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Nr. 43 | 26. Oktober 2014

19. Sonntag nach Trinitatis

Zornige Geduld

Von Christiane Eller, Rostock
Siehe, ich will einen
Bund schließen: Vor
deinem ganzen Volk
will ich Wunder tun.
2. Mosebuch 34, 10

Das ist kein Text zum Predigen, sondern zum Erzählen. Die ganze Geschichte drum herum gehört dazu. Sie malt ein eindrucksvolles Bild von der lebendigen Beziehung zwischen GOTT und Mose. Ebenso ist die Beziehung zwischen dem Volk Israel und GOTT voller „Zwischenmenschlichkeiten“. Es geht um tot-ernste Dinge, aber sie werden auch mit Humor und Augenzwinkern erzählt.

Nachdem Mose zum ersten Mal die steinernen Tafeln mit allen Weisungen (nicht nur den zehn bekannten) von GOTT bekommen hat, steigt er damit vom Berg, um sie dem Volk zu bringen und die Israeliten auf die Weisungen festzulegen. Das Volk stellt in just dieser Zeit das Goldene Kalb her und tanzt darum; das scheint sicherer, als sich auf diesen merkwürdig unsichtbaren Gott einzulassen. Als Mose dies sieht, zerschlägt er die Tafeln voller Zorn.

Nun das Ganze also zum zweiten Mal. Wieder und doch anders begegnet Mose GOTT. Da ist viel von Zorn die Rede. Aber wer spricht diese Worte, die in meiner Lutherbibel tiefschwarz gedruckt sind? HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue… In der jüdischen Auslegungstradition sind diese Sätze die wichtigste Selbstvorstellung GOTTes, in der GOTT seine Eigenschaften benennt.

GOTT beginnt damit, dass sie sich mit ihrem Namen vorstellt. Wo Luther „HERR, HERR“ übersetzt hat, steht in der hebräischen Bibel zwei Mal JHWH. Das sind die Konsonanten des Gottesnamens, mit dem sich GOTT Mose am Dornbusch offenbart. Auch dieser Name ist eine wichtige Aussage GOTTes über sich selbst: Ich bin mit euch, wo auch immer ihr seid. Ich bin mitgehender GOTT.

Mose ist zornig, GOTT ist zornig. Sie sind sich einig darin, dass sie es beide mit einem halsstarrigen Volk zu tun haben. Und trotzdem: Die ersten Eigenschaften Gottes – die neben seinem Namen genannt werden – sind Barmherzigkeit, Gnade und Geduld. GOTT kann nicht anders, als den Bund mit seinem Volk zu schließen.