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Nr. 46 | 16. November 2014

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres

Heimat

Von Klaus Kuske, Schwerin
Wenn unser irdisches Zelt
abgebrochen wird,
dann haben wir eine
Wohnung bei Gott.
2. Korintherbrief 5, 1

Vor zehn Jahren musste ich Anna L. begraben. 1902 geboren, starb sie im gesegneten Altern von 102 Jahren. Anfang der 20er war sie in ihr Dorf gekommen. Niemand lebte mehr, der vor ihrem Zuzug im Dorf geboren worden war. Über Anna L. sagte man: „Sie ist nicht von hier.“

Ab wann darf man das von sich sagen: „Ich bin von hier“? In Mecklenburg geboren, Vater und Mutter Flüchtlingskinder – ist man von hier? Stammbaum bis zur Reformation – ist man von hier? Unter Heinrich dem Löwen ins eroberte Wendenland gezogen – ist man von hier?

Heimat hat immer etwas Vorläufiges, Vorübergehendes. Das wissen nicht nur Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan oder Ostpreußen. Menschen zogen schon immer in neue „Heimaten“: Hugenotten, Salzburger, Schwaben oder Westfalen. Alt-Mecklenburger scharenweise nach Amerika. Wir sind eben Mobilien, keine Immobilien. Und auch wer am Ort bleibt, lebt in Veränderungen.

Paulus lebte wie wir in einer globalisierten Welt. Als Jude kannte Paulus von klein auf den „mobilen Tempel“ Thora: an jedem Ort lesbar, überall zum Gebet bereit. Allein, das gab ihm keine Heimat. Er litt unter Fremdheit in diesem Leben und in seinem Leib. Ob man das psychologisch deuten soll und dem Apostel Todessehnsucht und Suizidgefährdung nachsagen kann? Vielleicht, aber das ist nicht das Entscheidende. Entscheidend ist seine Erkenntnis, dass irdische Existenz immer vorläufig ist. Es gibt hier keine Heimat, die bleibt. An keinem Ort und in keinem Leib.

Wahre Heimat finden wir allein in Gott. Bei ihm „im Himmel“, der bekanntlich überall sein kann, steht unser ewiges Haus. Mag uns die Heimat genommen werden, mag unser Leib durch Krieg und Krankheit bedroht sein, dieses ewige Haus kann niemand abreißen. Paulus hat seine Heimat gefunden, die auch die unsere sein kann: den mobilen Tempel Glauben. Unser Glauben an das himmlische Haus kann uns auf Erden heimatliche Hütten finden lassen. Vorläufig zwar, aber durchaus gut bewohnbar.