Nach oben


Nr. 34 | 23. August 2015

12. SONNTAG NACH TRINITATIS

Christus seufzt

Von Pastor Michael Brems, Hamburg
„Und er sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf!“

aus Markus 7, 31-37


„Sie müssen ja schon viele Wunder erlebt haben!“ Die Augen der Frau, die mich ansprach, leuchteten erwartungsvoll. Ich hatte in ihrer Kirche einen Vortrag über meine Tätigkeit als Krankenhausseelsorger gehalten. Wunder wie die, die sie sich vermutlich vorstellte, konnte ich aber nicht berichten. Ich sah sie lächelnd an, und in meinem Kopf arbeitete es: Die Lahmen fuhren noch immer mit ihren Rollstühlen, die Blinden nutzten ihren weißen Stock, die Taubstummen sprachen gestikulierend miteinander und die Krebskranken kämpften gegen ihren Tumor, oder sie hatten ihn angenommen – oder beides. Das Reich Gottes ließ noch auf sich warten.

Sollte ich ihr das antworten? Sollte ich ergänzen, dass Jesus selbst misstrauisch war gegenüber einem Glauben, der Beweise will, und dass er für die Pharisäer kein Zeichen hatte? Oder sollte ich sagen, dass die Wundererzählungen Geschichten der Sehnsucht sind: So soll es sein! So wird es einmal sein: Der Sprachlose wird reden. Kein Schmerz ist für immer ... Da fi el mir Bernd ein, der nach einem Unfall schwer versehrt war, der aber wie auferstanden war, mit seinem Humor andere ansteckte und voll Mut und Kraft in die Zukunft guckte! Doch eine Wundergeschichte!? – Aber dann dachte ich an Barbara, die so gar kein Licht sehen konnte.

Ich weiß nicht mehr, was ich der Frau geantwortet habe. Jetzt hier lasse ich die Frage nach dem Wunder los, damit die Frage merkt, dass sie eigentlich unbedeutend ist. Ich gehe im Schritttempo durch die biblische Geschichte und bleibe stehen: Christus seufzt! Er ist mit dem Mann allein. Er berührt ihn. Und er lässt sich berühren – von dem anderen und seinem Leben. Und seufzt.

Ich kann keinen Kranken heilen. Aber ich kann zu ihm oder ihr hingehen, meine Augen können hinsehen, ich kann zuhören – dem Schmerz und der Hoffnung, dem Schweigen und der Wut – und ein paar Worte sagen. Ich kann mich berühren lassen, mitseufzen. Und vielleicht – Hefata! – öffnet sich dann ein stummes Herz. Das wäre ein schönes Wunder!