Tau Hülp, Plattdütsch verschwind! Neue Initiative für Plattdeutsch in der Kirche

Von Christine Senkbeil

Der „Eichbaum“ wird von Dichter Fritz Reuter als Sinnbild für die plattdeutsche Sprache gesehen. Denn er erreicht ein hohes Alter, ist knorrig wie das Platt, wächst ohne Gärtner und ist fest verankert im norddeutschen Boden.

Foto: Foto: Rainer Sturm, pixelio

11.12.2015 · Wilmshagen. Plattdeutsch – ein Schiff, das untergeht? Noch lässt sich das Ruder herumreißen, meinen eine sehr agile Schauspielerin und ein alter Pastor aus Vorpommern. In einem Brief an alle Pastoren laden sie fröhlich zu einem Schnupperkurs Platt ein und dazu, wenigstens Stückchen dieser herzlichen Sprache in den Alltag zu holen. An alle Pastoren. Plattdeutsch stirbt. Steht auf!

Schon „mit Winneln an Nors“ – der Nors ist das plattdeutsche Wort für den Popo – wollte sie „Schauspälersch“ werden: Petra Schwaan Nandke. „In Gummistäwel, mang Schopschiet und Schwiensmess“ waren Katzen, Köter und Hühner ihre ersten Zuschauer, erinnert sich die heute 50-Jährige an ihren Karrierestart auf dem Bauernhof.

Inzwischen stand sie nicht nur als „Kahnweib“ auf der Bühne. Sie leitete jahrelang die plattdeutsche Theaterbühne „Späldäl“ in Stralsund, inszenierte unzählige Male selbst mit Kindern und Erwachsenen. Die quirlige kleine Person ist Autorin, Publikumsliebling bei den Darß-Festspielen und gern gesehener Radio-Gast bei der „Plappermöhl“. Eine „Volksschauspielerin“, wie Moderator Leif Tennemann vom NDR sagt, der „Gottvater auf die Zunge gespuckt“ habe.

Auf eine Zunge, die selten still steht und meist plattdeutsche Worte formt. Denn ihre Leidenschaft für die Bühne ist ganz eng gepaart mit der fürs Niederdeutsche. Plattdeutsch. Das ist Heimat. Kindheit. Liebe. So einen richtigen „Rüddeldörch“ kriegt Petra Schwaan Nandke, wenn sie es irgendwo hört. Einen Durchrüttler? Manches lässt sich eben einfach nicht übersetzen. Man muss es fühlen.

Große Anteile an dieser Liebe hat Pastor Dietmar Prophet. Mit seinen über 70 predigt er heut noch gern plattdeutsch von der Kanzel. In Wilmshagen bei Grimmen wuchs Petra auf. Im Pfarrhaus war es lustig, dort wurde Gitarre gespielt und Theater. Damit sie pünktlich komme, fuhr Herr Paster mit ihr sogar einmal vor der Christenlehre noch schnell zum Pferd kaufen. Die Jahre als Pastor haben Dietmar Prophet klar gemacht, dass es wichtigere Themen als Plattdeutsch gibt, sagt er heute. „Oewer mit Plattdütsch kann man Harten upschluten!“

Plattdeutsch kann das Herz aufschließen

Petra Schwan-Nandke kämpft seit 30 Jahren eisern darum, möglichst viele Herzen fürs Plattdeutsche aufzuschließen. In Weiterbildungen für Kindergärtnerinnen oder Lehrer versucht sie mit Humor und Überzeugungskraft anschaulich zu machen, das es beim Lernen nicht auf Vollständigkeit oder Perfekt-Sein ankommt: „Allens is bedder as nix!“ , sagt sie. Kleine Sätze, lose eingestreut, bringen die Kinder schon näher ans Hören. „Treck di de Büx hoch!“ versteht jedes Kindergartenkind schnell. Man muss es in die Selbstverständlichkeit bringen, sagt sie. Zwei Sprachen lernen, tue dem Denken gut.

Doch trotz allen Interesses, das ihr entgegenschlägt – sie sieht, wie der Schatz so langsam versinkt. „Möt ick in 30 Johr mienen Afgesang mit’n Pastur up Hochdütsch afhollen?“, fragt sie sich nun – befürchtet also, wenn sie stirbt, den Segen nicht mehr in ihrem geliebten Plattdeutsch bekommen zu können. „Tau Hülp, tau Hülp, Plattdütsch verschwind von de Kanzeln!“ warnt sie also. Doch man kann dagegen ja „n bäten wat“ unternehmen, finden sie und Pastor Prophet. Auch er möchte gern noch etwas dafür tun, dass der Schlüssel zum Herzen aufschließen „nich ganz verlustig“ gemeldet werden muss.

Kurzerhand haben beide daher einen langen Brief geschrieben – konsequenterweise ganz und gar up platt. An ALLE Pastoren in Vorpommern, derer Adressen sie habhaft werden konnten, verschickten sie ihn. Das Porto inklusive frankiertem Rückumschlag hat die Schauspielerin durch einen Bücherflohmarkt zusammen gebracht. Alle Pastoren werden nun eingeladen, drei kleine aufmunternde Kurse im Plattdütsch snacken bei ihnen zu besuchen – im Februar im Bibelzentrum Barth. Kostenlos.

Kann man Platt lernen? „Na, klor!“

Den Leiter des Bibelzentrums, Johannes Pilgrim, für diese ganz private Initiative ins Boot zu holen, war nicht schwer. Sogar mietfrei stellt er die Räume zur Verfügung. „Kiek, leewer Gott, nu sünd wi schon drei“, sagt Dietmar Prophet dazu dankbar.

Aber kann man denn Platt erlernen? „Klor!“, ist Petra Schwan- Nandke überzeugt. „Wir reden von platt und nicht von chinesisch. Es gibt einen Grundwortschatz, der für jeden zu lernen ist – das weiß ich aus 20 Jahren Kursgeschehen.“ Viel Widerspruch lässt die energische Frau nicht gelten. Es bleibe immer nur „nachgelernt“ und sei immer zu hören, wenn jemand nicht im Niederdeutschen aufgewachsen sei. Klar. Aber kein Argument! „Man hört auch, wenn einer aus dem nächsten Dorf kommt“, ermuntert sie sorglos. Plattdeutsch sei sowieso überall anders. „Und wo sind die Geister, die entscheiden? Viele vermeiden zu sprechen, weil es falsch sein könnte. Wenn wir diese Vermeiden-Kultur weiter treiben, stirbt Plattdeutsch aus“, meint sie.

„Versagen Sie es den Kirchgängern nicht!“

Die Kurse sollen eher Lust machen – und vielleicht den einen oder anderen auf die Idee bringen, das Mehr an Möglichkeiten zu nutzen, das die plattdeutsche Sprache bietet. Argumente hat Petra Schwaan Nandke einige. Zum Beispiel: Vieles ließe sich up platt nicht nur herzlicher, sondern auch kürzer sagen. „Dann ist so ein Pastor viel schneller fertig mit seiner Predigt“, sagt sie lachend. Doch es muss ja wirklich nicht gleich eine ganze Predigt sein. „Was ist so schlimm, statt ‚Guten Tag!‘ einmal ‚Gauden Dag!‘ zu wünschen, wenn man irgendwo rein kommt?“, findet sie. Dazu will sie ermutigen. Schöne Begriff e, kleine Sätze in den Alltag einzubauen. Denn noch hören viele Alte das nur zu gern. „Versage dies doch deinen Kirchengängern nicht!“, bittet sie die Pastoren. Im Kurs geht es um normales Niederdeutsch für kleinen Sprachgebrauch. Und das Vater- Unser mal auf Plattdütsch auseinander zu nehmen, „Davon wird auch kein Pastor dümmer!“, findet sie.

Dass sie vielleicht zehn Pastorinnen begeistern kann, darauf hofft sie nun. Man könne ähnliches in anderen Regionen wiederholen. Lange hatte über ihre Pläne auch mit Pastor Hans-Joachim Jeromin gesprochen, der den „Plattdütsch in de Kirch“ leitet. Seit Jahren bemüht sich der Arbeitskreis ja um Plattdeutsche Gottesdienste. Vertane Zeit sind die je zwei Stunden also auf keinen Fall. Interessant, unterhaltsam soll es werden. „Plattdeutsch muss Spaß machen!“, sagt sie. Und so is dat uk.

Die Kurse sind am 16./23. Februar und am 1. März im Bibelzentrum Barth.

Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 49/2015