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Nr. 34 | 24. August 2014

10. Sonntag nach Trinitatis

Blickwechsel

Von Tilman Baier, Gadebusch
Die Gnadengaben und
die Berufung Gottes
sind unbereubar.
Römerbrief 11,29

Ach, Israel! Nach jeder meiner paar Reisen ins Heilige Land bin ich ratloser zurückgekehrt. Nicht nur, weil ich in dem Gemenge von Konflikten dort so gern Partei für „die Guten“ ergreifen würde und nicht eindeutig sagen kann, wer denn „die Bösen“ sind. Sondern auch, weil in den Auseinandersetzungen um das Heilige Land deutlich wird, wie eng dort Politik und Religion von den jeweiligen Parteien verquickt werden.

Auch ich habe mir als Ausweg aus dem Dilemma angewöhnt, zwischen dem Judentum als Religion und dem Staat Israel zu unterscheiden – so wie es neben vielen Christen auch manche jüdischen weltläufigen Intellektuellen und etliche ultraorthodoxen Juden tun. Doch eine befriedigende Antwort auf die Frage, was es denn nun mit dem auserwählten Volk Gottes im Hier und Jetzt auf sich hat, ist das nicht.

Schon der Apostel Paulus, oft als Störenfried in wohltemperierten akademischen Gesprächen zwischen christlichen und jüdischen Theologen abgetan, ringt mit diesem Problem. Hatte er sich doch, studierter Rabbiner, als Saulus von Tarsus den Ruf erworben, unerbittlicher Verfolger einer vom rechten Glauben abgefallenen Sekte zu sein. Die bedrohte zudem die mühsam ausgehandelte friedliche Koexistenz der jüdischen Gemeinden mit den römischen Herren, weil sie von einem Messias Jesus schwafelte, der Gottes Sohn sei.

Angesichts dieser Feindschaft versucht Paulus, nun als Christ, eine Antwort: Es gibt in diesem Konflikt keine „Bösen“. Alle Menschen sind vor Gott ungerecht.Alle haben egoistische Motive. Doch wie Menschen ohne eigenen Verdienst durch den Glauben an Christus vor Gott gerecht gesprochen werden, so hält Gott auch ohne eigenen Verdienst des Volkes Israel an dem besonderen Bund mit ihm fest.

Nein, endgültig beantwortet mir Paulus meine Fragen nicht. Aber er hilft mir, klarer und gleichzeitig demütiger auf diesen Konflikt zu schauen.