einfach zu beantworten.

„Jein“ antwortet Birte Arendt, wenn sie gefragt wird, ob Niederdeutsch oder Plattdeutsch eine Muttersprache sei. „Ja, Niederdeutsch ist eine Muttersprache für die, die mit Niederdeutsch aufgewachsen sind“, sagt die Leiterin des Kompetenzzentrums für Niederdeutschdidaktik in Greifswald. Man spreche von L1, das L steht für language (Sprache) und bezeichnet die Sprache oder die Sprachen, die ein Mensch von Geburt an oder in der frühen Kindheit als erste Sprache erwirbt.

 

Als L2 bezeichne man den Erwerb einer zweiten Sprache - „und das ist tatsächlich für viele das Niederdeutsche - nicht nur in Deutschland, sondern auch international, wenn wir beispielsweise in die Niederlande schauen oder nach Brasilien, wo man in bestimmten Regionen das Pomerano, einen niederdeutschen Dialekt, spricht.“ Aber schaue man auf den schulischen Kontext, sei es eine Fremdsprache, die vermittelt werde.

 

Viele Landschaftsdialekte

 

„Tatsache ist, wir haben immer weniger Sprecherinnen und Sprecher, die das als Muttersprache im innerfamiliären Gebrauch erwerben, weshalb es dann auch schulisch vermittelt wird in den Kindergärten und auch an den Hochschulen. Wenn wir also sagen würden, Niederdeutsch ist nur Muttersprache, dann greift das zu kurz“, so Arendt.

 

Im Ostniederdeutschen Raum seien Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt die zentralen Bundesländer, in denen Niederdeutsch gesprochen wird, im westlichen niederdeutschen Raum Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hamburg, Bremen und Nordrhein-Westfalen. Innerhalb dieser Bereiche gebe es allein 19 Landschaftsdialekte. „Die Einheit in der Vielfalt, das wäre sicherlich so das, womit man Niederdeutsch am besten charakterisieren könnte“, sagt die Hochschullehrerin.

 

Schulische Modellprojekte

 

Seit einigen Jahren gebe es schulische Modellprojekte, in denen Niederdeutsch Unterrichtsfach sei, aber meistens werde es auf freiwilliger Basis als Wahlpflichtfach oder als Arbeitsgemeinschaft angeboten. In Mecklenburg-Vorpommern gebe es aktuell vier Profilschulen, die mit Niederdeutsch zum Abitur führen. „Im universitären Bereich sehen wir ein sehr starkes Interesse bei Studierenden.“ An der Universität Greifswald gebe es seit über 30 Jahren eigenständige Niederdeutsch Studiengänge, die Universität Oldenburg habe einen Bachelor- und Masterstudiengang eingeführt.

 

Ziel sei, eine durchgängige Sprachbiografie ermöglichen zu können, „dass man von der Grundschule damit aufwächst und dann die Sprache im besten Fall mitnimmt bis zum Abitur.“ Was Arendt auch beobachtet ist, „dass Niederdeutsch auch cool sein kann und im Alltag ja auch immer wieder mal umgangssprachlich benutzt wird - Denken Sie an `Moin' oder 'Sabbel nich so viel'“.

 

Plattdüütsch im Gottesdienst

 

Auch die Kirche in Mecklenburg-Vorpommern hat sich auf die Fahne geschrieben, die Plattdeutsche Sprache zu erhalten. „Plattdüütsch ist wie jede Sprache ein Kommunikationsmittel. Es ist eine einfache Sprache, abstrakte Wörter werden aufgelöst und mit einfachen Worten umschrieben,“ sagt Jürgen Hansen vom Plattdeutschen kirchliche Zentrum Kirch Stück bei Schwerin.

 

In der dortigen Kirche St. Georg wird der niederdeutschen Sprache ein besonderer Raum gegeben. So werden kirchliche Veranstaltungen in Plattdeutsch angeboten. Der im Jahre 2012 gegründete Förderverein Kirch Stück organisiert bis zu 15 Kulturveranstaltungen im Jahr, darunter auch viele in plattdeutscher Sprache. Kirchengemeinde und Förderverein betreiben gemeinsam das Plattdeutsche kirchliche Zentrum.

 

Hansen ist überzeugt davon, Plattdüütsch gehe zu Herzen und mache den Gottesdienst menschlich: Der Abstand zwischen Pastor und Gemeinde wird kleiner. Oder, wie es auf der Internetseite des Arbeitskreises „Plattdüütsch in de Kirch“ heißt: „Plattdüütsch passt good to den Updrag von uns Christen, de Minschen to seggen: Gott hett di leiw, jüst so as du büst.“

 

Niederdeutsch ist eine gefährdete Sprache

 

Fakt sei, Niederdeutsch stehe im „redbook“, im roten Buch der gefährdeten Sprachen, sagt Professorin Birte Arendt. „Wir finden unterschiedliche Zahlen, die reichen von zwei Millionen Sprechern weltweit bis hin zu nur noch ein paar 100.000.“ Doch Arendt weiß, „wir haben eine über 400-jährige Tradition, dass Niederdeutsch totgesagt wird. Aber Totgesagte leben meistens länger und das scheint für das Niederdeutsche auch zu gelten.“

 

Zum Erhalt des Niederdeutschen könne jeder etwas in seinem eigenen Umfeld tun, in dem er Plattdeutsch spreche. Man könne mit einzelnen Phrasen oder Wörtern anfangen und dann sehen, welche Leute darauf reagieren. „Und vielleicht bemerkt man, dass Leute Plattdeutsch sprechen können, von denen man es gar nicht vermutet hat. Na ja, und dann kommt man ins Gespräch, das wäre auf jeden Fall ein Anfang.“

Quelle: epd