Gesellschaft Bürgerschaftliches Engagement im Osten geringer als im Westen
02.06.2015 · Weimar. Der Befund ist eindeutig: Im Osten der Republik engagieren sich weniger Menschen in der Zivilgesellschaft als im Westen. Auf einer Tagung in Weimar wurden Gründe dafür benannt und über Konsequenzen für die politische Bildungsarbeit diskutiert.
Die Sommertagung des Thüringer Landesprogramms für Demokratie, Toleranz und Weltoffenheit am Montag in Weimar war der Demokratieentwickung im Freistaat gewidmet. Einen aufschlussreichen Befund für die Diskussion um bürgerschaftliches Engagement bot das Eröffnungsreferat des Hildesheimer Soziologieprofessors Michael Corsten. Anhand soziologischer Untersuchungen konstatierte der Wissenschaftler zwischen Ost und West deutliche Unterschiede: Während sich etwa 35 Prozent der Westdeutschen regelmäßig ehrenamtlich engagierten, seien es in der früheren DDR lediglich zwischen 28 und 32 Prozent der Bevölkerung.
Aus den Erhebungen gehe zudem hervor, dass sich übereinstimmend jeweils ein Drittel gelegentlich und der Rest überhaupt nicht engagiere. Corsten sprach von "resistenten Nichtengagierern", die in Ostdeutschland zumeist "Wendeverlierer" seien und durch Vorruhestand, Arbeitslosigkeit und prekäre Selbstständigkeit "keine Möglichkeit" sehen, "in der Gesellschaft anzukommen". Auf dieser Grundlage habe sich mit der Zeit ein "gesellschaftliches Verbitterungssyndrom" aufgestaut, das die Gesellschaft lange übersehen habe. In der fremdenfeindlichen "Pegida"-Bewegung sei dieses Enttäuschungsmotiv schließlich zum Ausbruch gekommen.
"Wendeverlierer fühlen sich in der Gesellschaft nicht würdig platziert und trotz ihrer Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten übersehen", sagte Corsten. Darüber hinaus fühlten sie sich in der Öffentlichkeit nicht wahr- und ernstgenommen, weil sie im Diskurs um aktuelle zivilgesellschaftliche Themen wie etwa Rechtsextremismus, Homophobie oder Gender nicht vorkommen. Dieser Prozess müsse "sehr ernst genommen" werden, um mit diesen Menschen wieder ins Gespräch zu kommen, betonte der Wissenschaftler.
Quelle: epd