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Nr. 47 | 23. November 2014

Ewigkeitssontag

Verlängerung

Von Tilman Baier, Gadebusch
Der Herr verzögert
nicht die Verheißung,
sondern will nicht, dass
jemand verloren werde.
2. Petrus 3, 9

Gerade war wieder viel von den Hoffnungen, dem Schwung und Elan die Rede, die Menschen vor 25 Jahren beflügelten, ihre Angst zu überwinden und eine friedliche Revolution zu wagen. Doch es gab auch Stimmen, die an die vielen enttäuschten Hoffnungen der 90er Jahre erinnerten, an die Mühen der Ebene und daran, dass diese Revolution noch lange nicht vollendet sei.

Zeiten lassen sich nur schwer vergleichen. Doch die nun enttäuschte Naherwartung eines kommenden Reiches, das die Erfüllung vieler, wenn nicht gar aller Träume bringen sollte, damals im Winter '89, birgt Parallelen. Wenn ich als einer, der Ende der fünfziger Jahre geboren bin, Menschen der Generation vor mir zu der Zeit des Anfangs nach dem Krieg frage, dann höre ich oft dasselbe: Damals hatten sie noch Träume und die Hoffnung, hier bald ein besseres Deutschland zu schaffen. Doch dann hatten sie sich eingerichtet im Unzulänglichen oder waren auf Distanz gegangen, zu Spöttern geworden.

So fern sind uns die Christen der frühen Jahre wohl nicht mit ihren Erwartungen. Sie ertrugen Spott und Verfolgung – denn bald, schon sehr bald werde Christus wiederkommen und sein Friedensreich errichten. Das war ihre Hoffnung, aus der sie lebten. Doch dann starb die erste Generation und dann die zweite – und nicht das göttliche Friedensreich, die neue Welt, kam, sondern die Verfolgungen nahmen an Heftigkeit zu. Einige legten sich eine neue Theologie zurecht: Christus sei ja schon wiedergekommen, in ihre Seelen hinein. Sie gehörten damit schon als Auserwählte zur neuen Welt Gottes. Was konnten sie dafür, dass die alte Welt so schlecht ist. Andere wandten sich enttäuscht von der christlichen Gemeinde ab.

Gegen diese Meinungen zieht der Schreiber des zweiten Petrusbriefes zu Felde. Sein Vermächtnis, als Summe seines Lebens und seiner Erfahrungen mit Gott, heißt: Gott hält sich an seine Zusagen. Es wird einen neuen Himmel und eine neue Erde geben. Nur – es gibt Verlängerung, wie beim Fußball; eine verlängerte Chance für die Menschheit, für uns. Statt Resignation, Distanz oder Selbstrechtfertigung ist voller Einsatz gefragt.