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Medienprofessor Michael Meyen kritisiert die deutschlandweite Berichterstattung zu Corona

"Unfassbar einseitig"

Professor Michael Meyen, gebürtiger Rüganer und ausgebildeter Journalist, arbeitet seit 2002 als Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität München und forscht viel zum Einfluss der Medien.
11.10.2020 ǀ München/Greifswald.  Laxer Umgang mit Zahlen, Unterdrückung kritischer Ansichten: Laut Professor Michael Meyen von der Universität München zeichnen die Leitmedien seit Monaten ein einseitiges, überzeichnetes Bild von Corona. Wissenschaftler müssten endlich frei und öffentlich in den Medien diskutieren dürfen, fordert er im Interview mit Sybille Marx.

Herr Professor Meyen, in den vergangenen Wochen war in vielen Medien von einer drohenden „zweiten Corona-Welle“ die Rede. Was denken Sie, wenn Sie das lesen?

Michael Meyen: Ich versuche das gar nicht mehr zu lesen. Ich höre jeden Morgen fünf Minuten B5 aktuell. Und wenn ich dann merke, dass die Art der Berichterstattung noch dieselbe ist, lasse ich es bleiben. Die Berichterstattung ist einseitig, regierungstreu und angstschürend. Die Medien treiben seit Monaten alle Entscheidungsträger vor sich her. Inzwischen muss jeder, der für andere Menschen Verantwortung trägt, Angst haben, in der Berichterstattung an den Pranger gestellt zu werden. Dafür, dass er vielleicht eine Reise oder Familienfeier erlaubt hat und nachher sogenannte Infizierte entdeckt wurden

Viele würden jetzt entgegnen: Aber bei Corona müssen wir alle sehr vorsichtig sein.

Sicher, ja. Um das wirklich beurteilen zu können, müssten die Leitmedien aber die vielen wissenschaftlichen Studien und Statistiken diskutieren, die zeigen, dass dieses Virus viel harmloser ist, als man noch im März dachte, oder dass die Sterberate etwa so ist wie bei der Grippe. Die „Infektionszahlen“, mit denen wir täglich bombardiert werden, haben kaum Aussagekraft. Denn bekannt ist: Heute gibt es viel mehr Tests als noch im März. Der PCR-Test, auf dem alle Entscheidungen beruhen, hat eine Falsch-Positivrate. Und eine „Infektion“ ist keine Krankheit. Die meisten Journalisten übernehmen diese Gleichsetzung aber, gehen sehr lax und unkritisch mit den Infektionszahlen um – ohne mit zu erzählen, wie wenige positiv Getestete in Deutschland in den letzten Monaten schwer erkrankten oder starben.

Und was es nach all den Monaten immer noch nicht gibt, ist eine repräsentative Stichprobe. Jeder Sozialwissenschaftler weiß, dass man einen Querschnitt der Bevölkerung befragen muss, wenn man wissen will, wie viel Prozent der Deutschen dies oder das denken. Bei Corona werden Menschen nach einer Reise getestet, nach einer Feier oder wegen Krankheitssymptomen. Die Kriterien ändern sich ständig. Trotzdem wird gesagt: Wenn sich soundsoviele pro Woche „infiziert“ haben, dann … Jeder Sozialwissenschaftler fasst sich da an den Kopf.

Wenn die Gefahr überschätzt wird – warum bleiben die meisten Medien dann bei ihrer Panik-Sicht?

Medien sind abhängig von kommerziellem Erfolg und von der politischen Zustimmung: Angst verkauft sich besser als Entwarnung, und Politiker bestimmen mit, wer bei den öffentlich-rechtlichen Medien in den Aufsichtsgremien sitzt. Uwe Krüger, ein Kollege aus Leipzig, spricht von einer „Verantwortungsverschwörung“: Journalisten glauben, sie wüssten, was gut und richtig ist. Bei Corona eben: Abstand, Masken, Hygiene. Und sie fühlen sich dafür verantwortlich, dieses „gute“ Verhalten zu fördern. Darum unterdrücken sie seit Monaten alle Fakten und Meinungen, die das „Schlechte“ fördern könnten. Sie übersehen dabei aber, dass sie nur eine mögliche Sicht auf das Thema haben. Aus der Indexing-Forschung und von Themen wie Russland kennen wir auch den Effekt: Meinungsvielfalt gibt es in den Medien immer nur dann, wenn es sie auch im politischen Raum gibt, und zwar unter den als legitim geltenden Kräften. Bei Corona streut nur die AfD mal Kritik, und die gilt als nicht legitim, also nicht zitierbar.

Finden Sie das richtig, dass Journalisten entscheiden, wer als legitim gilt und zitiert wird und wer nicht?

Nein. Journalisten haben die Aufgabe, Öffentlichkeit herzustellen. Sie sollten alle Perspektiven liefern, damit wir uns als Bürger selbst ein Bild machen können. Ich fühle mich bevormundet. Außerdem schafft dieses Unterdrücken von Perspektiven Unfrieden.

Wie schätzen Sie die Berichterstattung über die beiden großen Querdenker-Demos gegen die Corona-Maßnahmen im August in Berlin ein?

Als unfassbar einseitig. Die Leitmedien haben die Demoteilnehmer vorverurteilt und ihre Argumente weggelassen. Es wurde suggeriert: Wer da mitgeht, ist ein Rechtsextremer oder Spinner, seine Ansichten sind tabu. Dabei muss man viel Zeit aufwenden, um an so einer Demo teilzunehmen, und man riskiert, mit Rechten in eine Ecke gestellt zu werden. Da braucht man schon gute Gründe.

Wie nehmen Sie die Rolle der Kirche in der Corona-Debatte wahr?

Ich vermisse ihre Stimme. Auf diesen Demos zum Beispiel waren auch Christen unterwegs. Warum lässt die Kirche es zu, dass ihre Mitglieder öffentlich verunglimpft werden?

Und was müsste passieren, damit Sie gern wieder Medien konsumieren würden?

Es muss endlich eine breite Debatte geben. Nach Monaten mit Corona erwarte ich, dass auch Kritiker wie der Infektionsepidemiologe Sucharit Bhakdi und der Mediziner Wolfgang Wodarg mit Leuten wie Drosten öffentlich diskutieren. Dann sehen alle, dass es unter den Wissenschaftlern zu Corona einen krassen Dissenz gibt. Und dieses Bombardieren mit Infektionszahlen muss aufhören.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 41/2020

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