Pröpstin Kathrin Kühl im Porträt "Wir müssen noch intensiver ins Gespräch kommen und die Menschen mitnehmen"
Foto: PEK/S. Kühl
08.05.2026 · Greifswald. Kathrin Kühl ist Pröpstin der Propstei Demmin im Pommerschen Evangelischen Kirchenkreis mit Dienstsitz in Greifswald. Im Porträt erzählt sie von ihrem Weg ins Amt der Pastorin, von der Vielfalt ihrer pommerschen Wirkungsstätte, den Herausforderungen, vor der die Kirche der Zukunft steht, und über ihre Vorliebe für „Die drei ???“.
Wir treffen Kathrin Kühl im Arbeitszimmer ihrer Greifswalder Dienstwohnung. In einem Regal steht Martin Luther als Playmobilfigur, daneben die Protagonisten der Jugendbuchreihe „Die drei ???“ vom selben Spielzeughersteller. Während der Playmo-Luther seit dem Reformationsjubiläum viele protestantische Amtsstuben ziert, stellt sich die Frage, warum ausgerechnet die Detektive Justus, Peter und Bob im Miniaturformat dazugestoßen sind? „Wenn ich nicht schlafen kann, höre ich mir gern eine Folge an“, erzählt sie. Auch während langer Autofahrten – für die Theologin im Flächenland keine Seltenheit – schallen des Öfteren die Abenteuer der drei Detektive aus den Lautsprechern. Dabei sind die Geschichten keine nostalgische Erinnerung; erst als Erwachsene entdeckte sie die Reihe für sich. „Die sind richtig gut gemacht, mit einem gewissen Bildungsanspruch und ohne erhobenen Zeigefinger.“ Genau richtig also, um zu entspannen und nach einem fordernden Arbeitstag abzuschalten. Ursprünglich wollte sie nur herausfinden, warum die Hörspiele auch so viele andere Erwachsene faszinieren – und wurde dabei prompt selbst zum Fan.
„Die Bachwoche ist großartig“
Doch es sind nicht nur Detektivgeschichten, die bei ihr aus den Boxen schallen. Im musikalischen Bereich gehört ihre Vorliebe den klassischen Klängen. „Jeden Sonntag hat meine Mutter um 8 Uhr die Bachkantate im NDR gehört.“ Das hat sie früh geprägt. Im Kontrast dazu stand der Musikgeschmack ihres fünf Jahre älteren Bruders: „Das war zwar nichts Schockierendes, sondern normaler Rock und Pop, aber es gefiel mir nicht.“ Da sich die Geschwister ein Zimmer teilten, flüchtete sie für die Hausaufgaben lieber ins Esszimmer, um dort ungestört Bach hören zu können. Angesichts dieser Begeisterung für den Barock-Komponisten betrachtet sie es als Glücksfall, dass ihr heutiger Dienstsitz in Greifswald liegt. „Die Bachwoche ist großartig, und ich empfand es als echtes Privileg, die Morgenmusik zu eröffnen.“ Im vergangenen Jahr versuchte sie, so viele Konzerte wie möglich zu besuchen. Schon jetzt ist ihre Vorfreude auf das diesjährige 80. Jubiläum der Bachwoche (1. bis 7. Juni) groß. Überhaupt sei die kirchenmusikalische Arbeit im pommerschen Kirchenkreis überragend, so die Pröpstin begeistert. Als weiteres Beispiel nennt sie Demmin, wo in ihrer Predigtstätte Sankt Bartholomaei regelmäßig außergewöhnliche Konzerte der Kantorei zu hören sind.
„Vom Balkon aus konnten wir die Werftkräne sehen“
Seit dem 1. September 2024 ist Kathrin Kühl im pröpstlichen Amt im Pommerschen Evangelischen Kirchenkreis und fühlt sich in Greifswald längst heimisch. Die Nähe zum Hafen hat sicherlich dazu beigetragen, denn in ihrer Geburtsstadt Kiel (Jahrgang 1973) waren Wasser und Schiffe stets in Sichtweite. Als Tochter eines Lebensmittelkaufmanns und einer Krankenschwester wuchs sie dort mit zwei älteren Geschwistern auf. „Vom Balkon aus konnten wir die Werftkräne sehen.“ Das Seehundbecken an der Kiellinie war ein ständiges Ausflugsziel: „Es waren für uns nur ein paar Minuten ans Wasser.“ Naheliegend, dass sie sich in ihrer Jugend auch sportlich auf und in dem nassen Element bewegte. Mit sechs Jahren trat sie in den Schwimmverein ein, vom elften bis zum 15. Lebensjahr spielte sie Kanu-Polo. „Ein rasanter Sport, wie Handball auf dem Wasser, bei dem man Boot und Ball gleichzeitig koordinieren muss. Das hat mir unheimlich viel Spaß gemacht.“ Vielleicht wäre eine Leistungssportkarriere als Schwimmerin daraus geworden, hätte ihr kirchliches Engagement nicht nach und nach mehr Raum eingenommen. Fünf Tage Training pro Woche ließen sich irgendwann nicht mehr mit der Gemeindezeit vereinbaren.
Historische Verbindungen nach Pommern
Parallel zum Sport nahm sie ab dem sechsten Lebensjahr Flötenunterricht, engagierte sich später als Konfirmandin und leitete eine Teestunde. Ab 1986 war sie im Kirchenvorstand und schon mit 14 Jahren wurde sie ehrenamtliche Küsterin. „Ich habe die Kirche offen gehalten, geputzt und ganz allgemein für Ordnung gesorgt.“ Zwischen Schule, Sport und Kirche bekamen ihre Eltern sie kaum noch zu Gesicht. Eine vielbeschäftigte Teenagerin, die in diesen Jahren jedoch viel lernte. Obwohl ihr Vater aus der Kirche ausgetreten war, wurden die Kinder getauft und konfirmiert – „das gehörte damals einfach dazu“. Ihre Mutter vermittelte ihr den Glauben einerseits über die Musik, vor allem aber durch ein tiefes Gottvertrauen. Der Vater war Kieler, die Familie der Mutter stammt aus Ostpreußen. „Nach dem Krieg kam mein Großvater, ursprünglich ein Stettiner, als Flüchtling nach Kiel. Die Briten brauchten ihn dort als Drucker für den Wiederaufbau der freien Presse.“ Anfangs lebte die Familie jahrelang in Flüchtlingsunterkünften, den kargen „Nissenhütten“, und hatte zuvor auf der Flucht zwei Jahre auf Rügen gelebt. So schließe sich ein Kreis, findet Kathrin Kühl: Verbindungen nach Pommern gab es in ihrer Familiengeschichte schon lange, bevor sie hier ihr pröpstliches Amt antrat.
Enger Kontakt mit Familie und Geschwistern
Kathrin Kühl serviert während der Unterhaltung Kaffee und Tee. Letzteres bevorzugt sie selbst. Das Arbeitszimmer in ihrer Greifswalder Wohnung ist klein. Ein Regal, ein antiquarischer Schreibtisch mit vielen Fächern, eine gemütliche Sitzecke für ausführliche Gespräche… Und wie überall in der Wohnung zahlreiche Erinnerungsstücke, Fotos, Bilder, Handarbeiten. Fast alles zeigt Verwandte oder ist von Familienmitgliedern gebastelt, gemalt, gestickt. Ganz klar, Kathrin Kühl ist ein Familienmensch. Mit ihrem Bruder und ihrer Schwester hält sie engen Kontakt. Fast tägliche Telefonate gehören dazu oder auch Video-Calls. „Wir veranstalten außerdem schon seit vielen Jahren regelmäßig unser Geschwister-Wochenende“, erzählt Kathrin Kühl. Hinzu kommt das große Familientreffen mit mehr als 20 Cousins, Cousinen, Onkeln und Tanten plus Nachkommen. „Wir nennen es allerdings nicht Familientreffen, sondern Kinderfest, weil meine Oma die Tradition so begründet hat. Es gab damals eine Rallye für uns Kinder, und daraus ist die heutige Zusammenkunft gewachsen.“ Bis heute treffen sie sich wie früher in der Nähe von Bad Segeberg. Obwohl die Familie weit verstreut lebt, bewahrt sie die Tradition, kommen einmal im Jahr alle zusammen; es werden Spiele gespielt und Theaterstücke aufgeführt – ganz im Geiste des ursprünglichen Kinderfests ihrer Großeltern.
„Ich wollte Lebensmittelchemikerin werden“
Der kostenlose Flötenunterricht war ursprünglich der Ankerpunkt in ihrer Kieler Kirchengemeinde gewesen; als „Gegenleistung“ brachte sie sich im Gemeindeleben mit Konzerten ein. Letztlich prägend für ihren Weg in der Kirche war jedoch der damalige Seelsorger. „Er hat mich immer gefördert, mich in Lebensfragen beraten und war einfach für mich da“, erinnert sich die heute 53-Jährige an Knut Mackensen, der über zwei Jahrzehnte Pastor an der Kieler Jakobikirche war. „Ohne ihn wäre ich keine Pastorin geworden.“ Denn zwischenzeitlich gab es ganz andere Pläne: „Ich wollte Lebensmittelchemikerin werden“, erzählt sie schmunzelnd. Dass der Entschluss zur Theologie reifen musste, lag auch an dem tiefen Respekt vor den anspruchsvollen Aufgaben des Berufs. „Ich habe mir das lange Zeit nicht zugetraut und mich etwa gefragt, was ich trauernden Eltern sagen soll“, berichtet sie von ihren damaligen Zweifeln. Als Knut Mackensen jedoch von der Idee mit der Lebensmittelchemie hörte, meinte er nur lapidar: „Darüber reden wir noch.“ Der erfahrene Pastor hatte wohl schon lange vor ihr geahnt, dass ihre Berufung eine andere sein würde.
„Ich muss nicht immer auf alles eine Antwort haben“
„Aushalten und da sein, darauf kommt es an“, formuliert sie Säulen der Seelsorge, die sie inzwischen längst für sich erkannt hat. „Ich muss nicht immer auf alles eine Antwort haben.“ Das entlaste auch und gebe Sicherheit. Als Schülerin war sie natürlich noch lange nicht bei dieser Erkenntnis und daher bezüglich des Berufswunschs zunächst anders orientiert: „Chemie Leistungskurs und Geschichte haben mir einfach Spaß gemacht.“ Aufgrund des historischen Interesses denkt sie gern an eine schulische Bildungsreise im Mai 1989 zurück, die sie in die DDR führte. Deutsche Erinnerungssorte wie Leipzig, Weimar und die Wartburg in Eisenach standen auf dem Reiseplan. Begegnungen mit den Menschen vor Ort waren allerdings nicht vorgesehen: „Wir hatten zwar Reiseführer aus der DDR, darüber hinaus gab es aber keine Kontakte. Wir wurden da zu den Vorzeigeorten geschleust.“ Auch privat hatte ihre Familie „drüben“ keine Bekannten. Dennoch habe sie sich immer für den östlichen Teil Deutschlands interessiert, die „Wendezeit“ als Jugendliche aus ihrer Perspektive aufmerksam miterlebt. Auch im Schulunterricht seien die damaligen Umwälzungen intensiv begleitet worden.
Von Bethel über München zurück nach Kiel
Die Entscheidung für die Theologie und das Pfarramt fiel dann während der Abiturzeit. „Einerseits wollte ich zwar raus in die Welt, andererseits suchte ich ein behütetes, eher familiäres Umfeld. Daher wollte ich eigentlich am Kirchlichen Proseminar Naumburg studieren, doch das war damals bereits geschlossen.“ So zog es sie stattdessen von 1993 bis 1995 an die Kirchliche Hochschule Bethel. Die enge Verknüpfung des Instituts mit den v. Bodelschwinghschen Stiftungen, die sich um kranke und benachteiligte Menschen kümmern, ermöglichte Patenschaften zwischen Studierenden und betreuten Personen. Auch Kathrin Kühl übernahm in dieser Zeit eine solche Patenschaft und verbrachte viel Freizeit mit einer Heimbewohnerin. Das Kontrastprogramm zu Bethel bot anschließend München, wohin sie nach der Zwischenprüfung wechselte. Im Studierendenheim Collegium Oecumenicum wohnte sie nun mitten im Großstadtgetümmel. „Das Leben im Wohnheim war spannend. Jeden Tag gab es Andachten, die wir selbst organisierten. Wir haben zusammen gegessen, es herrschte eine große Gemeinschaft.“ Dazu kam der Trubel der Metropole, den sie bewusst kennenlernen wollte – und auch bei den Katholiken habe sie „mal reinschauen“ wollen, sagt sie augenzwinkernd. Nach einem aufregenden Jahr in der bayerischen Landeshauptstadt kehrte sie in die schleswig-holsteinische Heimat zurück, wo sie im Jahr 2000 in Kiel ihr erstes Examen ablegte. Den Kontakt in den Norden hatte sie ohnehin stets gepflegt und ihre vielen Ehrenämter dort während des Studiums lediglich ruhen lassen oder eingeschränkt.
Gemeindearbeit statt Dissertation
Die Arbeitsmarktsituation für Geistliche war damals eine völlig andere als heute: „Ab 1998 waren kaum Stellen in den Gemeinden frei; uns Studierenden wurde eher eine wissenschaftliche Laufbahn oder ein Beruf ganz außerhalb der Kirche nahegelegt.“ Tatsächlich bot ihr ein Professor an, eine Dissertation zu verfassen. Fast zeitgleich erfuhr sie jedoch, dass in Mecklenburg Vikarinnen und Vikare gesucht wurden. „Drei Tage nach meinem Examen im Sommer 2000 saß ich beim Aufnahmegespräch in Rampe bei Schwerin“, erinnert sie sich genau. „Das war meine große Chance, denn die Gemeindearbeit lag mir viel mehr als eine Doktorarbeit.“ Kurzerhand entschied sie sich für den Wechsel nach Mecklenburg. In Pokrent bei Gadebusch absolvierte sie bei Pastor Michael Blumenschein ihr Vikariat, die praktische Ausbildungsphase. Eine Entscheidung, die sie nie bereut hat: „Das war eine gute Zeit“, sagt sie strahlend. In Pokrent erlebte sie eine „klassische Pastorenfamilie“, wurde sofort ins Gemeinde- und Familienleben integriert. Die Arbeit im ländlichen Raum bedeutete viel Fahrerei über die Dörfer, doch das Gemeindeleben florierte; es gab zahlreiche Krabbelgruppen und Angebote für Kinder. Vergleicht sie das mit der Situation ein Vierteljahrhundert später, stellt sie da einen deutlichen, vor allem demografischen Wandel fest.
Geübte Zuhörerin: „Ich liebe Lebensgeschichten“
Nach ihrem Probedienst in den Gemeinden Vellahn-Pritzier und Marlow wurde Kathrin Kühl 2007 Pastorin in Hagenow. Ab 2008 übernahm sie dort zudem die Rolle der Regionalpastorin sowie der stellvertretenden Landessuperintendentin. Sechs Jahre blieb sie in der westmecklenburgischen Kleinstadt. „Das war eine sehr große Gemeinde mit vielen Mitarbeitenden. Es war besonders schön, in einem so vielfältigen Team zu arbeiten und viele Menschen zu haben, die mitgestalten.“ In dieser Zeit festigte sich auch eine ihrer großen Stärken: das Zuhören. „Ich liebe Lebensgeschichten und lasse mir gern davon erzählen“, sagt sie. Eine Zäsur markierte vor einigen Jahren die Diagnose Polyneuropathie. Die Erkrankung schränkte ihre Beweglichkeit nach und nach ein; Treppensteigen ist ihr heute nicht mehr möglich. Als schließlich eine Stelle im Landeskirchenamt in Kiel ausgeschrieben wurde, empfand sie dies als Wagnis, das jedoch genau zu ihrer Situation passte. Obwohl ihr die direkte Gemeindearbeit stets am Herzen lag, sah sie darin die Chance, ihre Erfahrungen aus dem ländlichen Mecklenburg auf einer anderen Ebene einzubringen.
Talent für Verwaltung und Gremienarbeit
Ab 2013 verantwortete sie im Landeskirchenamt völlig neue Bereiche – von der Personal- und Budgetplanung für die Pastorinnen und Pastoren in der gesamten Nordkirche bis hin zu Stellenbesetzungen und Disziplinarverfahren. Eine lange Liste an Aufgaben, die sich noch fortsetzen ließe und die ihr, wie sie rückblickend gesteht, „viel mehr Spaß gemacht haben, als ich zunächst dachte“. Sie entdeckte ihr Talent für Verwaltung, Gremienarbeit und die Arbeit in komplexen Strukturen. Eigentlich hätte sie sich vorstellen können, diesen Weg bis zum Ruhestand weiterzugehen. Doch als die Suche nach einer Pröpstin in Pommern begann, keimte ein neuer Gedanke: „Warum nicht doch noch mal etwas anderes wagen?“ Besonders die damit verbundene besondere Verantwortung als Verwaltungspröpstin reizte sie. Sie bewarb sich, wurde im Mai 2024 von der pommerschen Synode gewählt und im Oktober desselben Jahres feierlich in ihr Amt eingeführt.
„Ich genieße es, Gottesdienste zu gestalten“
Der Wandel, den Kathrin Kühl in den vielen Jahren im Dienst der Kirche beobachtet, zeige sich auch in der Abkehr viel zu vieler Mitglieder: „Dass vielen Menschen nichts fehlt, wenn sie nicht zu uns kommen – das zu ändern, haben wir bislang nicht überzeugend geschafft. Denen, die gehen oder die nicht zu uns kommen, fehlt scheinbar nichts“, reflektiert sie mit Bedauern die Entfremdung vieler Menschen von der Kirche. Dennoch erlebe sie in ihrem Alltag nach wie vor einen enormen Vertrauensvorschuss gegenüber kirchlichen Vertreterinnen und Vertretern: „Wir werden reingelassen, stoßen auf offene Türen.“ Fragt man sie, was ihr am Beruf besonders gefällt, antwortet sie prompt: „Ich genieße es, Gottesdienste zu gestalten. Aber das Schönste ist, Menschen kennenzulernen und im Gespräch zu sein.“ Kirche ist für sie primär Gemeinschaft – im Glauben und in der Verbindung zu Gott. „Leute ansprechen ist immer richtig. Ablehnen können sie ja immer noch. Interesse zeigen ohne Vereinnahmung und ein herzliches Willkommen heißen gehören für mich unbedingt dazu – und sei es nur, jemandem am Eingang mit einem Lächeln freundlich das Gesangbuch in die Hand zu drücken.“
„Barrierefreiheit ist ein großes Problem“
Zur kirchlichen Willkommenskultur gehört für Kathrin Kühl auch die ganz praktische Zugänglichkeit. „Barrierefreiheit ist ein großes Problem in unseren kirchlichen Häusern.“ Durch die persönliche Einschränkung aufgrund ihrer Erkrankung ist sie selbst auf eine Gehhilfe angewiesen und hat dadurch einen geschärften Blick für die Hindernisse des Alltags: Stufen vor dem Altarraum, defekte Fahrstühle oder schwergängige Türen... „Vielfach ist es schlicht Unbedachtheit, die zu diesen Barrieren führt. Aber leider kommen manche Menschen gar nicht erst zu unseren Angeboten, weil sie schon vorher wissen, dass sie aufgrund dieser Hindernisse nicht reinkommen.“ Seit sie das Amt der Pröpstin innehat, ist das Bewusstsein für dieses Thema im Pommerschen Kirchenkreis deutlich gewachsen, auch wenn noch viel zu tun bleibt. „Im Altarraum in Demmin gibt es zum Beispiel einen Handlauf, das ist super“, freut sie sich. Ein weiteres Beispiel: Das Kirchenkreisamt hat einen barrierefreien Zugang bekommen. Oft helfen schon Kleinigkeiten, um Barrieren zu verringern, wie Rampen an Türschwellen oder Griffe an Treppenstufen. Dabei betont sie, dass Barrierefreiheit ein weites Feld ist: Es geht eben nicht nur um Mobilität, sondern ebenso um die Bedürfnisse von Menschen mit Seh- oder Hörbeeinträchtigungen.
„In den Gemeinden läuft unglaublich viel“
Mittlerweile ist Kathrin Kühl in Pommern angekommen, hat sich richtig eingelebt und fühlt sich heimisch. Dazu hat beigetragen, dass sie alle Gemeinden ihrer Propstei besucht hat, um sich vor Ort ein Bild von den Strukturen und Besonderheiten zu machen. „In den Gemeinden läuft unglaublich viel; es gibt eine Fülle an Ideen, um Menschen zu begeistern“, so ihr Eindruck. „Zugleich spüre ich überall einen hohen Veränderungsdruck. Wir müssen hier noch intensiver ins Gespräch kommen und die Menschen mitnehmen.“ Denn Veränderungen fielen zwar schwer, seien aber Teil der Kirchengeschichte. „Wir werden weniger, und die finanziellen Spielräume schwinden.“ Als Pröpstin setzt sie sich dafür ein, dass der Kirchenkreis finanziell solide aufgestellt bleibt. „Das bedeutet für mich keinen reinen Zentralismus, sondern den Wunsch, Kompetenzen sinnvoll zu bündeln.“ Das gelte für das Kirchenkreisamt ebenso wie für das Regionalzentrum. Ein besonderes Anliegen ist ihr dabei die Sicherung auskömmlicher Stellen für die Mitarbeitenden. Und was macht Kathrin Kühl, wenn sie einmal nicht mit Zahlen jongliert oder die Verwaltung steuert? Dann genießt sie ihre seltene Freizeit auf ihrem dreirädrigen Fahrrad. Die Landschaft rund um Greifswald hat es ihr angetan; am liebsten erkundet sie die Natur entlang des Rycks und am Bodden.
Quelle: PEK (sk)