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Nr. 16 | 19. April 2015

ZUM SONNTAG MISERICORDIAS DOMINI

Trau dich, sei sein Schaf!

Von Pastor Tilman Baier, Gadebusch
Christus spricht: „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen mich“

Johannes 10, 14

Laut lachen musste ich über eine Meldung, die vergangene Woche neben vielen anderen in meinem E-Mail-Fach landete. Dort las ich, mitten in der Vorbereitung für diese Ausgabe zum Sonntag „Misericordias Domini – die Barmherzigkeit des Herrn“, an dem Christus als der gute Hirte gefeiert wird: „Im Gemeindewettbewerb des Magazins chrismon hat die evangelische Kirchengemeinde Frömern in Westfalen für das Projekt ‚Sei kein Schaf / Geh wählen‘ den zweiten Preis, dotiert mit 2000 Euro, erhalten.“

Sicherlich war dieses zeitliche Zusammentreffen von den Absendern dieser Meldung nicht geplant. Doch zeigt sie dadurch ungewollt, dass das positive Gleichnisbild der Bibel von dem Hirten und seinen Schafen auch für viele Christen längst Risse bekommen hat. Die goldgerahmten Öldrucke, die Jesus mit Hirtenstab und einem Schaf auf den Schultern zeigen und noch in meiner Kindheit in etlichen Schlafzimmern hingen, sind längst beim Trödelhändler oder gar auf dem Müll gelandet.

Es kommt ja nicht von ungefähr, dass vielen von uns dieses Bild von Hirt und Schafen suspekt geworden ist. Zwei Diktaturen auf deutschem Boden haben uns hellhörig und misstrauisch werden lassen, wenn sich jemand zum „guten Hirten“ erklärt. Und da ist auch der Wunsch, mich aus der Masse der Herde abzuheben. Wer will heute noch ein Schaf sein, so aufgeklärt und autonom, wie wir uns fühlen?!

„Sei kein Schaf!“ Das heißt doch: „Sei nicht dumm! Sei eigenständig! Zieh nicht mit der Herde! Folge nicht dem Ruf eines anderen!“ Doch wer hält diese Einsamkeit, dieses Grundmisstrauen aus? Und so suchen manche, die nicht Schafe sein wollen, nach einem Wolfsrudel mit starkem Leitwolf.

Es ist an der Zeit, die Bilder vom guten Hirten wieder vom Staub zu befreien. Denn hinter der Kitschkruste erzählen sie davon, dass Menschen sich getraut haben, diesem göttlichen Christus zu vertrauen und seine Schafe zu sein. Das hat manche von ihnen auch ermutigt, den Anspruch irdischer Herren auf ihre Seele zurückzuweisen.