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Bad Doberan, Cismar oder Rossow

Wo steht der älteste Flügelaltar der Welt?

Von Nadine Heggen

Laut der Kirchengemeinde Bad Doberan und Wikipedia steht der älteste Flügelaltar (um 1300) der Kunstgeschichte im Münster bei Rostock.
06.04.2020 ǀ Cismar/Bad Doberan/Rossow.  Auf jedem Flügel eine Geschichte: Im Mittelalter erlebten Klappaltäre mit gemalten oder geschnitzten Bibelmotiven im deutschsprachigen Raum einen Boom. Heute gibt es nur noch wenige Flügelaltäre aus der Zeit. Experten streiten darüber, wo der weltweit älteste steht: In der Klosterkirche Cismar (Kreis Ostholstein), im Münster in Bad Doberan (bei Rostock) oder in der Dorfkirche Rossow (Landkreis Vorpommern-Greifswald).

Den Anstoß für die Debatte kam durch einen epd-Bericht Anfang 2019 über den Flügelaltar in Cismar. Der damalige Leiter des Klosters Cismar, Christian Walda, hatte ihn auf die Zeit zwischen 1310 und 1315 datiert und erklärt: "Einen älteren Flügelaltar gibt es definitiv nicht." Diese Aussage führte in Bad Doberan zu lautstarkem Protest. Das Doberaner Münster wirbt damit, den weltweit ältesten, erhaltenen Flügelaltar zu besitzen. Üppig mit Gold verziert zeigt er Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament.

"Als Münsterführer habe ich Tausenden Besuchern des Doberaner Münsters den ältesten Flügelaltar der Kunstgeschichte vorgestellt und werde das auch weiterhin so halten", meldete sich Gerhard Schmager zu Wort. Er stützt sich auf das "Mecklenburgische Klosterbuch", das als Gründungsjahr für den "Schrein des Hochaltars in Doberan" um 1300 angibt. Ganz eindeutig ist die Quellenlage hier jedoch nicht: In dem Buch "Das Kloster Doberan" wird der Altar auf etwa 1310 datiert.

Die Bestimmung eines genauen Datums ist für Kunsthistoriker schwierig. Den Havelberger Altar in Rossow etwa nahmen Experten in den 1990er Jahren mit einer aufwendigen Holzuntersuchung ganz genau unter die Lupe: Der Flügelaltar wurde 1330 im Havelberger Dom geweiht und vermutlich zum Schutz vor der Reformation in die kleine Dorfkirche von Rossow gebracht. "Viele Besucher kommen nur seinetwegen", sagt Küsterin Nicole Rösler. Seine Entstehung wurde schließlich auf 1310/20 datiert. Da das Holz selten in dem Jahr verarbeitet wurde, in dem es geschlagen wurde, und Handwerker auch mehrere Jahre an einem Altar schnitzten, ist eine exakte Bestimmung nicht möglich.

"Wir können nicht darauf beharren"

Eine derartige Holzuntersuchung gibt es in Cismar bislang nicht. "Die Untersuchung ist zwar die bislang sicherste Form der Altersbestimmung, aber auch sehr aufwendig", sagt Carsten Fleischhauer von der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen. In Cismar lässt sich das hohe Alter daher in erster Linie an der frühgotischen Stilgeschichte ablesen. Der sechs Meter breite dreiflügelige Hochaltar stammt vermutlich aus einer Lübecker Werkstatt. Die kräftigen Malereien auf der Vorderseite entsprechen noch der Originalfassung. "Wir können nicht darauf beharren, dass in Cismar der älteste, erhaltene Flügelaltar der Welt steht", sagt Fleischhauer versöhnlich. "Vielleicht steht er auch in Bad Doberan oder in Rossow." Einen Beweis gäbe es dafür nun mal nicht.

Der Kunsthistoriker Georg Habenicht bestätigt, dass die drei Flügelaltäre im Norden zu den frühesten erhaltenen Beispielen zählen. Er selbst hält den Flügelaltar in Bad Doberan für den ältesten. Dass es in Norddeutschland die drei ältesten Exemplare überhaupt gibt, sei eigentlich eine Sensation. "Nur fünf Prozent der einstigen Flügelaltäre sind noch erhalten", so Habenicht. Über den Ursprung des Flügelaltars sage das aber überhaupt nichts aus. "Die ältesten Beispiele helfen uns da nicht weiter. Das wäre so, als würden Sie in 1.000 Jahren das älteste Auto in Südkorea finden."

Die meisten Flügelaltäre gab es vermutlich im damaligen niederländischen und deutschen Kulturraum. Regelrecht geflutet wurden die Kirchen mit dem neuen Trend. "Im Ulmer Münster standen 50 Flügelaltäre", so Habenicht. So viele eben, bis die Kirche voll war. Sie hatten die Aufgabe, die Bibelgeschichte eindrücklich mit bewegenden Bildern zu erzählen. Mit der Reformation war ihre Zeit vorbei. Habenicht: "Mit Luther und der Rechtfertigungslehre brach der Stiftermarkt für Altäre ein."

Zum festen Ritual im Kloster Cismar zählt, dass die Flügel des Altars am Karfreitag zugeklappt werden, so dass nur die weniger attraktive Rückseite zu sehen ist. In der Osternacht werden sie wieder aufgeklappt. Doch wegen der Corona-Krise fällt diese Tradition in diesem Jahr aus.
Quelle: epd

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