"Mehr Bildungszentrum als Museum" Bibelzentrum Barth feiert seinen 25. Geburtstag

Gespräch: Annette Klinkhardt

Bibelzentrum Barth

Foto: Hans-Joachim Meusel

28.10.2026 · Barth. Am Sonnabend (31. Oktober) feiert das Bibelzentrum in Barth seinen 25. Geburtstag. Johannes Pilgrim ist seit den ersten Plänen dabei. Zunächst war er ehrenamtlich tägig, später war er pädagogischer Mitarbeiter und von 2007 bis 2016 Leiter des Bibelzentrums, das für ihn mehr Bildungszentrum als Museum ist. Im Interview fordert er auch heute mehr Bildungsarbeit und weniger das Voraussetzen von Bibelkenntnis.

Herr Pilgrim, wie entstand die Idee zum Barther Bibelzentrum?

 

Johannes Pilgrim: Anlass für ein Bibelhaus war der erste Bibeldruck für Pommern, nicht in Stettin, Greifswald oder Stralsund, sondern in der kleinen Residenzstadt Barth 1588. Bei einem Symposium auf dem Zingsthof zu 400 Jahre Barther Bibel waren auch Teilnehmer aus Westdeutschland dabei. Darunter Pfarrer Heinrich Kröger, der zum Thema „Plattdeutsch in der Kirche“ promoviert hatte und ein großes Niederdeutsch-Netzwerk aufgebaut hat. Er ist dem Anliegen Niederdeutsches Bibelzentrum sein Leben lang treu geblieben. Auch der damalige Bischof Horst Gienke war begeistert und blieb engagiert. Das war sowas wie der „Urknall“.

 

Was bedeutete die Bibel zu DDR-Zeiten?

 

Pilgrim: Die Bibel war und ist Basis des christlichen Glaubens. Sie war auch in der DDR-Zeit in den äußeren Herausforderungen ein Kompass. Es gab Bibelwochen, Bibelstunden, Angebote für Kinder und Jugendliche, vieles bibelorientiert. Die Regierung der DDR übte 40 Jahre lang den Spagat zwischen dem SED-Programm zur Verdrängung von Kirchen und Christentum und der verfassungsmäßigen Religionsfreiheit. Dazu gab es auch einen denkwürdigen Respekt vor Bibel und Christentum. Von aufrechten Genossen der SED bekam man zu hören: 'Eigentlich wollen wir ja das Gleiche. Ihr habt nur diesen Gott da.' Es wurden - natürlich unter Mühen und Repressionen - Bibeln und Bibelliteratur gedruckt.

 

Mit welchen Widerständen hatten Sie zu kämpfen?

 

Pilgrim: Das Projekt Bibelzentrum hat in der Planungsphase relativ wenig Widerstand erfahren, vielleicht auch, weil man nicht glaubte, dass es überhaupt zustande kommen würde. In Stadt und Region wurde es als Chance gesehen, zumal dadurch die St. Jürgen Kapelle aus dem 14. Jahrhundert, das ehemalige Leprahospital vor den Toren der Stadt, gerettet wurde.

 

Widerstand gab es aus Kirche und Gemeinden wegen der Finanzierbarkeit: Was könnte ein „Bibelhaus“, das nicht schon alle Kirchengemeinden anbieten? Lange mussten wir um das „touristische Unterrichtungsschild“ an der A20 ringen. Wir wollen und können doch nicht den „Tendenzbetrieb Kirche“ protegieren, hieß es immer wieder. Dagegen sind wir von Anfang an den Weg gegangen, das Haus so offen und niedrigschwellig wie möglich auszurichten: als Bildungs- und Begegnungsstätte für Schule, Kirche und Gesellschaft und auch als Museum.

 

Bei welcher Veranstaltung oder Begegnung hatten Sie das Gefühl, jetzt sind wir angekommen?

 

Pilgrim: Eigentlich ist der Bann schon bei der Eröffnungsfeier gebrochen. Es war so etwas von überwältigend: ein Riesengottesdienst mit 400 Leuten. Dann wurde die Barther Bibel feierlich von St. Marien nach St. Jürgen getragen. Es waren Politiker da, die Medien waren da, wir haben in einem riesigen Zelt gefeiert. Da dachte ich: Das kann was werden. Auch wenn wir weiterhin viel Werbung machen müssen. Das Bibelzentrum liegt ja in einer kleinen, abgelegenen Stadt und die Bibel ist ein Nischenthema.

 

Wie kam es zur Kooperation mit der Bundeswehr?

 

Pilgrim: Schon ein Jahr nach der Eröffnung 2002 kam der damalige Standortpfarrer der Marinetechnikschule Kramerhof bei Stralsund auf uns zu. Probeweise verabredeten wir, Einheiten des lebenskundlichen Unterrichts bei uns im Bibelzentrum zu absolvieren. Es ging dabei um ethische Fragen, die biblischen Gebote oder den „Bürger in Uniform“. Das hat sich dann schnell verstetigt und bis heute ist dieser Unterricht beliebt. Neue Kommandanten kamen zum Antrittsbesuch ins Bibelzentrum oft mit dem Plan, die Kooperation aus Kostengründen zu beenden und gingen dann nach zwei, drei Stunden mit der Verabredung, das Modul im Bibelzentrum fortzusetzen.

 

Was ist der Kerngedanke des Bibelzentrums?

 

Pilgrim: Mein Slogan war immer: Wir arbeiten für Kirche, Schule und Gesellschaft und mit dem Anspruch, zu Relevanz und Verständnis der Bibel beizutragen. Dazu ist das Bibelzentrum natürlich ein guter Ort für christliche Besucher und Gruppen: Wir gehen immer stillschweigend davon aus, dass Menschen, die zur Kirche kommen, die Bibel schon kennen. Aber ist das so? Bibelwissen geht mehr und mehr verloren. Wir brauchen kein Bibelmuseum, sondern ein Bildungszentrum.

 

Mich beeindruckt, wie der „verordnete Atheismus“ im sozialistischen Staat geradezu fusioniert mit der schleichenden Säkularisierung in der westlichen Wohlstandsgesellschaft. Gleichzeitig schreit jede Nachrichtensendung für mich danach, was uns die Bibel übermittelt: Übt Nächstenliebe, seid sanftmütig und barmherzig, herbergt gern, Ihr verdankt Euch nicht Euch selbst. Anfang und Ende liegen bei Gott.

 

Was haben Sie durch die Zeit im Bibelzentrum gelernt?

 

Pilgrim: Wie viel wirklich in unserer Kultur aus der Bibel kommt, das hat mich doch beeindruckt. Wir haben 120 Pflanzen gefunden, die biblische Bezüge haben, und von denen einige jetzt im Bibelgarten wachsen. Wir haben 200 Redewendungen gesammelt. Ein überwiegender Teil der abendländischen Kunst ist von der Bibel geprägt. Theologisch habe ich viel besser verstanden, dass wir als Kirche extrem voraussetzungsintensiv arbeiten. Dabei müssten wir stärker seelsorgerlich agieren, mehr an der Biographie orientiert und an Anlässen.

Quelle: epd