Thies Gundlach hofft auf intensive Diskussion "Reformation nicht allein Theologen, aber auch nicht nur Historikern überlassen"
Gespräch: Rainer Clos
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31.05.2014 · Frankfurt a.M. Über die Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 gibt es einen Historiker-Streit. Vizepräsident Thies Gundlach vom Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vermutet dahinter auch einen Konflikt über die Deutungshoheit. Er empfiehlt, die Deutung der Reformation keineswegs allein den Theologen zu überlassen, "aber um Gottes willen auch nicht allein den Historikern".
Herr Gundlach, aus der Historikerzunft gibt es Kritik an der Vorbereitung des Reformationsjubiläums 2017 durch die evangelische Kirche. Die Professoren Kaufmann und Schilling haben erhebliche Einwände gegen den kürzlich vorgelegten EKD-Grundlagentext "Rechtfertigung und Freiheit". Haben Sie für diese Position Verständnis?
Gundlach: Natürlich ist die Frage nach dem Verhältnis von Historie zur Jubiläumsgestaltung mehr als berechtigt und ich hoffe sehr darauf, dass die Kritik der Startpunkt einer intensiven Diskussion wird. Ob - wie es heißt - die historische Forschung nach 1945 von dem Autorenkreis völlig außer Acht gelassen wurde, wage ich zu bezweifeln. In jedem Fall aber gibt es seit 1945 eine Vielzahl von historischen Perspektiven, Einsichten und Zugängen zur Reformationsgeschichte, die sicher nicht identisch sind mit den Auffassungen des Autorenpaares Kaufmann/Schilling. Insofern erscheint mir die Kritik auch ein Streit um die Deutungshoheit zu sein, ob und wenn in welcher Weise die Geschichtswissenschaft die Jubiläumsgestaltung bestimmen kann.
Allerdings zeigt jeder Blick auf die Geschichte der Reformationsjubiläen, dass niemals nur "die Geschichte, wie sie wirklich war," erinnert wurde. Jubiläen sind immer auch Selbstdeutungen einer Generation im Spiegel der Vergangenheit, nicht gegen die Historie, aber auch nicht nur Historie.
Kaufmann und Schilling kommen zu dem Ergebnis, das EKD-Papier werde der Tragweite des Reformationsgeschehens nicht gerecht. Die Schrift zeuge von einer "extrem einseitigen Sicht" der Reformation. Trifft dieser Vorwurf zu?
Gundlach: Heinz Schilling hat für seine herausragende Biografie zu Martin Luther über 600 Seiten gebraucht, Thomas Kaufmann für seine ebenso bemerkenswerte "Geschichte der Reformation" 950; die EKD-Schrift hat etwa 100 Seiten. Dass diese dann eine spezifische Perspektive herausstellt, dürfte ja auf der Hand liegen. Persönlich gestehe ich auch, dass ich dieses Argument - es sei nicht an alle und alles gedacht worden und deswegen sei es einseitig - eher schwach finde. Natürlich verfolgt der Text zentrale theologische Fragen - das wird ja auch zu Beginn deutlich herausgestellt -, und es wird meines Wissens nirgends der Anspruch erhoben, allgemein Geschichtsforschung zu betreiben.
Ob und wenn inwiefern die Rechtfertigungslehre historisch gesehen der zentrale Baustein der Reformation war, ist meines Wissens strittig, aber das müssen Historiker unter sich klären. Aber dass sie ein Nebengleis der Reformation sei und keine zentrierende Rolle spiele, behaupten keineswegs alle Historiker. Aber wenn man Theologie insgesamt unter Ideologieverdacht stellt, kann man diese Konzentration für "extrem einseitig" halten.
Der EKD wird auch vorgehalten, sie sei an den Ergebnissen der Wissenschaft nicht ernsthaft interessiert, es gehe der Kirchenleitung vielmehr um eine kirchenpolitische Instrumentalisierung des Reformationsjubiläums, um dogmatische Selbstvergewisserung. Kann man die Deutung der Reformation allein den Theologen überlassen?
Gundlach: Ich habe ehrlich gesagt auch schon Schlimmeres erlebt als die Tatsache, dass die evangelische Kirche evangelische Dogmatik reflektiert und sich über die in ihrer Tradition immer schon zentrale Schlüsselkategorie Rechtfertigung Gedanken für die Gegenwart macht. Dass die Rechtfertigungslehre für die evangelische Theologie und ihre Kirchen seit Jahrhunderten zentrale Bedeutung hat - bis hin zu ökumenischen Fragen, wie die gemeinsame Erklärung des Lutherischen Weltbundes und des Einheitssekretariats zum gemeinsamen Verständnis der Rechtfertigungslehre von 1999 zeigt - dürfte doch nicht strittig sein.
Der vorgelegte Text "Rechtfertigung und Freiheit" dient so gesehen der theologischen Selbstverständigung für die Gegenwart, die auch dann ihr Recht hat, wenn sich erweisen sollte, dass sie historisch keine so zentrale Rolle hatte. Insofern sollte man die Deutung der Reformation keineswegs allein den Theologen überlassen, aber um Gottes willen auch nicht allein den Historikern.
Quelle: epd