Sprengelbericht vor der Landessynode Bischof Jeremias: "Vertrauen als geistliches Grundnahrungsmittel"

Bischof Tilman Jeremias bei seinem Sprengelbericht vor den Landessynodalen der Nordkirche.

Foto:Nordkirche/H. Angerer

26.09.2026 · Lübeck-Travemünde. Amen heißt in erster Linie: Ja, ich vertraue Dir“, sagte MV-Bischof Tilman Jeremias am Sonnabend vor der Landessynode der Nordkirche. In seinem Sprengelbericht unter dem Titel „Kirche und Vertrauen“ nahm er auch die politische Situation in Mecklenburg-Vorpommern in den Blick.

Bischof Tilman Jeremias hat in seinem Bericht aus dem Sprengel Mecklenburg und Pommern auf der Landessynode der Nordkirche in Lübeck-Travemünde das Thema Vertrauen als „geistiges und geistliches Grundnahrungsmittel“ in den Mittelpunkt gestellt. Misstrauen und Angst, so der Bischof, verbreiteten sich rasant und untergrüben Zusammenhalt und gelingende Gemeinschaft. Eine Kultur des Misstrauens führe „in die Abgründe der Isolation und Einsamkeit“.

 

Gottvertrauen als Kern des Glaubens

 

Bischof Tilman Jeremias erläuterte, dass christlicher Glaube im biblischen Verständnis nichts anderes sei als Vertrauen: „Amen heißt also eigentlich nicht zuerst ‚So ist es‘, sondern: ‚Ja, ich vertraue dir‘.“ Gottvertrauen bedeute, sich auf Gottes liebende Begleitung zu verlassen – „gerade in den Tiefen meines Lebens“. Kirchliches Handeln sei Ausdruck dieses Vertrauens: Gottesdienst, Gebet, Seelsorge, Bildung, Diakonie und gesellschaftliches Engagement.

 

Vertrauensverlust in die Kirche

 

Mit Blick auf die weiterhin hohen Kirchenaustrittszahlen benannte Bischof Tilman Jeremias den gravierenden Vertrauensverlust als Kernproblem: „Eine Kirche, deren Glaubwürdigkeit angefragt ist, ist in ihrem Kernthema getroffen.“ Er erinnerte an die Fälle sexualisierter Gewalt im Raum der Kirche als schlimmsten Vertrauensbruch: „Wenn dann noch Täter geschützt, Taten vertuscht und Betroffenen kein Glaube geschenkt wird, ist Vertrauen über Jahre erheblich erschüttert.“ Vertrauen hänge unmittelbar mit Glaubwürdigkeit zusammen – glaubwürdig sei die Kirche dort, „wenn Gottes- und Nächstenliebe in unserer Mitte erkennbar Hand in Hand zusammengehören“.

 

Demokratie braucht Vertrauen

 

Bischof Tilman Jeremias ordnete den kirchlichen Vertrauensverlust in eine gesamtgesellschaftliche Atmosphäre von Angst und Misstrauen ein. Die AfD habe es verstanden, „Angst und Misstrauen zu schüren insbesondere in die Demokratie selbst“. Gleichzeitig hob er das starke zivilgesellschaftliche Engagement der Kirche hervor. Die Wertekampagne „Unser größtes Plus – damit Menschlichkeit zählt“ sowie die Banner „Unser starkes Kreuz für Demokratie“ hätten klare Haltung gezeigt. Besonders wichtig sei der Runde Tisch Demokratie gewesen, der Akteurinnen und Akteure aus beiden Kirchenkreisen, der Nordkirche, der Jungen Nordkirche, dem Frauenwerk und Kirche im Dialog vernetzt habe. Der wichtigste Effekt sei gewesen, „einander zu bestärken in Zeiten, in denen aktive Menschen auch mit Anfeindungen und Einschüchterungen zu tun haben“.

 

Interreligiöser Wahlaufruf und AfD‑Aussteiger

 

Erstmals sei im Bundesland ein interreligiöser Wahlaufruf gelungen – „alles andere als selbstverständlich“ nach den jüdisch-muslimischen Verwerfungen seit dem 7. Oktober 2023. Als besonders eindrücklich schilderte Bischof Tilman Jeremias die Begegnung mit dem AfD‑Aussteiger Heino Bosselmann: „Seine Öffnung mir gegenüber habe ich als Vertrauensbeweis erlebt.“

 

Hoffnungsvolles bei Klimaschutz, Soziales und Ökumene

 

Bischof Tilman Jeremias hob zahlreiche hoffnungsvolle Entwicklungen hervor, die Vertrauen in kirchliches Handeln gestärkt haben. Der Fachtag Klimaschutz in Güstrow habe „Kirchentagsstimmung“ verbreitet; der Start des ersten gemeinsam mit der WEMAG betriebenen Windparks im Landkreis Ludwigslust‑Parchim sei ein sichtbarer Beitrag der Kirche zum Klimaschutz. Im sozialen Bereich würdigte Bischof Tilman Jeremias die Arbeit von Barbara Niehaus, die für die Leitung der Suppenküche in Bad Doberan mit der Bugenhagen‑Medaille ausgezeichnet wurde. Die von ihr organisierte Fachtagung zur Sozialpolitik habe „neue Ideen und neuen Mut“ hervorgebracht. Ökumenische Höhepunkte waren das erste sprengelweite Ökumenefest in Kühlungsborn sowie die Tagung zu Klimagerechtigkeit in Boltenhagen mit Gästen aus Partnerkirchen weltweit. „Welch ein Reichtum, wenn dazu Kirchenleitende mit uns ins Gebet und den Austausch gehen!“

 

Kirche als Fachstelle für Vertrauen

 

Zum Abschluss appellierte Bischof Tilman Jeremias eindringlich an die Bedeutung von Vertrauen für das gesellschaftliche Zusammenleben. Die demokratische Gesellschaft lebe vom Vertrauen in ihre Institutionen. Die Kirche solle als „Fachleute für das Vertrauen“ dazu beitragen, Misstrauen und Angst zu überwinden. Viele Menschen hätten im vergangenen Jahr Selbstwirksamkeit erlebt: „Neuer Mut und neue Hoffnung entstehen, wenn Menschen aufstehen und ihre Ideen und ihre Kraft vereinen.“ Kirchliche Arbeit trage Früchte, „wo sie Vertrauen ausstrahlt und Vertrauen weckt – Gottvertrauen wie Menschenvertrauen“.

Quelle: Nordkirche/epd