Tagung der Luther-Gesellschaft Wittenberg "Pfarrhausmythos" hat mit historischer Realität nichts zu tun
10.05.2014 · Eisenach.Geschichte und Gegenwart des Pfarrhauses stehen seit Freitag im Mittelpunkt einer Tagung der Luther-Gesellschaft Wittenberg in Eisenach. Das evangelische Pfarrhaus sei eine Einrichtung, die in der Reformation begründet ist, sagte der Präsident der Gesellschaft, der Kieler Kirchengeschichtler Johannes Schilling, zum Auftakt des bundesweiten Treffens. Auf der Tagung bis Sonntag wollen Pfarrer, Theologen und interessierte Laien neben kulturgeschichtlichen Aspekten auch künftigen Perspektiven unter dem Vorzeichen von kleiner werdenden Kirchgemeinden diskutieren.
Die historische Wirklichkeit war "deutlich komplizierter" als das idyllische Bild, das vor allem im 19. Jahrhundert vermittelt wurde, sagte Christopher Spehr von der Theologischen Fakultät der Jenaer Universität. "In den jungen Pfarrhäusern herrschten Überlebenskampf, Krankheit und Tod." Die Eheschließung von Pfarrern sei um 1520 noch "ein Aufsehen erregender Skandal" gewesen. Zudem habe die Priesterehe nicht selten in ein finanzielles Desaster geführt, unter dem besonders die Kinder zu leiden hatten.
Gleichwohl sei die Ehe von Pfarrern als "Zentralforderung der reformatorischen Bewegung" zum "Alleinstellungsmerkmal des evangelischen Predigers" geworden. Diese "reformatorische Tat" hätten die Reformatoren Johannes Bugenhagen, Andreas Karlstadt und Justus Jonas mit ihrer gemeinsamen Hochzeit am 13. Oktober 1522 in Wittenberg nachdrücklich bekräftigt. Auf sozialer Ebene habe die Priesterehe eine Verbürgerlichung des Klerus begünstigt, aber auch den Verlust von Steuerprivilegien bedeutet. Die Kehrseite seien oft ärmliche Lebensverhältnisse gewesen.
"Das Pfarrhaus als Ort der Kultur und Bildung gab es in der Reformationszeit nicht", resümierte Spehr. Der "Pfarrhausmythos" mit Martin Luther und Katharina von Bora als Ausgangspunkt sei das Ergebnis einer späteren "Monumentalisierung" des Reformators. Mit der historischen Realität habe dieses Bild nichts zu tun, fügte der Jenaer Kirchenhistoriker hinzu.
Der Theologieprofessor Klaus Raschzok aus Neuendettelsau untersuchte in seinem Vortrag das Pfarrhaus unter dem Aspekt der "professionsspezifischen Lebenskunst". Am Samstag wird auf der Tagung der Kasseler Bischof Martin Hein mit Überlegungen zur Zukunft des Pfarrberufs und des Pfarrhauses erwartet. Ferner steht ein Besuch am neuen Standort des Pfarrhausarchivs in Eisenach auf dem Programm.
Quelle: epd