Nach oben

Stellungnahme

Zum Thema „Wirtschaftliche Probleme der Milchbauern“ beschloss die Kirchenleitung der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs auf ihrer Sitzung am 10. Oktober 2009 in Neubrandenburg eine Stellungnahme.

12.10.2009 | Neubrandenburg (cme). Als evangelische Kirche in Mecklenburg-Vorpommern sehen wir mit großer Sorge, dass der niedrige Milchpreis die Existenz zahlreicher Milchbauern bedroht. Ihre Einnahmen decken schon lange nicht mehr die Produktionskosten. Für einen Liter Milch erhalten die Bauern derzeit zwischen 20 und 27 Cent. Nach eigenen Angaben benötigen sie jedoch 40 Cent pro Liter Milch, um überhaupt kostendeckend arbeiten zu können.

Die gravierenden Einkommensprobleme zwingen bereits Milchbauern dazu, ihren Betrieb aufzugeben. Viel Verständnis zeigen wir vor diesem Hintergrund für friedliche Proteste der Bauern. Wir wenden uns jedoch gegen das Auskippen von Milch - zum Beispiel auf Ackerflächen. Lebens- und Nahrungsmittel sind eine Gabe Gottes, die nicht einfach vernichtet werden dürfen.

In Solidarität mit den Milchbauern bitten wir alle Verantwortlichen, zügig nachhaltige Lösungen zu erarbeiten. Ziel muss ein zumindest kostendeckender Erzeugerpreis sein. Dafür stehen Politik, Wirtschaft und landwirtschaftliche Interessenvertreter gleichermaßen in Verantwortung.

Ursachen der Situation
Im Hintergrund der aktuellen Situation steht die politische Absicht der EU, auf dem internationalen Milchmarkt wettbewerbsfähig zu sein. Dafür ist die Milchmenge in Deutschland ausgeweitet worden. Gleichzeitig hat die Finanz- und Wirtschaftskrise zu einem Einbruch bei der weltweiten Nachfrage nach Milchprodukten geführt. Es sind Überschüsse entstanden, die auf den Binnenmarkt drücken und den Milchpreis zu Fall gebracht haben.

Unsere Fragen
Wir fragen an, ob die Orientierung der Milchproduktion am Weltmarkt wirklich notwendig ist, zumal die Hälfte der Milch als Frischmilch gehandelt wird und dadurch lokal gebunden ist. Die immensen Transportkosten, die durch den internationalen Handel entstehen, sollten lieber den Milcherzeugern zugutekommen.

Mit großer Betroffenheit sehen wir, wie auch die Länder des Südens unter den Folgen der Milchpreisentwicklung leiden. Entwicklungspolitische Hilfsmaßnahmen werden durch Exportsubventionen zunichte gemacht. Diese sind aus unserer Sicht keine Lösung, sondern reichen das Problem der Überproduktion und fehlender Nachfrage auf internationale Märkte weiter. Sie nützen lediglich einigen wenigen Molkereien.

Es ist aus unserer Sicht ethisch nicht zu verantworten, dass Milchüberschüsse an Staaten der armen Länder weitergegeben werden. Die dort gerade neu aufgebauten Strukturen zur Selbstversorgung werden so zerstört. Das Nachsehen haben die Milchbauern in diesen Ländern, die mit den subventionierten Milchprodukten der EU nicht konkurrieren können.

Unsere Vorschläge
1. Wir plädieren dafür, dass die Milchbauern in Deutschland und ihre Kollegen in den südlichen Ländern der Welt faire Bedingungen erhalten. Exportsubventionen sehen wir dafür als den falschen Weg an. Kurzfristig braucht es Hilfen, um die Zahlungsfähigkeit der landwirtschaftlichen Betriebe vor Ort zu erhalten. Dies könnte beispielsweise durch zinsverbilligte Liquiditätshilfen geschehen, die Bund und Länder zur Verfügung stellen. Darüber hinaus sollten die Zahlungen der Betriebsprämien durch die EU möglichst frühzeitig ausgereicht werden. Die Banken könnten durch das Stunden von Kreditzahlungen dazu beitragen, verschuldete Milchbauern zu entlasten.

2. Es darf nicht sein, dass die Milcherzeuger ihre Existenz verlieren, während Molkereien gut bestehen können und Lebensmitteldiscounter große Gewinne erzielen. Wir bitten Molkereien und Discounter eindringlich, ihre Marktmacht nicht rücksichtslos zu missbrauchen, um den Preis immer mehr zu drücken. Zugleich appellieren wir an ihre unternehmensethische Verantwortung: Kostbare Lebensmittel wie Milch müssen durch einen fairen Preis eine neue Wertschätzung erfahren. Dafür stehen der Lebensmittelhandel und die Verbraucher gemeinsam in Verantwortung. Der Trend, Lebensmittel immer billiger zu produzieren und einkaufen zu wollen, ist aus christlicher Sicht nicht vertretbar. Überfluss darf nicht dazu führen, die Wertschätzung für die Gaben der Schöpfung zu verlieren. Für die Handelsketten bedeutet es, für die Milch einen Preis zu bezahlen, der die Existenz der Bauern sichert. Die Milchbauern müssen durch neue rechtliche Rahmenbedingungen in den Preisverhandlungen gestärkt werden. Als Verbraucher sollten wir nicht nach „sündhaft billigen“ Preisen Ausschau halten, sondern den Wert der Milch durch einen angemessenen Preis würdigen.

3. Als evangelische Kirche und Diakonie in Mecklenburg wollen wir ein Zeichen setzen. Wir rufen alle kirchlichen und diakonischen Einrichtungen in Mecklenburg auf, beim Einkauf von Milch nicht nur auf das preisgünstigste Angebot zu blicken. Zudem schlagen wir die Einführung eines „Signet für fair gehandelte Milch“ vor.