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Die Wochenandacht im Portal kirche-mv.de

Andacht

Von Pröpstin Britta Carstensen, Propstei Neustrelitz

Die Dinge anders denken


Die Leute jubeln: Unser König kommt, eine neue Zeit beginnt. Der Mann auf dem Esel weiß: Ja, sie hat begonnen – aber anders, als ihr es erwartet. 

Eine Frau salbt Jesus mit kostbarem Parfumöl. Die einen sagen: Was für eine sinnlose Verschwendung! Jesus sagt: Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Körper vorbereitet auf das Begräbnis.

Zwei kleine Szenen aus den letzten Lebenstagen von Jesus. Er versucht, seine Freunde auf das Kommende vorzubereiten. Dabei denkt und deutet er die Dinge anders als sie. Denn er ahnt: Er wird leiden und sterben. Und wirklich: Was am Palmsonntag in Jerusalem mit Jubel und Lobgesang beginnt, endet schon wenige Tage später schrecklich am Kreuz. Jesus leidet. Menschen leiden. Das ist eine an Leib und Seele erfahrene, oft verzweifelte Realität.

Dieses Jahr wird die Karwoche im wahrsten Sinne des Wortes eine stille Woche. Das öffentliche Leben liegt brach, wir können uns nicht frei bewegen. Die Ansteckungsgefahr durch das Corona-Virus bleibt weiterhin hoch. Und das Leid rückt näher als sonst. In Krankenhäusern und Pflegeheimen ist die Lage sichtlich  angespannt. Menschen sterben. Und jeder kennt jemanden, der sich zu Recht Sorgen um seine Zukunft macht. Weil der Betrieb geschlossen hat, weil die wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel steht.

Was kann jetzt Halt geben, Hoffnung sein? Ich versuche, heute vom Ostermorgen her zu denken und zu glauben. Das ist und bleibt nicht nur in der Karwoche ein Aushalten, ein Wagnis. Denn der Ausgang liegt in Gottes Hand. Doch ich vertraue darauf, dass Gott auch in schweren Zeiten Wege weiß, die mir und anderen (noch) verschlossen sind. Und dass ich und andere sie mit seiner Hilfe finden und gehen können.

In diesem Vertrauen: Was werden wir wohl über diese Wochen sagen, wenn sie irgendwann vorüber sind? Vielleicht, dass nicht alles nur Notlage und Verlust war. Was könnten wir erfahren haben? Zum Beispiel, dass wir miteinander verbunden blieben - nur anders. Dass wir uns trotz Einschränkungen nicht aus den Augen verloren haben. Denn Handy und Computer waren echte Hilfen. Dass Solidarität, Rücksichtname und Höflichkeit unsere Gesellschaft weiter gebracht haben als Egoismus und Pöbeleien. Dass Familie und Freunde ein Schatz sind. Dass gelebte Nachbarschaftshilfe ein Viertel lebenswert macht, dass Homeoffice und Internet-Teaching  echte Alternativen sind und die Videokonferenz im Job auch. Wie überflüssig einige Zeitfresser schon immer waren und wie gut es tut, wenn die Uhr auch mal langsamer tickt. Dass Gottesdienste und Seelsorge in den neuen Medien bella figura machen – und was das für eine Bereicherung ist! Und dass um 19 Uhr in vielen Fenstern immer noch eine Kerze zum Gebet für alle Menschen brennt.


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