Sozialpädagogin Cornelia Gürgen sorgt sich um Benachteiligte im Lockdown "Mir zerreißt es das Herz“

Von Sybille Marx

Sozialpädagogin Cornelia Gürgen hat ihr Büro in der Auferstehungskirche in Stralsund Grünhufe. Normalerweise bieten Kirche und Diakonie hier viele Veranstaltungen an: Jugendgottesdienste, offene Treffs, Umsonstladen, integrative Abende, Beratungen und mehr. Mehrere hundert Menschen erreichen sie mit ihren Angeboten jede Woche. Jetzt liegt das meiste brach.

Foto: Foto: privat

19.04.2021 · Stralsund. Menschen, die es im Leben eher schwer haben, fallen in Zeiten der Corona-Einschränkungen erst recht durchs Raster, meint Sozialpädagogin Cornelia Gürgen vom Kreisdiakonischen Werk Stralsund. Auf wechselnden Projektstellen engagiert sie sich seit Jahren für Familien, Zugewanderte oder Arbeitssuchende im Viertel Grünhufe – und privat in der Luther-Auferstehungsgemeinde, die dort mit der Diakonie unter einem Dach arbeitet. Sybille Marx hat mit ihr gesprochen.

Frau Gürgen, wie geht es den Menschen in Stralsund Grünhufe nach gut einem Jahr im Ausnahmezustand, was beobachten Sie?


Meinem Eindruck nach werden die Leute immer dünnhäutiger, reagieren schneller gereizt oder aggressiv. Und ich fürchte, je länger der Lockdown dauert, desto schlimmer wird es. Neulich zum Beispiel hat eine Frau bei uns nach einem Bastelset gefragt – die verteilen wir alle paar Wochen im Viertel, weil wir keine Bastelnachmittage mehr anbieten können. Als sie hörte, dass keins mehr da sei, hat sie das völlig aus der Bahn geworfen! Von Beraterinnen, mit denen ich vernetzt bin, höre ich Ähnliches.


Was genau hören Sie da?


Mitarbeiterinnen von der Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt berichten, dass sich weniger Menschen an sie wenden. Auf dem Papier sieht das schön aus – als gebe es jetzt weniger Probleme. Aber nach allem, was die Beraterinnen wissen, ist das Gegenteil der Fall. Es braucht oft viele Begegnungen, Impulse und Ermutigungen von außen, bis sich jemand traut, bei häuslicher Gewalt Hilfe zu holen – das fehlt jetzt alles. Von Kita-Leiterinnen weiß ich, dass viele Eltern im Moment gereizter und aggressiver auftreten als sonst, dass die Erzieherinnen den Auftrag bekommen haben, möglichst zu jedem Kind Kontakt zu halten. Unsere Seniorentrainer aus dem Nachbarschaftszentrum der Diakonie, die sonst zu Bewegung und Kontakten animieren, müssen zusehen, wie die alten Leute vereinsamen, abbauen und Kompetenzen verlieren, die sie vielleicht nicht wiedergewinnen. Die Psychiatriekoordinatorin berichtet von viel mehr Patienten mit Angststörungen oder Depressionen…das alles sind Kollateralschäden der Maßnahmen, die ich wirklich schlimm finde.


Was würden Sie sich angesichts dieser Schwierigkeiten wünschen?


Dass all diese Probleme stärker in den Blick gerückt werden. Ja, Corona ist gefährlich, aber es gab und gibt auch noch andere Probleme, die unsere Aufmerksamkeit brauchen. In Grünhufe leben viele Menschen, die es ohnehin nicht leicht haben im Leben – die fallen jetzt völlig durchs Raster! Die integrativen Treffs, die offenen Beratungsstellen, das Nachbarschaftszentrum mit seinen niedrigschwelligen Angeboten… die haben jetzt alle dicht! Und was wir digital machen können, hilft vielen unserer Klienten nicht. Ich wünsche mir auch, dass im Blick auf Corona mehr Hoffnung verbreitet und Mut gemacht wird. In den Medien geht es nur um die erste Welle, die zweite, die dritte, Bilder von Särgen, Impfschwierigkeiten…


Von der Kirche wünsche ich mir besonders, dass sie in diesen Krisenzeiten Halt und Hoffnung gibt. Viele Gemeinden machen das ja punktuell. Aber es könnte noch mehr werden. Wir haben doch etwas, wo wir hinblicken können – was uns Hoffnung gibt! Darüber mehr zu reden, fände ich gut.


Gleichzeitig sollten wir auch denen eine Stimme geben, die nicht sagen können: Ich hatte im Lockdown eine schöne intensive Zeit mit meiner Familie. Man muss laut sagen dürfen, dass die Maßnahmen weh tun und dass sie Menschen vereinsamen lassen. Wir alle brauchen Nähe und Berührungen, diese Sehnsucht hat Gott ganz tief in uns hineingelegt, die können wir nicht einfach wegwischen. Ich freue mich darum über jeden Pastor, der in aller Vorsicht weiter Besuche macht. Und über jede Gemeinde, die das gesetzlich Mögliche ausschöpft.


Was kriegen Sie von den Kindern aus dem Viertel mit?


Ich fürchte, es gibt jetzt eine große Zahl von Kindern, die vor dem PC festsitzen, zum Teil schulisch, zum Teil zockend, denn viele Kinder sehe ich einfach gar nicht mehr, nicht beim Einkaufen, nicht auf den Spielplätzen. Ich erlebe Eltern, die sagen: Ich will das nicht, aber wenn sich mein Kind mit Freunden online zum Computerspielen verabredet, ist das wenigstens eine Art Kontakt, das kann ich doch nicht auch noch verbieten! Was das für das Thema Mediensucht bedeutet, werden wir wohl in ein paar Monaten oder Jahren sehen.


Mir begegnen auch immer wieder Kinder im Viertel, die ziellos umherstreifen und nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen. Die Freizeittreffs haben zu, Sportvereine und Musikschulen auch, auf den Spielplätzen ist keiner von ihren Freuden, verabreden dürfen sie sich nicht. Sie haben Sehnsucht nach Begegnungen. Mir zerreißt es das Herz, wenn sie mich fragen, ob sie mich besuchen dürfen! Ich kann dann nur sagen, ich rufe Dich an, oder wir gehen mal spazieren. Die älteren, die Jugendlichen, treffen sich zum Teil einfach heimlich – was ja sehr menschlich ist. Für sie ist die Clique das allerwichtigste. 


Sie sind derzeit vor allem dafür zuständig, Ehrenamtliche in der Migrantenarbeit zu vernetzten. Wie ist die Lage in diesem Bereich?


Sprachkurse fallen aus, es gibt keine Begegnungen, die ganze Integrationsarbeit liegt praktisch brach. Von den Ehrenamtlichen aus diesem Bereich kriege ich viele Mails. Die vermissen ihre Arbeit. Ich selbst habe vor Corona mit Begeisterung die „Ladies Lounge“ angeboten – Abende, bei denen zu einem Drittel Einheimische, zu zwei Dritteln zugewanderte Frauen kamen, von der 15-jährigen bis zur 72-Jährigen, insgesamt oft 30, 40 Frauen. Eine war immer eingeladen, als Gast von ihrem Leben in Deutschland zu erzählen: eine Politikerin, Hausfrau, Hotelinhaberin, Behördenmitarbeiterin…außerdem gab’s Spiele, gemeinsames Essen und Tanz oder ähnliches. Und wir haben immer geguckt: Was verbindet uns? Wie können wir uns gegenseitig bereichern und herausfordern? Jetzt lauere ich auf Möglichkeiten, das wieder anzubieten, sobald es irgend möglich ist. Vielleicht in kleineren Gruppen oder draußen.

Was erhoffen Sie sich für die Zeit nach den Lockdowns?


Dass wir uns nicht mit einer „neuer Normalität“ zufrieden geben, in der niemand mehr die Hand schüttelt und bei Gruppenveranstaltungen alle Masken tragen. Wir Menschen brauchen Nähe und Berührungen. Ich möchte wieder in Gesichter sehen können, ich persönlich brauche auch den Handschlag, um zu spüren, dass der andere mich wirklich wahrnimmt!


Und ich wünsche mir, dass wir uns als Kirchengemeinden auf die Öffnung jetzt schon vorbereiten. Von manchen Gemeinden weiß ich, dass sie Pläne haben für den Fall, dass die Inzidenz wieder steigt – aber keinen umgekehrten Plan. Das vermisse ich. Ich finde, dass die evangelische Kirche insgesamt sehr schnell dabei war, Gottesdienste und anderes abzubauen. Ich bin kein Rebell. Aber innerhalb des Erlaubten sollten wir mutig und kreativ planen, wann wir was wieder anbieten können, durchaus in dem Bewusstsein: Wir sind wichtig, die Menschen brauchen uns.

Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 14/2021