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Nordkirche stellt Hilfe in Aussicht

"Alles durchgestrichen im Kalender" - Viele freie Künstler müssen in Corona-Krise um ihre Existenz fürchten

Von Nicole Kiesewetter

08.04.2020 ǀ Schwerin/Hamburg.  Eigentlich ist es die Zeit im Jahr, in der Oratoriensängerin Franziska Schacht am meisten zu tun hat: Gut gebucht ist sie normalerweise für Kirchenkonzerte in der Osterzeit. "Und nun ist aufgrund der Corona-Pandemie alles durchgestrichen im Kalender", sagt die 36-jährige Kölnerin, die ursprünglich aus Mecklenburg-Vorpommern stammt. "Da hab' ich mich schon gefragt, wovon ich nächsten Monat meine Miete und die Krankenversicherung zahle." Ein Lichtblick für freischaffende Künstler ist jetzt eine Hilfsaktion der Nordkirche, mit der zumindest die Hälfte der Gagen bezahlt werden sollen.

Zum Glück sei sie nicht nur "Saisonarbeiterin", sagt Franziska Schacht mit Blick auf ihre Aufträge, die sie vor allem rund um hohe kirchliche Feiertage von Kirchengemeinden bekommt. Sie arbeitet auch als Honorarkraft an Musikschulen und hat private Schüler im Alter von 13 bis 70 Jahren. "Ich habe mich neu sortiert und innerhalb von drei Wochen 90 Prozent der Schüler auf Online-Unterricht umgestellt."

Gesangs- und Klavierunterricht am Bildschirm ist allerdings anders als die eingeübte Eins-zu-eins-Situation. "Man braucht ja zu Hause auch eine entsprechende technische Ausstattung." Die hatte sie jedoch ebenso wenig wie finanzielle Rücklagen für die Anschaffung. Dafür sind die bisherigen Soforthilfemaßnahmen des Bundes und der Länder jedoch nicht ausgelegt.

Internetportal informiert über Soforthilfen

Regisseur Ron Zimmering aus Hamburg kann die Situation etwas gelassener sehen. Er bekommt einen Teil seiner Gage für ein Regie-Projekt bereits im Voraus - auch wenn nun geplante Premieren wie "Das weiße Dorf" in Heidelberg zunächst verschoben sind. Dennoch seien Premieren und Theatertreffen wichtige Termine "zum Netzwerken". Dass diese Form der Kontaktbörse wegfalle, sei für die gesamte Kunstszene nicht zu unterschätzen. Zimmering: "Nur wenn Du mit Deiner Arbeit präsent bist, wirst Du fürs nächste Jahr gebucht."

Dass viele freischaffende Künstler derzeit um ihre Existenz bangen, weiß auch Luise Klafs, Studienleiterin für Kunst und Kirche in der evangelischen Nordkirche. "Es gibt einen großen Bedarf an Infos - die haben wir jetzt gebündelt zusammengestellt." Binnen kurzer Zeit ist das Internetportal www.kulturhimmel.de/kultur-corona entstanden, auf dem Künstler Links und Infos zu Soforthilfen zum Thema Kultur&Corona finden können.

Zudem hat Klafs auf kulturhimmel.de auch eine digitale Kulturbörse gestartet, um Kulturschaffende in der Corona-Krise zu unterstützen. Dort können sie ihre Expertise anbieten, indem sie ihren Namen, ein Foto und ihr digitales Angebot einstellen. Interessierte könnten dann dort eine Online-Kunstsession buchen. Bewusst gehe es dabei nicht um einen Nothilfefonds, sondern um ein Angebot an Künstlerinnen und Künstler, der Krise mit Hilfe der Kunst etwas entgegenzusetzen.

Nordkirche unterstützt freischaffende Künstler

Weitere Unterstützung für freischaffende Künstler kommt von der Nordkirche. Sie kündigte am Mittwoch eine Initiative an, Ausfallhonorare zu 50 Prozent zu erstatten. Die Kosten würden sich Gemeinden, Kirchenkreise und die Landeskirche teilen. Derzeit wird eine Liste von Kirchenkonzerten erstellt, die unterstützt werden können. Erfasst werden sollen alle bis zum 1. Mai geplanten und abgesagten Veranstaltungen, für die Gesamtkosten von mehr als 1.000 Euro eingeplant waren.

"Ohne freischaffende Musikerinnen und Musiker ist die kirchenmusikalische Arbeit in der Nordkirche in Gottesdiensten und Konzerten nicht denkbar", sagte Landeskirchenmusikdirektor Hans-Jürgen Wulf (Hamburg), einer der Initiatoren. Die Hilfsaktion sei ein Zeichen der Solidarität und der Wertschätzung ihrer Kunst.

Zuvor hatte bereits der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Johann Hinrich Claussen, mehr Unterstützung für die Kirchenmusik in der Corona-Krise angemahnt. Das Geld für Auftritte der Künstler sei in den Haushalten der Kirchengemeinden meist schon eingeplant, sagte der ehemalige Hamburger Hauptpastor. Notwendig seien daher "Kulanzregeln", um die Musiker zu bezahlen. 
Quelle: epd

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