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Pastor Neumann will als Polizeiseelsorger Wertschätzung überbringen

Im Dienst für das Wort

Von Sybille Marx

Pastor Hanns-Peter Neumann (r.) im Gespräch mit Polizeihauptkommissarin Anita Repukat und Polizeioberkommissar Thomas Möhring vom Polizeihauptrevier Stralsund. Das Revier liegt dicht an der Kulturkirche St. Jakobi.
25.12.2020 ǀ Stralsund.  Den Polizisten signalisieren: Wir als Kirche nehmen euch wahr. Das will Polizeiseelsorger Hanns-Peter Neumann mit seiner weihnachtlichen Besuchstour durch MV erreichen. Viele in diesem Beruf vermissten Wertschätzung, sagt er.

Pastor Hanns-Peter Neumann ächzt, als er sich aus dem Sessel in seinem Büro erhebt. Beim Spielen mit seiner Enkelin hat er sich den Rücken gezerrt, erzählt er. „Jetzt tut alles weh!“ Er verzieht das Gesicht, dann lacht er und lenkt auf andere Themen um. Mal kurz über seine körperlichen Schmerzen zu klagen, musste jetzt sein. Sehr viel mehr Zeit verbringt Neumann im Berufsalltag allerdings damit, sich die Schmerzen anderer anzuhören: seelische Schmerzen.

Seit sechs Jahren ist Hanns-Peter Neumann Polizeiseelsorger für die rund 6000 Polizeibeamten im Bundesland – mit halber Stelle, während er mit zweiter halber für die Notfallseelsorge arbeitet. Am ersten Weihnachtstag will er wieder durch das Bundesland touren, ausgewählte Leitstellen und Reviere besuchen, diesmal in Rostock, Güstrow, Neubrandenburg und Friedland. Die Bank im Bistum Essen hat Geld gespendet, so kann er den diensthabenden Kollegen kleine Geschenke überreichen: Wandkalender, Kaffeetassen, Schlüsselanhänger. „Das ist schön“, sagt er. Aber noch viel wichtiger sei der symbolische Wert des Besuchs: „Dass ich zeige: Wir nehmen Euch wahr.“

„Vor ihren Augen in die Tiefe gestürzt“

Zwei, drei Seelsorgegespräche mit Polizisten führt Hanns-Peter Neumann pro Woche, zusätzlich drei bis vier Nachsorgegespräche nach belastenden Einsätzen der Diensthabenden. Dass den Beamten Wertschätzung wichtig ist, weiß er nur zu gut. „Viele haben das Gefühl, dass in der Bevölkerung der Respekt ihnen gegenüber gesunken sei“, erzählt er. Häufiger als früher, so komme es vielen vor, würden Polizisten beschimpft oder angegriffen. Aber auch aus anderen Gründen sei die Arbeit für manche belastend – was sich auch an den Suizidzahlen zeige.

„Das hat mich wirklich erschreckt, als ich hier angefangen habe“, erzählt Hanns-Peter Neumann: „In den Bundesländern, in denen die Zahl erhoben wird, weiß man, dass es unter Polizisten zwei- bis dreimal so viele Suizide gibt wie in der Gesamtbevölkerung“ – was vor allem drei Gründe habe. Erstens die hohe psychische Belastung durch bedrängende Bilder, Gerüche oder anderes. Zweitens: die hohe Anzahl von Männern im Beruf. Denn Männer täten sich schwerer damit, sich anderen anzuvertrauen, und ihre Suizidversuche endeten meist tödlich. Drittens: Polizisten hätten schlicht die Mittel und das Wissen, sich das Leben zu nehmen.

Seit Hanns-Peter Neumann diese Problematik bewusst ist, hat er die Suizidprävention zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit gemacht. Im Ethik-Unterricht, den er unter angehenden Polizisten an der FH Güstrow hält, oder in Fortbildungen für Diensthabende, bereitet er Polizisten auch auf das vor, was nach besonders belastenden Einsätzen psychisch bei ihnen passieren könnte, erklärt ihnen, welcher Umgang damit möglich wäre und wo sie sich Hilfe holen könnten. „Das Schwierigste ist, die Einsicht zu schaffen, dass man Hilfe annehmen darf“, sagt er. Das widerspreche dem Bild, das viele Polizisten von sich selbst hätten und das immer noch von einigen Vorgesetzten genährt werde.

Einmal wurde eine junge Polizistin von der Leitstelle zu einem Mann gerufen, der sich vom zehnten Stock eines Hauses stürzen wollte, erzählt Neumann. „Der Mann stand schon auf der anderen Seite des Balkongeländers.“ Die Polizistin sei die Trepen hochgerannt, habe versucht, ihn zum Umkehren zu bewegen. „Aber er hat losgelassen und ist vor ihren Augen in die Tiefe gestürzt.“

Die Beamtin, erst Anfang 20, sei danach allein nach Hause gefahren, und das ganze Wochenende über habe sich niemand bei ihr gemeldet, sagt Neumann. Erst am Montag schalteten Kollegen Hanns-Peter Neumann ein, der nicht nur eine Seelsorgeausbildung hat, sondern auch Ausbilder für „Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen“ (SbE) ist – einer Methode, mit der man nach traumatischen Erlebnissen erste Schritte in Richtung gelingender Aufarbeitung anleiten kann. „Als ich kam, bin ich noch dem Chef begegnet, der gesagt hat, mein Besuch sei doch nicht nötig, sowas mache ein Polizist mit sich selber aus“, erzählt er. Tatsächlich habe die junge Polizistin es am Wochenende geschafft, sich auf die Gartenarbeit zu konzentrieren. „Aber als sie am Montag im Auto saß und sich der Dienststelle näherte, kriegte sie Panik.“ Neumann ist wichtig, dass unter den Beamten das Bewusstsein wächst: Es dient der Berufsfähigkeit, der Gesundheit und am Ende dem Leben, wenn man Kollegen nach belastenden Ereignissen professionell begleitet.

Rassismusdebatte als verletztend erlebt

Im Jahr 2020, sagt Neumann, habe das Coronavirus natürlich ein paar neue Belastungen mitgebracht: das Ansteckungsrisiko durch unvermeidliche körperliche Nähe etwa. Aggressive Dispute mit Maskenverweigerern. Die Notwendigkeit, die ständig wechselnden Corona-Verordnungen im Blick zu behalten und sie Kritikern gegenüber zu verteidigen, auch gegen etwaige innere Vorbehalte.

Viel schlimmer als das sei für die meisten Polizisten allerdings die Rassismus-Debatte gewesen, die von den USA herüber schwappte. „Viele hatten das Gefühl, man unterstelle ihnen, dass es hier den gleichen Rassismus gebe wie unter den US-Polizisten.“ Das habe Verletzungen und heftigen Widerstand ausgelöst. Neumann findet es wichtig, den Rassismus-Vorwurf weder eins zu eins anzunehmen, noch rundhals abzuweisen. „Die Polizei in den USA und die deutsche sind wirklich nicht vergleichbar, schon im Bildungsgrad nicht“, sagt er. In manchen USA-Staaten sei ein Polizist schon nach drei Monaten Ausbildung im Dienst, in Deutschland nach drei Jahren FH-Studium oder zwei Jahren Ausbildung, je nach Dienstgrad. „Das heißt umgekehrt aber nicht, dass es hier gar keinen Rassismus gebe.“ Allein schon die Tatsache, dass viele Polizisten privat mit Zugewanderten nichts zu tun hätten und auf der Arbeit nur denen begegneten, die straffällig geworden seien, könne rassistische Vorurteile begünstigen. „Das muss man ansprechen, um bewusst gegenzusteuern.“ Aus Gesprächen mit Beamten weiß Neumann auch, dass in WhatsApp-Chats von Polizisten durchaus mal rassistische Bemerkungen fallen und keiner protestiert. „Einer hat zu mir gesagt: Was soll ich denn machen? Die Gruppe löschen? Den Kollegen anzeigen?“ Dass er auch das Gespräch mit diesem Kollegen suchen oder direkt im Chat Flagge zeigen könne, sei ihm gar nicht in den Sinn gekommen. Ein Punkt mehr, der Neumann darin bestätigt, dass seine Arbeit wichtig ist. Am Feiertag allerdings wird er den Beamten einfach frohe Weihnachten wünschen. Und dann für jedes Thema offen sein, das von ihnen kommmt.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 51/2020

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