Angedacht

Vierundachzig Jahre ist Frau Brümmer. Viel Leben liegt hinter ihr. Sie ist sie immer eine fröhliche Frau gewesen. Aber jetzt ist sie des Lebens müde. Wenn ich sie besuche, dann sagt sie oft: „Ach, ich will nicht mehr. Ich möcht' doch wohl sterben.“ 

 

Dann hat Frau Brümmer Geburtstag: 85! Die Kinder sind da, die Enkel, die Nachbarn. Auch ich komme vorbei. „Und, was wünschen Sie sich für das neue Lebensjahr?“ frage ich. „Hauptsache Gesundheit!“ antwortet Frau Brümmer. Und bevor ich richtig nachdenke, was ich da eigentlich sage, sind die Worte auch schon draußen: „Na, dann wird das aber nichts mit dem Sterben Frau Brümmer.“ Von einer Sekunde auf die andere ist es still im Raum.

 

So viel macht das Leben schwer. Aber das Leid beim Namen nennen, die Klage zulassen - wo ist das überhaupt möglich? Niemand fragt. Alle wiegeln ab. Das Schwere wird lieber verschwiegen. So bleiben Menschen mit ihrem Kummer allein. 

Wir stehen am Anfang der Passionszeit. In diesen Wochen vor Ostern erinnern wir an das Leiden und den Tod von Jesus. Die biblischen Geschichten, die in diesen Wochen erzählen von Einsamkeit und Unrecht, von Schmerz und Verzweiflung. In diesen Wochen hat das Leid Raum, die Klage bekommt eine Sprache. Auch unser Leid. Auch unsere Klage. Das Schwere darf sein. Und gesagt werden. Endlich mal. 

 

"Na, dann wird das aber nichts mit dem Sterben Frau Brümmer."- die Worte sind schneller raus als mir lieb ist. Von einer Sekunde auf die andere ist es plötzlich ganz still im Raum. Ich halte den Atem an. Vielleicht demnächst erst denken und dann reden?! Ich will gerade zu einer Entschuldigung ansetzen, da geht ein Lächeln über das Gesicht von Frau Brümmer. Sie schaut mich an wie eine Verbündete, wie eine die weiß und versteht. Aus ihrem Lächeln wird ein Grinsen. Und dann lacht sie laut. Wie befreit.

 

Konstanze Helmers.