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Nr. 42 | 19. Oktober 2014

18. Sonntag nach Trinitatis

Zeit ist mehr als Geld

Von Roland Springborn, Greifswald
… kauft die Zeit aus,
denn es ist böse Zeit …
Epheser 5, 16

So werben Möbelhäuser, Schuhverkäufer und Modeläden für den Absatz ihrer Ware, oder besser gesagt, ihrer Ladenhüter. Bevor die neue Ware kommt, muss die alte raus. Jetzt ist die Zeit der Schnäppchenjäger. Da wird auf den Grabbeltischen gewühlt, zig Paar Schuhe anprobiert und die verstaubte Eckbank zum wiederholten Male vermessen, ob sie nicht doch noch in die schon volle Wohnung passt. Alles muss raus. Zeit des Ausverkaufs.

Der Apostel Paulus meint etwas ganz anderes, wenn er damals die Christen in Ephesus und uns heute auffordert: Kauft die Zeit aus. Verplempert sie nicht, schlagt sie nicht tot. Jagt nicht billigen Schnäppchen nach. Seid nicht abgefüllt mit billigem Fusel. Denn die Zeit ist keine billige Ramschware. Zeit ist auch mehr als Geld. Ich kann mir kein Pfund oder eine Tüte Zeit kaufen. Wo sie käuflich ist, verliert sie an Wert und wird zum Spekulationsobjekt an der Börse des Lebens. Dann jagt ein Termin den anderen. Und am Ende erledigen nicht wir die Termine, sondern die Termine uns.

Kauft die Zeit aus; denn es ist böse Zeit. Was böse ist, nennt Paulus deutlich beim Namen: Götzendienst, Unzucht, Habsucht, dunkle Machenschaften und Geschäfte. Damit sollen die noch jung im Glauben stehenden Christen in Ephesus nichts zu tun haben. Kauft die Zeit aus, soll für sie dagegen heißen: Nutzt sie zu einem Leben in Weisheit, Sorgfalt, Verständnis, Ermunterung, Lobgesang und Dankbarkeit. Dann wird mitunter sogar die böse Zeit hell und freundlich. So wie wir es vor 25 Jahren bei der friedlichen Revolution in unserem Land erlebt haben, als mit Gebet und Kerzen die Dunkelheit der Straße und der Herzen hell wurde. Denn „auf alles waren wir vorbereitet“, sagte später ein hoher Funktionär der Partei, „nur nicht auf Gebet und Kerzen.“

Kauft die Zeit aus, diese wunderbare Gabe Gottes, die er uns zu treuen Händen anvertraut, auch heute im Sinne des Gebers für ihn, für unsere Mitmenschen, für uns selber.