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Nr. 35 | 31. August 2014

11. Sonntag nach Trinitatis

Hochmut kommt vor dem Fall

Von Mathias Kretschmer, Staven
„Du bist der Mann!“
2. Samuel 12, 7

Das hat gesessen! Samuel der Prophet haut dem König die Wahrheit um die Ohren. Und nun sitzt er da wie ein Häufchen Elend. Hinweg ist mit einem Mal alle Königswürde und Immunität, mit der er sich sonst umgab. Er ist entlarvt, er hat sich selbst gerichtet. „Du bist der Mann!“ Diese Worte wird David wohl so schnell nicht mehr vergessen.

Du bist der Mann, der nicht genug hatte an all dem, was er als König von Gott geschenkt bekam. Du bist der Mann, der seine Augen nicht lassen konnte von der Frau Urias, obwohl du einen ganzen Harem hast. Aber du wolltest noch mehr. Dein Begehren lief total aus dem Ruder. Und du gingst dafür über Leichen. Es ist höchste Zeit, dass dir jemand Einhalt gebietet und dir deine Grenzen aufzeigt. David, du versündigst dich gegen Gott und deine Mitmenschen! Samuel ist derjenige, der es wagt, dem König die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Sicher, auch er tut das nicht aus heiterem Himmel, sondern er verpackt seine Botschaft geschickt in ein Gleichnis, das er dem König vorträgt, und über das er als weiser Herrscher urteilen soll. Aber genau so bringt er David dazu, das Urteil selbst zu sprechen, das er dann nur noch bestätigen muss: „Du bist der Mann!“

Bei diesen Worten sehe ich direkt den ausgestreckten Zeigefinger vor mir, mit dem auch wir ganz gerne einmal auf die vermeintlich Schuldigen zeigen. Auf Politiker, auf Konzernchefs, auf gedopte Sportler oder auf die „unmöglichen“ Nachbarn oder Verwandten. Mit dem Finger auf andere zu zeigen ist leicht. Ja, es bringt auch eine gewisse Art von Genugtuung und Selbstbestätigung – falls man auf solche Art von Selbstbestätigung angewiesen ist. Wir können uns auf die Schulter klopfen und sagen, wie toll wir doch sind.

Aber eigentlich wissen wir es besser. Wir wissen, dass wir eben nicht besser sind als viele andere. Auch wir versündigen uns gegen Gott und unsere Mitmenschen. Ich fürchte, für jede und jeden von uns gilt dieses „Du bist der Mann!“, aber Gott sei Dank auch Seine grenzenlose Gnade.