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Zukunft ohne Angst

Margot Käßmann zieht vor ihrem Ruhestand Bilanz und formuliert Wünsche für die Kirche

Margot Käßmann
25.03.2018 ǀ Schwerin.  Margot Käßmann wird im Juni aus dem Dienst verabschiedet. Im Gespräch mit Corinna Buschow und Julia Lauer blickt die frühere hannoversche Landesbischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland auf Hürden ihrer Karriere zurück und erzählt, was sie sich für die Zukunft der Kirche wünscht.

Ende Juni verabschieden Sie sich in den Ruhestand. Räumen Sie schon den Schreibtisch auf?

Margot Käßmann: Bis Mitte Mai habe ich noch dienstliche Termine, den Katholikentag in Münster zum Beispiel. Ich besuche die deutsche Gemeinde in Peking und halte ein paar Predigten, etwa zur Heidelberger Disputation. In der Tat fange ich aber schon an zu schreddern. Das Büro in Berlin wird Ende März geschlossen, die Wohnung in Berlin ist aufgelöst. Da ist schon Abschiedsstimmung.

Im Juli beginnt Ihr neuer Lebensabschnitt. Was planen Sie?

Ich freue mich darauf, meine Zeit wieder selbst einteilen zu können, auf Zeit mit meiner Familie, aufs Bücherschreiben. Vor allem in den elf Jahren als Landesbischöfin ist das Private zu kurz gekommen. Ich habe meinen Beruf mit Leidenschaft ausgeübt, aber ich finde es gut, wenn es jetzt ruhiger wird. Ich merke ja auch, dass ich 60 werde. Bis Ende Dezember jedenfalls habe ich keinen öffentlichen Termin zugesagt.

Dass Sie sich ganz zurückziehen, scheint schwer vorstellbar.

Mir fällt das nicht so schwer. Öffentlichkeit heißt auch ständige Auseinandersetzung, angreifbar zu sein und Kritik einzustecken. Das habe ich auch in Form von Bosheit und Häme erlebt. Ich muss ehrlich sagen, ich bin dessen ein bisschen müde. Jetzt sind andere dran.

Was hinterlassen Sie Ihrer Kirche als Rat oder Wunsch?

Ich wünsche ihr, dass Begeisterungsfähigkeit für den Glauben da ist. Wir brauchen lebendige Gottesdienste. Es gibt eine Sehnsucht danach. Die Leute sind auf Sinnsuche, wollen handyfreie Zonen und Entschleunigung. Das können sie in der Kirche alles haben. Ich wünsche unserer Kirche, dass sie Zutrauen hat in Veränderungen, dass es kein angstbesetzter Prozess ist.

Wo sehen Sie Angst?

Es bringt beispielsweise Belastungen mit sich, wenn Pfarrstellen zusammengelegt oder gestrichen werden. Es herrscht das Gefühl, alles werde schlechter. Früher waren fast alle Menschen Mitglied einer Kirche. Vielleicht waren die Menschen damals aber nicht gläubiger als heute.

Es wurde über eine Schnuppermitgliedschaft diskutiert. Was halten Sie von einer „Kirchenmitgliedschaft light“?

Es kann jeder – ob Mitglied oder nicht – zur Kirche kommen, in den Chören mitsingen oder seine Kinder zum Konfirmandenunterricht schicken. Da sehe ich das Problem nicht. Ich finde, wenn sich jemand für die Kirche entscheidet, dann auch ganz. Im Fitness-Studio gibt es ein Probe- Abo, aber selbst da muss ich irgendwann entscheiden: Will ich Mitglied sein oder nicht?

Für manche Ihrer Äußerungen wie „Nichts ist gut in Afghanistan“ in Ihrer Neujahrspredigt 2010 sind Sie kritisiert worden. Berührt Sie das heute noch?

Ich finde meine Worte immer noch richtig. Deutschland war damals das erste Mal damit konfrontiert, dass die Bundeswehr im Ausland nicht nur Brunnen bohrt und Mädchenschulen baut, sondern im Krieg ist. Mit so massiver Kritik hatte ich aber nicht gerechnet. Ich bin in Rechtfertigungsdruck geraten, der mich atemlos gemacht hat. Heute würde ich wahrscheinlich gelassener und später reagieren.

Sie waren die erste Frau an der Spitze der EKD. Wie verfolgen Sie die #metoo-Debatte?

Die Diskussion ist gut, weil sie einiges bewusst macht über Sexismus im täglichen Umgang. Erst letztens hörte ich über eine junge Pfarrerin: „Die sieht echt gut aus und kann sogar noch predigen.“ Ich will kein krampfhaftes Verhältnis zwischen den Geschlechtern, das kann auch entspannt lustig sein. Aber zwischen einem harmlosen Flirt und letztlich abwertenden Äußerungen, weil sie nur auf das Aussehen zielen, gibt es einen Unterschied. Das Bewusstsein dafür wird gerade geschärft.

Sind Frauen in der Kirche besser aufgehoben als in der Filmbranche? Wie haben Sie das erlebt?

Die Kirche ist kein sexismusfreier Raum. Ich habe Briefe mit Beschwerden über meine kurzen Haare gekriegt, weil in der Bibel steht, das lange Haar sei der Schmuck der Frau. Besonders kurios fand ich den Vorwurf über das Tragen von Absätzen, begründet mit dem Bibelzitat „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden“. Ein Oberlandeskirchenrat hat verweigert, mich mit „Bischöfin“ anzusprechen. Die erste Generation von Pfarrerinnen hat noch versucht, wie ein Mann zu sein, um überhaupt eine Chance zu haben. Die zweite wollte bewegt vom Feminismus alles demonstrativ anders machen. Die dritte sagt: Es kommt auf die Person im Talar an. Das scheint mir ein guter Weg zu sein.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 12/2018

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