Deutscher Bundestag Junge Gemeinde aus Neubrandenburg gestaltete ökumenische Andacht im Hohen Haus für das Volk

Neubrandenburger Jugendliche feierten mit Abgeordneten eine ökumenische Andacht im Bundestag.

Foto: ekjm

16.10.2026 · Berlin/Neubrandenburg. Von der Schweriner Schlosskirche in den Bundestag: Jugendliche aus der Kirchenregion Neubrandenburg haben am 8. Oktober 2026 erstmals als externe Gruppe eine ökumenische Andacht im Deutschen Bundestag gestaltet. Neben dem Gottesdienst standen Gespräche über die Rolle der Kirche in der Politik und ein Besuch im Bundeskanzleramt auf dem Programm.

Was zunächst als spontane Idee entstand, wurde knapp ein Jahr später Wirklichkeit: Nachdem zwölf Jugendliche der Jungen Gemeinde aus der Kirchenregion Neubrandenburg im Juli 2025 eine ökumenische Andacht im Schweriner Landtag erlebt hatten, fragten sie sich, ob ein solcher Gottesdienst auch im Deutschen Bundestag möglich sei. Am 8. Oktober 2026 konnten sie diese Idee in Berlin verwirklichen.

 

„Seit sechs Jahren gestaltet die Evangelische Jugend Mecklenburg regelmäßig eine ökumenische Andacht in der Schlosskirche des Schweriner Schlosses. Die Andacht bildet den Auftakt zur jeweiligen Sitzungswoche des Landtags“, erzählt Janne-Marije Bork, Referentin für Jugend und Jugendsozialarbeit im Evangelischen Kinder- und Jugendwerk Mecklenburg (EKJM). Im Anschluss hätten die Jugendlichen bei einem gemeinsamen Frühstück Gelegenheit, mit Abgeordneten und Mitarbeitenden ins Gespräch zu kommen. Ein Rundgang durch das Schloss und der Besuch einer Plenarsitzung ergänzten das Programm.

 

Bei der Nachbereitung ihres Besuchs am 16. Juli 2025 entstand der Wunsch, auch den Deutschen Bundestag kennenzulernen und dort selbst eine Andacht zu gestalten. Mit ihrer Anfrage an das Büro der Bevollmächtigten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Dr. Anne Gideon, stießen die Jugendlichen auf offene Türen. „Sie waren die erste externe Gruppe, die sich für die Gestaltung einer solchen Andacht im Bundestag interessierte“, so Johannes Beykirch, EKJM-Referent für Kinder- und Jugendpolitik.

 

Ein besonderer Ort der Stille

 

Die ökumenischen Andachten im Bundestag finden während der Sitzungswochen donnerstags und freitags im Andachtsraum des Parlaments statt. Der von dem im Juni 2025 verstorbenen Künstler Günther Uecker gestaltete Raum ist bewusst konfessionsübergreifend angelegt. Er soll Menschen unterschiedlicher religiöser Traditionen offenstehen und einen Ort der Ruhe im politischen Arbeitsalltag bieten.

 

Die Gestaltung verbindet verschiedene religiöse Ausdrucksformen: In den Nagelbildern an den Wänden sind unter anderem Kreuz und Taube angedeutet, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. „Während Christinnen und Christen hier innehalten, nutzen muslimische Mitarbeitende den Raum für ihr Gebet“, so Janne-Marije Bork. Die Einrichtung aus Eichenholz umfasst 16 Stühle und eine eigens angefertigte Truhenorgel. Kreiskantor Christian Ohly begleitet die Andachten musikalisch.

 

Da der Andachtsraum nur wenige Plätze bietet und externe Mitwirkende normalerweise nur in Ausnahmefällen zugelassen werden, war die Teilnahme der gesamten Gruppe zunächst nicht selbstverständlich. Johannes Beykirch: „Oberkirchenrat Dr. Patrick Schnabel, theologischer Referent bei der Bevollmächtigten des Rates der EKD, setzte sich gemeinsam mit dem EKD-Jungsynodalen Jonathan Mylius, der beruflich im Bundestag als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig ist, für das Anliegen ein. Mit Unterstützung von Mylius konnte beim Direktor des Bundestages eine Ausnahmegenehmigung erwirkt werden. So durften alle zwölf Jugendlichen an der Andacht teilnehmen.“

 

Eine Botschaft, die Menschen bewegt

 

Die Andacht wurde zu einem besonderen Erlebnis für die jungen Menschen. Mit einer kurzen Geschichte und bekannten Monatsliedern gestalteten sie einen stimmungsvollen Gottesdienst und sorgten für einen besinnlichen Auftakt des parlamentarischen Sitzungstages.

 

Jonathan Mylius brachte seine Eindrücke anschließend auf den Punkt: „Das war ganz wunderbar, denn eigentlich ist die Botschaft doch so einfach!“ Der Applaus und persönliche Dankesworte der Anwesenden zeigten, dass die Botschaft der Jugendlichen angekommen war. Auch Kreiskantor Christian Ohly zeigte sich bewegt davon, dass junge Menschen im Bundestag selbst Verantwortung übernahmen und ihre Überzeugungen mit anderen teilten.

 

Wie politisch darf Kirche sein?

 

Im Anschluss an die Andacht waren die Jugendlichen zu einem Frühstück im EKD-Haus am Gendarmenmarkt eingeladen. Dr. Patrick Schnabel berichtete über die Arbeit der Bevollmächtigten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und beantwortete die zahlreichen Fragen der Gruppe.

 

Die Bevollmächtigte vertritt die evangelische Kirche gegenüber der Bundespolitik. Zu ihren Aufgaben gehören Gespräche mit Politikerinnen und Politikern sowie Stellungnahmen zu Gesetzesvorhaben. Viele dieser Stellungnahmen entstehen in ökumenischer Zusammenarbeit, teilweise auch im Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern anderer Religionen.

 

Ein wichtiges Thema für die Jugendlichen war der Umgang der evangelischen Kirche mit Schwangerschaftsabbrüchen. Anlass war die politische Debatte um eine mögliche Neuregelung des § 218a des Strafgesetzbuches. Schnabel erläuterte, dass es sich um eine komplexe ethische Frage handle, bei der insbesondere die Beratung und Begleitung der betroffenen Frauen von Bedeutung seien. In dieser Frage vertreten die beiden großen christlichen Kirchen unterschiedliche Positionen.

 

Grundsätzlich wurde im Gespräch deutlich, dass Kirche und Politik nicht voneinander zu trennen sind. Wer biblische Texte auf die Gegenwart bezieht, setzt sich zwangsläufig auch mit gesellschaftlichen und politischen Fragen auseinander. Entscheidend sei dabei, so Schnabel, dass sich die Kirche sachpolitisch engagiere, ohne selbst parteipolitisch zu handeln.

 

Auch der Umgang mit der AfD und die politische Debattenkultur im Bundestag wurden angesprochen. Die EKD lädt seit zwei Jahren keine Abgeordneten der AfD mehr zu ihren Empfängen und parlamentarischen Frühstücken ein. „Hintergrund sind nach Darstellung Schnabels die politische Ausrichtung und das Verhalten der Partei, die einen sachlichen Austausch erschwerten“, berichtet Johannes Beykirch.

 

Bereits am Vorabend hatten die Jugendlichen eine Plenarsitzung besucht und dabei das Ende einer Debatte über die Neuordnung der Gedenkstättenkultur erlebt. Die Wortbeiträge machten für sie deutlich, wie kontrovers und teilweise scharf die Auseinandersetzungen im Parlament geführt werden. „Der Besuch bot ihnen damit einen unmittelbaren Einblick in die Herausforderungen demokratischer Debatten“, resümiert Janne-Marije Bork.

 

Zugleich sei deutlich geworden, welche Bedeutung seelsorgliche Angebote im parlamentarischen Alltag haben können. Hinter den 630 Abgeordneten stehen Menschen, die in Ausschüssen, Fraktionen und öffentlichen Debatten Verantwortung tragen und mit Konflikten umgehen müssen. Kirche kann ihnen dabei einen Raum für Gespräche, Orientierung und persönliche Besinnung bieten.

 

Politik hautnah erleben

 

Neben der Andacht nutzte die Gruppe ihren Aufenthalt, um den Bundestag näher kennenzulernen. Am Vorabend verfolgten die Jugendlichen das Ende einer Plenarsitzung. Anschließend erhielten sie Informationen über die Zusammensetzung und die Arbeitsweise des Parlaments und konnten von der Reichstagskuppel aus auf das nächtliche Berlin blicken. Untergebracht waren sie in der Evangelischen Gemeinde Tiergarten.

 

Nach dem Gespräch im EKD-Haus führte der Weg durch die Hauptstadt auch ins Bundeskanzleramt, das die Jugendlichen ebenfalls besichtigten. Damit kamen sie am 7. und 8. Oktober 2026 unmittelbar mit verschiedenen Bereichen der Bundespolitik in Berührung.

 

Ein persönliches Gespräch mit Philipp Amthor, Staatsminister für Bund-Länder-Zusammenarbeit im Bundeskanzleramt, hätte den Besuch abgerundet. Die Jugendlichen hatten sich eine Begegnung mit dem Politiker aus Mecklenburg-Vorpommern gewünscht. Trotz Kontaktaufnahme ließ sich angesichts seines eng getakteten Arbeitsalltags leider kein gemeinsamer Termin vereinbaren.

 

Ein Anfang mit Perspektive

 

Für die Junge Gemeinde aus der Kirchenregion Neubrandenburg war der Besuch ein wichtiger Schritt: „Aus einer Idee wurde ein konkretes Projekt, bei dem die Jugendlichen nicht nur Politik beobachten, sondern selbst einen Beitrag leisten konnten“, sagen Janne-Marije Bork und Johannes Beykirch. Beide hoffen, dass die Gruppe auch im kommenden Jahr wieder eine ökumenische Andacht im Deutschen Bundestag gestalten darf. „Vielleicht ergibt sich dann auch die Gelegenheit zu einem persönlichen Austausch mit einem oder einer Bundestagsabgeordneten.“ Eines stehe für die Gruppe bereits fest: „Sie hat einen ersten Fuß in den Bundestag gesetzt – und gezeigt, dass junge Menschen mit ihren Fragen, ihrem Glauben und ihrer Botschaft auch im Zentrum der Bundespolitik einen Platz haben.“

Quelle: ELKM (jb/mb/cme)