Projekt "Lebensraum Kirchturm" Kirchtürme als Lebensraum für Vögel und Fledermäuse
Von Marcel Maack
13.10.2026 · Hamburg/Lübeck/Bad Doberan. Vor knapp 20 Jahren startete der Naturschutzbund das Projekt "Lebensraum Kirchturm". Indem Kirchen ihre Türme offenhalten und Nistkästen anbringen, bieten sie Vögeln und Fledermäusen Lebensraum. Wer mitmacht, erhält eine Plakette.
Punktgenau „steht“ der Turmfalke in der Luft, seine Flügel schlagen rasch, bevor er wie ein Blitz zu Boden fällt, um eine Wühlmaus zu fangen. 2007 ernannte der Naturschutzbund (Nabu) ihn zum „Vogel des Jahres“ und machte so darauf aufmerksam, dass es nur noch wenig Lebensraum für den schlanken Jäger gab - weil Landwirtschaft sich verändert hatte, weil Flächen zugebaut worden waren und auch weil Kirchen ihre Türme zunehmend verschlossen hatten. Mit dem im selben Jahr gestarteten Projekt „Lebensraum Kirchturm“ versucht der Nabu seither, Kirchen dazu zu bewegen, ihre Türme wieder zu öffnen. Mit Erfolg, wie Franziska Kötter, Referentin für Vogelschutz beim Nabu Hamburg, berichtet: Bundesweit beteiligen sich mittlerweile mehr als 1.200 Kirchen an dem Projekt.
„Der Turmfalke ist ein typischer Kirchturmbewohner“, sagt Kötter. Früher hätten Glockentürme offene Einflugslöcher gehabt und der Turmfalke habe problemlos einziehen können. Bei Sanierungen seien viele Türme später jedoch verschlossen worden - teilweise auch, um Stadttauben und den von ihnen verursachten Schmutz fernzuhalten.
Projektstart vor fast 20 Jahren
„Das Projekt 'Lebensraum Kirchturm' macht seit nunmehr fast 20 Jahren darauf aufmerksam, dass Tiere auf Türme als Lebensraum angewiesen sind“, sagt Kötter. Vor allem Kirchgänger werden für das Projekt sensibilisiert. Die könnten sich dann an den Kirchengemeinderat wenden und anregen, dass sich die Kirche an dem Nabu-Projekt beteiligt, sagt Kötter. Äußert eine Kirche Bereitschaft zur Teilnahme, kommt ein Nabu-Ehrenamtlicher vorbei: „Der schaut sich das an und berät dann, wo genau man neue Lebensräume schaffen kann. Oder wie sich ein Turm bei einer anstehenden Sanierung so gestalten lässt, dass Tiere weiterhin Einflugmöglichkeiten haben.“ Auch zu geeigneten Nistkästen, die die Kirchenleute anbringen können, beraten die Naturschützer.
Wer Angst vor Stadttauben und ihrem Kot im Turm habe, könne Nistkästen statt drinnen im Turm auch außerhalb des Turmes anbringen, sagt Kötter - etwa für Dohlen. Und auch für Fledermäuse ließen sich Plätze im oder am Kirchturm schaffen.
Eine andere Möglichkeit, das Stadttauben-Problem zu lösen, besteht laut der Vogelschutz-Referentin darin, ganz gezielt einen Turmfalken-Nistkasten anzubringen. „Weil der Turmfalke dann die Tauben vertreibt“, sagt Kötter.
Kirchen, die sich an dem Projekt „Lebensraum Kirchturm“ beteiligen, erhalten eine Plakette, die die Teilnahme bestätigt und die sie unten am Turm anbringen können. Aktuell beteiligen sich in Hamburg sechs Kirchen an dem Nabu-Projekt, in Schleswig-Holstein sind es 34 und in Mecklenburg-Vorpommern 73 Kirchen.
Doberaner Münster: Schon viel länger aktiv
Das Doberaner Münster engagierte sich laut Kustos Martin Heider bereits im Vogelschutz, als es das Projekt „Lebensraum Kirchturm“ noch gar nicht gab. „Bereits seit 1997 bringt der Nabu im Gewölbe gezielt Nistkästen an, und schon davor gab es ein Engagement für den Artenschutz“, sagt Heider. Als Grund für das Engagement nennt er den Bestandsrückgang von Gebäudebrütern. „Das Münster nutzt Gerüstlöcher und Nisthilfen gezielt als Ersatzlebensraum, um bedrohten Vogelarten und Fledermäusen sichere Rückzugsorte zu bieten.“
Dohlen stellen laut Heider eine große Brutkolonie. Die 53 speziell für sie installierten Nistkästen im Dachbereich würden intensiv genutzt. Auch Fledermäuse hätten im Dachstuhl Quartier bezogen. Turmfalken nutzten die Höhen des Bauwerks für die Jagd und Aufzucht.
Die Erfolge im Doberaner Münster seien messbar, insbesondere, was die Erholung gefährdeter Populationen betrifft, sagt Heider: „Die regelmäßigen Kontrollen und Beringungen der Jungvögel - die jährlich im Mai stattfinden - dokumentieren konstant 25 bis 35 erfolgreiche Bruten von Dohlen pro Jahr.“
Das Münster verknüpft den Artenschutz laut Heider inzwischen mit Projekten wie dem schulpädagogischen „Klimalehrpfad“ der Christlichen Münsterschule Bad Doberan, um junge Menschen für die Tierwelt am Bauwerk zu sensibilisieren.
St. Marien Lübeck: Schöpfung bewahren
Die Lübecker Innenstadtkirche St. Marien beteiligt sich laut Pastor Robert Pfeifer seit etwa 15 Jahren an dem Nabu-Projekt. „Wir unterstützen das Projekt, weil wir Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung übernehmen und ganz konkret einen Beitrag zum Schutz von Tieren und zur Artenvielfalt leisten wollen.“ Die Kirche biete so nicht nur für Menschen, sondern auch für Tiere Raum. „Bei uns haben unter anderem Fledermäuse, Wander- und Turmfalken, Tauben und Mauersegler ihren Lebensraum am und im Kirchturm gefunden“, sagt Pfeifer.
Franziska Kötter hofft, dass sich noch mehr Kirchen zur Teilnahme am Projekt entscheiden. Der Herbst sei ein guter Zeitpunkt für den Start, da Vögel jetzt nicht brüteten und ein Teil von ihnen gar nicht vor Ort sei, sagt sie. Beste Zeit also, Nistkästen anzubringen. Zumal andere Vögel bereits nach Nistplätzen suchen würden, auch fürs Überwintern, erläutert die Vogelschutz-Referentin.
Quelle: epd