Porträt Christine Deutscher ist neue Flüchtlingsbeauftragte in Pommern

Seit Beginn des Monats Juli ist Christine Deutscher Flüchtlingsbeauftragte des Pommerschen Evangelischen Kirchenkreises.

Foto: PEK/S. Kühl

08.07.2015 · Greifswald. Mit Beginn des Monats Juli hat Christine Deutscher ihre Tätigkeit als Flüchtlingsbeauftragte des Pommerschen Evangelischen Kirchenkreises begonnen und ihr Büro im Greifswalder Regionalzentrum bezogen. Die gebürtige Stralsunderin hat viel vor und erzählt von ihrem Interesse für andere Kulturen, was der christliche Glaube für sie bedeutet und wie Integration gelingen kann.

In der vergangenen Woche, am Mittwoch, 1. Juli, hat Christine Deutscher ihre Arbeit als Flüchtlingsbeauftragte des Pommerschen Evangelischen Kirchenkreises aufgenommen. „Ich hatte schon am ersten Tag ganz konkrete Anfragen aus den Gemeinden und war auch schon bei Terminen vor Ort“, berichtet Christine Deutscher von ihrem Start als Flüchtlingsbeauftragte. „Es ist spannend, zu erleben, wie die große Zahl der Hilfesuchenden derzeit in der Region ganz viele Kräfte freisetzt, in den Kirchengemeinden, in den Kommunen, bei Ehrenamtlichen.“ Eine offene Atmosphäre des Willkommens und die Vermittlung der deutschen Sprache seien die Eckpfeiler gelungener Integration. Hier könnten die Kirchengemeinden ansetzen, indem sie zu Gottesdiensten einladen und herzlich auf die Ankommenden zugehen oder ehrenamtlich Sprachkurse geben, wofür es im Kirchenkreis schon Beispiele gebe.
 
Flüchtlingshilfe ist Fundament des christlichen Glaubens
 
„Für solche Kurse stelle ich gern Material zur Verfügung oder berate die Ehrenamtlichen“, bietet Christine Deutscher an. Außerdem werde sie pommersche Kirchengemeinden in allen Fragen rund um Flucht und Asyl beraten, entsprechende Netzwerke in den Gemeinden festigen, knüpfen und begleiten, Gemeindeabende mitgestalten, interkulturelles Lernen fördern sowie alle Menschen im Kirchenkreis unterstützen, die Kontakte zu Flüchtlingen haben. „Der christliche Glaube spielt dabei eine große Rolle, bedeutet er für mich doch vor allem, dass Gottes Gegenwart in der Gemeinschaft spürbar wird“, sagt Christine Deutscher, während sie dabei ist, in ihrem neu bezogenen Büro im Regionalzentrum am Greifswalder Karl-Marx-Platz 15 ihren Arbeitsplatz einzurichten. „Sich um Flüchtlinge zu kümmern, gehört zu den Fundamenten unseres Glaubens und ist christlicher Auftrag. Die Bibel ist voller Geschichten über Flucht und Vertreibung. Wären die Flüchtlinge der Bibel nicht aufgenommen worden und hätten keine neue Heimat gefunden, dann hätten die biblischen Geschichten nie erzählt und aufgeschrieben werden können“, so die verheiratete Mutter zweier Töchter.
 
Kontakt zum Glauben durch Junge Gemeinde
 
Geboren wurde Christine Deutscher 1971 in Stralsund, wo sie während der Wendezeit das Abitur ablegte. Sie wuchs nicht in einer christlichen Familie auf. Erst als Jugendliche kam sie mit dem Glauben in Kontakt. „In der elften Klasse wurde ich von Freunden angesprochen, ob ich nicht mal mit in die Junge Gemeinde kommen will. Das war eine tolle Gruppe“, erinnert sich Christine Deutscher. „Ich habe mich dann in der Jugendarbeit engagiert und mich auf einer Sommerfahrt taufen lassen.“ Ursprünglich habe sie eine naturwissenschaftliche Laufbahn im Auge gehabt, sich aber aufgrund der Erfahrungen in der Jungen Gemeinde entschlossen, Theologie zu studieren. „Das verursachte eine ganz schöne Verwunderung in der Schule“, schmunzelt Christine Deutscher. Nach der Schule absolvierte sie zunächst Praktika in einer diakonischen Behinderteneinrichtung und in einer Kirchengemeinde. Bei Letzterem habe sie festgestellt, dass Theologie doch nicht ihr Weg sei. Es folgte eine Orientierungsphase, in der sie im Theater jobbte und sich besonders für das Werk des nicaraguanischen Theologen Ernesto Cardenal und Südamerika interessierte. Aus diesem Interesse heraus begann sie an der Universität Greifswald Spanisch und Englisch zu studieren, war in der Studentengemeinde aktiv und Vertrauensstudentin.
 
Vermittlung zwischen den Kulturen
 
Während des Studiums gab Christine Deutscher baltischen Studierenden Sprachunterricht und belegte zusätzlich das Fach Deutsch als Fremdsprache. „Das war ausschlaggebend dafür, dass ich nach meinem Abschluss den beruflichen Weg der Erwachsenenbildung eingeschlagen habe.“ Ab 1998 unterrichtete Christine Deutscher dann als Freiberuflerin Deutsch und Englisch für verschiedene Auftraggeber. Unter anderem arbeitete sie im Seminar für Kirchlichen Dienst und schulte für große Unternehmen Arbeitnehmer aus aller Welt. „Zu den ausländischen Sprachschülern habe ich oft ein freundschaftliches Verhältnis aufgebaut und sie im für sie fremden Land unterstützt, sie beispielsweise bei Arztbesuchen begleitet. Dabei stellte ich fest, dass mir das großen Spaß macht, und es auch das ist, was ich schon immer gern gemacht habe, nämlich zwischen den Kulturen zu vermitteln und mit verschiedenen Sprachen umzugehen.“ Seit ihrer Zeit in der Jungen Gemeinde und auch nach dem Start ins Berufsleben war und ist das ehrenamtliche Engagement für Christine Deutscher ein wichtiger Teil ihres Lebens. Beispiele dafür sind die Arbeit im Kirchengemeinderat, im Lektorendienst, die Organisation von Rüstzeiten oder die übergemeindliche Begleitung der Partnerschaftsarbeit der pommerschen Kirche mit Südafrika.

Mit Spaß lernt es sich besser
 
Die Leidenschaft für die Vermittlung zwischen den Kulturen pflegt Christine Deutscher seit etwa 15 Jahren auch beim Weltgebetstag. „Ich habe Polen und Rumänien bereist, jedes Jahr neue Kulturen kennengelernt und das Gelernte in den Kirchengemeinden unter anderem bei der Gestaltung von Seniorennachmittagen weitergegeben. Dabei war und ist es mir immer wichtig, dass die Menschen spüren, dass das, was ich ihnen erzähle, etwas mit ihnen selbst zu tun hat. Und genau wie in meinem Sprachunterricht versuche ich, alles mit Spaß zu vermitteln. Denn nur, wenn man Spaß hat, kann man sich auch was merken“, weiß Christine Deutscher aus ihrer langjährigen Erfahrung als Sprachdozentin. Das bestätigte sich für sie auch im Jahr 2011 während eines halbjährigen Aufenthalts in Schottland gemeinsam mit ihrer Familie, wo sie eine Weiterbildung im Fach „Englisch als Fremdsprache“ absolvierte. „Wir wurden in Schottland unglaublich herzlich aufgenommen, besonders in der Kirchengemeinde“, erzählt Christine Deutscher. „Auch unsere Töchter in der Schule wurden mit großer Selbstverständlichkeit und Offenheit aufgenommen.“
 
Beruflicher Neustart mit 40 Jahren
 
Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr von ihrer Zeit in Schottland ein Pastor, der ein erfolgreicher Banker war, bevor er seinem Leben eine Wende gab. „Er hat mir gezeigt, dass man sich auch mit 40 Jahren noch völlig neu orientieren kann.“ Der Lebensweg dieses Pastors habe einen Denkprozess bei ihr angestoßen, sie wollte eine längerfristige Perspektive, statt der immer neuen Halbjahresverträge als Freiberuflerin. „Als ich aus Schottland zurückkam, begann ich beim Psychosozialen Zentrum, PSZ, in Greifswald zu arbeiten und zeitgleich ein berufsbegleitendes Studium der Sozialen Arbeit.“ Doch auch beim PSZ gab es für sie nur Anstellungen in projektfinanzierter Flüchtlingsarbeit, deren Förderungen bald wieder ausliefen. Und danach beim Landkreis als Betreuerin für dezentral untergebrachte Asylsuchende erhielt sie nur einen Halbjahresvertrag, so dass Christine Deutscher auch hier die langfristigen Aussichten vermisste.

Endlich die ersehnte Chance
 
Im Frühjahr dieses Jahres erfuhr Christine Deutscher, dass der Pommersche Evangelische Kirchenkreis die Stelle der Flüchtlingsbeauftragten ausschrieb. „Ich habe damals gedacht: die Kirche sieht, was in der aktuellen Situation dringend gebraucht wird und habe mich mit Erfolg beworben.“ Die Stelle sei mit ihrer Befristung auf fünf Jahre endlich die ersehnte Chance, über einen längeren Zeitraum etwas zu bewirken. „Das ist meine Traumstelle, genau so etwas wollte ich machen. Die vielfältigen Erfahrungen, die ich in der Flüchtlingsarbeit bereits gesammelt habe, kann ich nun in einem viel größeren Rahmen nutzbar machen. Ich lade alle Kirchengemeinden des Kirchenkreises ein, sich mit ihren Fragen zur Flüchtlingsarbeit an mich zu wenden.“
 
Englische Originale als Freizeitlektüre
 
Wer so in seiner Arbeit und im ehrenamtlichen Engagement aufgeht, wie Christine Deutscher, hat eigentlich keine Zeit für Freizeitaktivitäten. „Mir macht Spaß, was ich tue, Hobbys brauche ich da gar nicht“, sagt Christine Deutscher augenzwinkernd. Das ein oder andere Steckenpferd hat sie aber doch. So singt sie im slawischen Chor „Choryllisch“, dem Greifswalder Slawistik-Chor, „weil ich russische Volkslieder sehr mag“, sie tanzt Mittelalter- und Kreistänze, ist „Herr der Ringe“-Fan und liest gern „Harry Potter“-Romane, natürlich im Original. „Ich lese die Bände jetzt zum wiederholten Mal - auch diesmal wieder mit viel Spaß und Freude, sowohl am Inhalt als auch an der Sprache. Angefangen hat diese Leidenschaft, die ich mit meinen Kindern teile, vor vielleicht acht Jahren. Die Filme und Bücher kenne ich fast auswendig. ‚Harry Potter‘-Stadtführungen und ein Besuch in den ehemaligen Filmstudios in London begeisterten mich.

Quelle: PEK



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