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Die monatliche Kolumne von Flüchtlingspastor Walter Bartels

Februar 2018: Ab Aschermittwoch geht es richtig los

Foto: 7 Wochen ohne
'Zeig dich! – 7 Wochen ohne Kneifen'.

Eine forsche Aufforderung, mit der die diesjährige Fastenaktion der Evangelischen Kirche betitelt ist. Ab Aschermittwoch beginnen viele Menschen mit einer Übung, die gar nicht so einfach ist: Sich zu erkennen geben; das wahre Gesicht zeigen; deutlicher werden für mein Gegenüber. Oft bleiben wir vage, undeutlich im Kontakt mit anderen: aus Scheu, identifizierbar und verbindlich zu sein? Aus Furcht vor Konflikten und den  befürchteten Folgen? Schon die Frage 'Wie geht es dir' tun wir oft mit einer Floskel ab: 'Alles gut', auch wenn's gar nicht stimmt.

Fürchten wir, 'erkannt' zu werden - obwohl wir uns doch oft gerade das sehnlichst wünschen? 

'Zeig dich'. Der Herr Poggenburg hatte am Aschermittwoch kein Problem damit. Als 'Kümmelhändler' und 'Kameltreiber', die in Deutschland 'nichts zu suchen und nichts zu melden hätten' beschimpfte er die seit Jahren hier geborenen und lebenden TürkInnen. 'Diese Kameltreiber sollen sich dahin scheren, wo sie hingehören: weit, weit hinter den Bosporus zu ihren Lehmhütten und Vielweibern' (FR 18.2.2018). Die Geographie wirkt schon ein bißchen verrutscht – egal. Später war's ja gar nicht so gemeint: Sorry, an Aschermittwoch knallen halt mal die Sicherungen durch... 

Manchmal gibt man sich gerade dann zu erkennen, wenn man fuchtelnd auf andere weist.
In einer Gesprächsrunde über Flucht und Migration, ein Tag nach Aschermittwoch, kam im Flüchtlingsrat das Gespräch auf zunehmend rabiate Äußerungen und Anwürfe in aller Öffentlichkeit. Was tun? Sich zeigen, statt die unsäglichen Sprüche einfach stehen zu lassen? Was ist, wenn ich befürchten muß, eine 'übergezogen' zu kriegen? Wir konnten dann allerdings feststellen, daß nur die wenigsten so etwas schon mal wirklich erlebt haben. 

Sich zeigen und nicht kneifen, wie die Fastenaktion anregen will, kann riskant sein. Man macht sich nicht nur Freunde, wenn man sich anderen zumutet mit einem eigenen oder eigenwilligen Blick auf Welt und Menschen; auch mit einem beherzten Widerspruch gegen böse Ausfälle. Aber wo steht geschrieben, daß alle mich lieb haben sollen? Gut wäre, mehr Mut und Geistesgegenwart einzuüben. Das kann auch erst mal zuhause beginnen, damit die Mitwohnenden besser erkennen, was ich eigentlich sagen möchte; was mich stört; was ich mir wünsche. Auf Dauer werden alle dabei an Klarheit gewinnen.
 
Die biblischen Lesungen der Fastenzeit erzählen viel davon, wie Er sich zeigt; von Seinem Mut; von Seiner Unbeirrbarkeit. Er weiß, daß Ihn das was kosten wird, aber Er kneift nicht.
Ich bin nicht Er. Aber gerne möchte ich mutiger werden.
Was passiert, wenn ich mich mehr traue, mehr zeige von dem, was wichtig ist?

Walter Bartels