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Arbeit mit Frauen in den Kirchenkreisen Mecklenburg und Pommern

Andacht


Sommer 2020

Die Muschel und der Fisch

Tief unten, am Grunde eines Sees, lebte einmal eine Muschel. Ihre Schalen waren dunkel wie der Grund des Sees. Man musste sehr genau hinsehen, um die Muschel nicht zu übersehen.
Die Muschel machte nichts aus sich. Sie war zufrieden, dazuliegen und zu staunen. Es gab viel zu bestaunen: dunkelgrüne Wasserpflanzen, eine große Zahl von Steinen, große, kleine, runde und kantige und verschiedenartige Fische.
Am besten gefielt der Muschel, wenn Vollmond war. Dann stand der Mond als runde Scheibe über dem Wasser, und das milde Mondlicht leuchtete hinab auf den Grund des Sees bis zu unserer Muschel. Die lag ganz still da und schaute und nahm das Licht in sich hinein, in ihr Inneres, in ihr Herz.
Eines Nachts, als der Himmel voller Sterne hing und der Mond rund und voll leuchtete kam ein Fisch zur Muschel geschwommen. Die Muschel lag da ganz ruhig und tat, was sie so gerne tat, lauschen und schauen. „Was machst du da?“ fragte der Fisch die Muschel. „Ich bin still“, antwortete die Muschel. „Wenn man still ist, beginnen die Dinge zu reden. Alles hat seine Sprache. Hörst du das Wasser, die Pflanzen, die Steine? Wenn man in Ruhe ist, fängst alles an zu leuchten an. Siehst du den Himmel, die Sterne, den gelben Mond?“ Der Fisch verstand davon nichts. „Die Dinge können nicht reden“, meinte er. „Was du siehst, ist nichts Besonderes. Still und ruhig und langweilig. Überhaupt bist du ein langweiliges Muscheltier. Bewegen muss man sich können, bewegen, so wie ich es kann.“ Verächtlich dreht er sich um und schwamm davon.
In dieser Nacht fuhr ein Fischer mit seinem Boot über den See. Er warf seine Netze aus. Dann wartete er in seinem Boot auf den Morgen. Als die Sonne aufging, waren die Netze voll und schwer. Der Fischer zog sie ins Boot. Vieles kam da ans Licht: Wasserpflanzen, Muscheln, Fische, Brauchbares und Unbrauchbares. Unter dem Fang waren auch unsere Muschel und der Fisch.
Der Fischer begann, sein Netz zu leeren. Fisch kam zu Fisch. Bald war das halbe Boot voller Fische. Dann holte der Fischer aus dem Netz, was sich sonst noch darin befand. Als er die dunkel-braune Muschel ergriff, öffnete er sie behutsam. Da staunte er. Noch nie hatte er so etwas Wunderbares gesehen. Die Innenseiten der Schalen glänzten wie Silber und es fand sich in der Muschel eine Perle, kostbar und schön.
Alles, was die Muschel tief unten auf dem Grund des Sees in Stille und Ruhe gelauscht, geschaut, was sie in ihr Herz aufgenommen hatte, war zu einem Schatz geworden. (nach Klaus Gräske)

Was für eine schlichte und gleichzeitig wahre Geschichte!
Fragen tun sich auf: Was muss in mir zur Ruhe kommen? Was will in mir reifen und wachsen? Welche Schätze trage ich in mir? Welche glänzenden und kostbaren Seiten habe ich? Was ist meine Perle?
Diese Geschichte habe ich in einem Kreis für geistig- und körperlich eingeschränkten Kindern erzählt, anschaulich mit einem Bodenbild aus Sand, Steinen und Muscheln. – Und als ich an der entsprechenden Stelle der Geschichte eine große Muschel umdrehte und eine Perle sichtbar wurde, staunten die Kinder mit „aaaah“ und „ooooh..“!
Und genau in diesem Augenblick schaute mich ein Junge an und rief: „Aber du hast ja auch eine!“
Ich hatte völlig vergessen, dass ich an diesem Tag meine Perlenohrringe trug. Und da baumelte ja tatsächlich so eine Perle an meinem Ohr, genauso eine, wie ich sie in die Muschel geklebt hatte!
Du hast ja auch so eine! Du hast ja auch so einen Schatz, wie ihn die Muschel in aller Ruhe und Beschaulichkeit und Staunen gebildet hat!
Mich hat dieser Satz des Jungen sehr getroffen und ich habe tagelang darüber nachgedacht. Ich und einen Schatz?
Dieser Junge hatte es mit seiner einfachen Feststellung geschafft, mich ins Nachdenken zu bringen, darüber, wer ich eigentlich bin, was ich kann, welche Begabungen ich habe und welche nicht, und was ich davon einbringen kann und was nicht. Und was letztendlich meine kostbare Perle ist.
Diese Fragen sind ja nicht neu, aber sie stellen sich immer wieder im Laufe des Lebens und verlieren nicht an Wichtigkeit. Was ist Ihre, was ist Deine kostbare Perle?

Um uns selbst zu erkennen, brauchen wir den anderen. Wir brauchen Menschen, groß oder klein, die uns unsere Begabungen und Möglichkeiten zusagen, die uns helfen, unsere Schätze zu entdecken. Wir brauchen Menschen, die uns unsere Begabungen glauben!
Und wir brauchen Gott, der sein „Ja und Amen“ über unser Menschenleben ausgesprochen hat, der sein Gütesiegel auf uns gelegt hat: „… und siehe, es war sehr gut.“
Im Unterricht habe ich mit den Kindern dann überlegt, was denn vergleichbar mit der Perle, in einem Menschen entstehen kann, durch Stille und Ruhe und Beschaulichkeit. Nach einigem Überlegen kam dann: Liebe, Freude, Frieden...
Ich war sprachlos! Da nannten mir die Kinder doch die Gaben des Heiligen Geistes aus dem Galaterbrief von Paulus! Dort steht: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Freundlichkeit, Güte und Treue.“ (Gal 5,22)
Und das möchte ich uns heute ins Gedächtnis rufen: Bleiben wir unseren Begabungen und Möglichkeiten auf der Spur, es lohnt sich!

Ihre Pastorin Ulrike Weber, Anklam




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