Wissenschaft Philosoph Gerhardt: Reformation hat religiöse Toleranz gefördert

01.11.2018 · Hamburg.

Die Reformation hat nach Einschätzung des Hamburger Philosophen Volker Gerhardt (74) die Toleranz gegenüber unterschiedlichen Religionen und Kulturen in Deutschland wesentlich gefördert. Die Gründung der evangelischen Kirche habe zunächst zu verheerenden Kriegen geführt, sagte Gerhardt. Am Ende seien aber Wege gefunden worden, wie eine Gesellschaft mit einer Vielfalt von Konfessionen und Kulturen leben könne.  

Die Reformation habe auch den Einfluss der Juristen gestärkt, betonte Gerhardt. Ein Zusammenleben unterschiedlicher Religionen und Kulturen erfordere auch ein gesetzliches Regelwerk und starke rechtliche Institutionen.

Durch Aufhebung des Zölibats habe die Reformation das evangelische Pfarrhaus entstehen lassen, das die deutsche Kultur im 18. und 19. Jahrhundert maßgeblich gefördert hat, sagte Gerhardt. Zahlreiche Künstler und Denker seien hier aufgewachsen. Pastorenkinder waren unter anderem Friedrich Nietzsche, Jean Paul, Hermann Hesse, Vincent van Gogh, Friedrich Dürrenmatt und Matthias Claudius. Auch sei die Kultur der Innerlichkeit, die Anfang des 19. Jahrhunderts zur Romantik geführt habe, unter anderem Folge der evangelischen Glaubenspraxis.

Geistesgeschichtlich sei die Reformation eine "Wegbereiterin der europäischen Aufklärung", betonte Gerhardt. Sie habe die Bildung gefördert und damit die Urteilsfähigkeit des Einzelnen gestärkt. Anders als damals in der Römisch-Katholischen Kirche habe Martin Luther alle Gläubigen zu gleichwertigen Kirchenmitgliedern erklärt. Trotz aller dunklen Seiten seiner Persönlichkeit habe der Reformator einen wichtigen Impuls für ein modernes Denken gegeben, dass der einzelne Mensch selbst denken und handeln solle.

Gerhardt ist Seniorprofessor für Philosophie an der Berliner Humboldt-Universität und lebt in Hamburg.

Quelle: epd