Sensationsfund Unbekannte Augustinus-Predigten entdeckt

Paul Nebauer in-Pelplin

Foto: Privat

04.08.2026 · Bad Doberan/Pelplin. Ein außergewöhnlicher Handschriftenfund mit internationaler Bedeutung lenkt den Blick auf die mittelalterliche Bibliothek des Klosters Doberan: In einer Handschrift aus dem ehemaligen Zisterzienserkloster wurden zwei bislang unbekannte Predigten des Kirchenvaters Augustinus entdeckt. „Nach fast zweijährigen wissenschaftlichen Untersuchungen bestätigten führende Augustinus-Forscher ihre Echtheit. Über die Entdeckung berichtete inzwischen auch die vatikanische Tageszeitung L’Osservatore Romano“, sagte Pastor Volkmar Seyffert vom Klosterverein Doberan. Die beiden Predigten würden noch 2026 im renommierten Editionsprojekt Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum (CSEL) veröffentlicht.

Spurensuche nach den Handschriften des Klosters Doberan

 

Seit vielen Jahren erforscht der Klosterverein Doberan die verstreuten Handschriften der einst bedeutenden Klosterbibliothek. Von den mittelalterlichen Beständen ist in Bad Doberan heute nichts mehr erhalten. Weitere Bibliotheken der Zisterzienserklöster gingen durch Krieg und Säkularisation verloren. Nur wenige Handschriften Doberaner Herkunft sind bislang bekannt.

 

Neue Forschungsmöglichkeiten eröffneten sich 2024 und 2025 durch die Diözesanbibliothek im polnischen Pelplin. Dort konnten sechs Handschriften eindeutig dem Kloster Doberan zugeordnet werden, bei weiteren sechs gilt eine Doberaner Herkunft als sehr wahrscheinlich.

 

Eine unscheinbare Handschrift birgt eine Sensation

 

Bei der Durchsicht von mehr als 3.000 Seiten stieß der Bad Doberaner Paul Neubauer auf die Handschrift Ms 114/195. Ein unscheinbares Inhaltsverzeichnis gab zunächst kaum Hinweise auf ihren Wert. Erst einzelne lateinische Stichworte sowie der rote Eintrag Sermo sancti Augustini weckten seine Aufmerksamkeit.

 

„Dieses ungewöhnliche Thema weckte meine Neugier und führte zu einer eingehenden Untersuchung der Predigten“, berichtet Neubauer. Da seine Kenntnisse des mittelalterlichen Lateins für eine abschließende Bewertung nicht ausreichten, wandte er sich an das Zentrum für Augustinus-Forschung in Würzburg. Dort begann eine intensive wissenschaftliche Prüfung. Sprache, Stil, Wortschatz und Rhetorik wurden mit rund 600 bekannten authentischen Predigten Augustins verglichen. Die Ergebnisse wurden im Herbst 2025 auf einer internationalen Fachtagung in Wien diskutiert.

 

Internationale Fachwelt bestätigt Echtheit

 

Im Mai 2026 bestätigten schließlich Prof. Christian Tornau (Würzburg) sowie Prof. Dorothea Weber und Dr. Clemens Weidner (beide Wien), dass es sich tatsächlich um zwei bislang unbekannte Predigten des heiligen Augustinus handelt. „Damit bestätigte sich eine Vermutung, die ich selbst kaum zu glauben gewagt hatte“, sagt Paul Neubauer. Die Predigten behandeln die alttestamentliche Erzählung von Saul und der Hexe von Endor. Augustinus hielt sie als aufeinanderfolgende Sonntagspredigt und Mittwochspredigt. Nach Einschätzung von Prof. Christian Tornau zeigen die Texte eine für Augustinus typische Vorgehensweise: Er legt verschiedene Deutungsmöglichkeiten offen, verzichtet aber bewusst auf ein abschließendes Urteil und regt seine Zuhörer zum eigenen Nachdenken an.

 

Neue Aufmerksamkeit für das Kloster Doberan

 

Mit der Entdeckung gewinnt die mittelalterliche Bibliothek des Klosters Doberan internationale wissenschaftliche Bedeutung. Zugleich zeigt der Fund, welches Potenzial in den überlieferten Handschriften Doberaner Herkunft weiterhin steckt. Eine besondere symbolische Verbindung besteht zudem zum Doberaner Münster: Auf dem berühmten Mühlenaltar von 1410 ist Augustinus gemeinsam mit den drei weiteren großen lateinischen Kirchenvätern dargestellt. Mehr als sechs Jahrhunderte später sind nun zwei weitere Worte dieses bedeutenden Kirchenvaters wieder ans Licht gekommen – ein außergewöhnlicher Fund, der die Geschichte des Klosters Doberan um ein bedeutendes Kapitel erweitert.

Quelle: ELKM (cme/pne)