Hamburger CSD-Gottesdienst Rote Rosen unterm Regenbogen
Von Artur Fischer-Meny
02.08.2026 · Hamburg. In der Hamburger St. Pauli-Kirche suchte ein CSD-Gottesdienst am Sonntag nach Wegen aus der Angst. Polizei, Kirche und liberale Muslime warben für sichtbare Solidarität.
„Ihr Lieben, wir sind ja ganz schön viele!“ Pastor Sieghard Wilm blickt am Sonntagvormittag in Hamburg in eine voll besetzte St. Pauli-Kirche. Rund 150 Menschen sind gekommen. Nachdem einen Tag zuvor in der Hamburger Innenstadt etwa 300.000 Menschen bei der Demonstration zum Christopher Street Day (CSD) lautstark und farbenfroh für die Rechte queerer Menschen demonstrierten, soll es in der Kirche unter der Überschrift „Der Angst die Macht nehmen“ leiser und nachdenklicher werden.
Ganz ohne Farbe geht es freilich nicht. Vor dem Altar hängt eine große Regenbogenflagge, zwischen den Blumen in den Vasen stecken kleine Fahnen. Und statt nur Choräle erklingen auch „Somewhere over the Rainbow“ und Hildegard Knefs „Für mich soll's rote Rosen regnen“ am Flügel.
Keine hundertprozentige Sicherheit
Einer der Gottesdienstbesucher fällt zwischen all den bunten Farben besonders auf. Kay Strasberg, Leiter des Polizeikommissariats 15 und damit Chef der Davidwache, steht in Dienstkleidung vor der Gemeinde. Auf seinem Rücken steht „Einsatzleitung“, an der Uniform trägt er seine Dienstwaffe. Vollbart und Tattoos passen durchaus nach St. Pauli.
Strasberg war im vergangenen Jahr als Polizeiführer für den Einsatz rund um den Christopher Street Day verantwortlich. Auch diesmal plante sein Kommissariat den Polizeieinsatz mit und führte einen Einsatzabschnitt. Als der seit 34 Jahren tätige Hamburger Polizist ans Lesepult tritt, spricht er frei. Sein kurzer Beitrag wird immer wieder von Applaus unterbrochen.
Eine hundertprozentige Sicherheit könne es bei einer Großveranstaltung nicht geben, sagt Strasberg. Nach dem Anschlag auf den Berliner CSD sei die Verantwortung bei der diesjährigen Hamburger Parade besonders spürbar gewesen. „Da war Bauchkribbeln.“ Zugleich habe die Polizei alles dafür getan, dass der CSD sicher stattfinden und Hamburg damit ein Signal senden könne.
Polizei muss Haltung zeigen
Einen Königsweg gegen die Angst kenne auch er nicht, sagt Strasberg. Doch er zeigt sich überzeugt: „Bei allem Neutralitätsgebot der Polizei darf, kann und muss sie Haltung zeigen.“ Haltung gegen Diskriminierung, Rassismus und homophobe Beleidigungen.
Was Menschen Angst macht, davon spricht auch Odette Neitzel, Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes. Sie fürchte, „dass Menschen sich nicht mehr sicher fühlen dürfen, so zu leben, wie sie sind, wie sie lieben“. Dass sie zweimal überlegen müssten, ob sie zu einem CSD gehen oder in der Öffentlichkeit die Hand des Menschen halten, den sie lieben.
Schweigen schützt niemanden
Der Liberal-Islamische Bund stehe seit vielen Jahren an der Seite queerer Menschen, betont Neitzel - nicht trotz, sondern gerade wegen seines Glaubens. Sie wünsche sich, dass sich mehr muslimische Stimmen ebenso klar äußerten: „Queerfeindlichkeit darf niemals relativiert oder beschwiegen werden.“ Schweigen schütze niemanden, sondern lasse die Betroffenen allein.
Zugleich warnt Neitzel davor, nach Gewalttaten ganze Bevölkerungsgruppen unter Generalverdacht zu stellen. Hass bleibe nie bei einer einzigen Gruppe stehen, sondern suche sich immer neue Opfer. Ihre Hoffnung richte sich deshalb auf eine Gesellschaft, „in der niemand zwischen seiner Identität, seiner Liebe und seiner Sicherheit wählen muss“.
Pastor Wilm greift in seiner Predigt den 23. Psalm auf. Das alte Bild vom Gang durch das finstere Tal verbindet er mit den Erfahrungen queerer Menschen: böse Blicke, Beschimpfungen. Die Bibel dürfe nicht denen überlassen werden, die sie gegen queere Menschen verwendeten, sagt Wilm: „Uns gehört dieser Text. Und er gehört nicht denen, die uns mit der Bibel erschlagen wollen.“
Glaube bedeutet auch Widerstand
Glaube bedeute für ihn auch Widerstand: der Angst trotzig die Macht zu entreißen. „Wir werden nicht aufhören zu tanzen, damit die Angst verliert“, sagt der Pastor. Doch nach dem CSD komme der Alltag, und der sehe für viele Menschen keineswegs schillernd und bunt aus.
Wie Kirche in diesem Alltag helfen kann, beschreibt Malte Stets, der neue Pastor bei „positiv leben&lieben“, der früheren Hamburger Aids-Seelsorge. Angst sei zunächst nichts Falsches, sie warne und schütze. Zum Problem werde sie, wenn sie beginne, das Leben zu bestimmen. Kirche habe deshalb die Pflicht, aus Liebe heraus Räume zu schaffen, in denen Menschen so willkommen seien, wie sie sind: „Wir müssen sichere Orte schaffen, und wir müssen sichere Orte sein.“
Kaffee, Gurken und Rollmops
Nach mehr als anderthalb Stunden endet der Gottesdienst. Hinten warten Kaffee, Gurken und Rollmops. Letzteren hat Wilm bereits in seiner Übertragung des 23. Psalms untergebracht: Gott decke eine Festtafel, die Gläser würden niemals leer - „und Rollmops gibt es auch noch“.
Unter dem Regenbogen der St. Pauli-Kirche ist das an diesem Sonntag keine Nebensache. Es fühlt sich an wie eine sehr hamburgische Antwort auf Angst: zusammenbleiben, Haltung zeigen - und sich den Appetit auf das Leben nicht nehmen lassen.
Quelle: epd