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Die monatliche Kolumne von Flüchtlingspastor Walter Bartels

März 2017: SI-WO-O-SO

"Im 'Sofort'-Modus" mit Handy und Notitzblock. So geht es vielen Menschen. Die Fastenaktion 'Sieben Wochen ohne sofort' lädt zur Entschleunigung und zur Besinnung auf die wichtigen Dinge des Lebens ein. (Symbolbild © kirche-mv.de)
'Da mach ich jetzt mit', erzählt mir vielsagend eine Kollegin am Telefon. Was soll das sein? Wieder so eine Abkürzung, bei der ich nachfragen muß.

Schon komisch, das Kürzel der Fastenaktion 'Sieben Wochen ohne sofort'. Aber es bringt auf den Punkt, was auch mich immer wieder richtig bedrängt…

Wochenlang wartet G. auf das Urteil des Gerichts. Dann kommt raus: Der Bescheid liegt längst bei seinem Rechtsanwalt; der hat ihn nur nicht weitergeleitet. Schlamperei, weil wertvolle Zeit verstrichen ist. Der Antrag wurde negativ entschieden. Abschiebung.  G. guckt mich verzweifelt an. Jetzt muß was passieren: die Folgen des Urteils wären in der Tat schlimm für G. Eine Lösung muß her, sofort. Dann melden sich noch Freunde von ihm, unterstreichen die Dringlichkeit: ich hätte doch 'connections'. Alles nachvollziehbar, aber habe ich die? Ich werde hektisch, telefoniere; am nächsten Tag weiter; nutze bekannte Drähte. Ich bin im 'Sofort'-Modus. Aber es gibt kein 'sofort'. Habe ich alles versucht? Irgendwie fühle ich mich schuldig. Was soll ich G. sagen?

Wenn der Druck groß ist, schnappt die Falle zu. Es geht nicht um Hektik; die gibt es eben manchmal. Schlimm ist das Gefühl der Hilflosigkeit, das Fehlen einer Lösung, sofort. Als ob alles von mir abhinge; als ob ich nur richtig und schnell funktionieren müßte, und schon wird alles gut! Als ob ich die Fäden in der Hand hätte und nur an den richtigen ziehen muß!

Sieben Wochen lang vor Ostern, in der Fasten- und Passionszeit, hören wir in biblischen Erzählungen von Menschen, die ihre Hilflosigkeit, ihre Selbstüberschätzung, ihre Schwäche, ihre Angst erfahren müssen und gespiegelt bekommen. Daß das schwer zu ertragen ist, erlebt auch die engere Jesus-Gruppe (Lk 22,35-38). Es gibt keine Lösung 'sofort'. Dabeibleiben, mit aushalten, sich nicht davonmachen – das wäre schon viel. Leichter gesagt als getan, wie sich zeigen wird...
       
Vielleicht gibt es für G. einen Weg; es sieht so aus. Nicht deshalb, weil ich die 'connections' habe. Menschen haben reagiert, die ich überhaupt nicht auf dem 'Schirm' hatte. Manches muß noch besprochen, geklärt werden. Ich kann mich mal zurücknehmen – nicht zurückziehen. Aber es gibt noch mehr als meine Handynummern, meine 'Sofort'-Hektik, meine Lösungsidee, meine Wege. Gott sei Dank!  

Pastor Walter Bartels