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2. Tagung der XI. Landessynode der Pommerschen Evangelischen Kirche, 8. - 10. Oktober 2004 in Züssow

 

 

Wort zum Tag - 8. Oktober 2004

 

Liebe Schwestern und Brüder,

 

es sei mir gestattet, als geistliches Wort an diesem Ort sozusagen auf den genius loci zurückzugreifen. Ein Wort, das J.H. Wichern zugeschrieben wird, lautet. „Wenn die Menschen nicht zur Kirche kommen, muss die Kirche zu den Menschen kommen.“ (J.H. Wichern)

 

Vielleicht könnte das so etwas wie ein Leitmotiv (ein Satz mit Leitbildqualität) für die Überlegungen auf dieser Landessynode sein. Ein Leitmotiv, unter das sich auch die Überlegungen zur organisatorischen Gestalt der Kirche in unserer Zeit einordnen. Denn die äußeren Formen und die Umsetzung muss sich natürlich nach den grundlegenden Inhalten richten.

 

Dieser Satz von Wichern ist kein speziell diakonisches Credo aus der Erfahrung sozialer Arbeit heraus, sondern andersherum eine Charakterisierung dessen, was Kirche sein kann und soll. Und unter der Formulierung, dass „Kirche zu den Menschen kommt“ hätte Wichern dann sicher die Aktivitäten der Inneren Mission verstanden. Und vielleicht noch etliche andere kirchliche Aktivitäten mehr.

 

Es ist ein einfacher Satz, der in sich selbst stimmig zu sein scheint – und ich glaube nicht, dass es hier unter uns jemanden geben wird, der den Gehalt dieses Satzes grundlegend bestreiten würde. Es ist seiner qualitativen Bedeutung nach ein Grundsatz, und über solche Sätze lohnt es sich nachzudenken. Und es fällt auf, jedenfalls ist das mein persönlicher Eindruck, dass es in den vielfältigen Diskussionen um den Weg der Kirche etliche solcher Grundsätze und grundsätzlichen Beschreibungen der Situation gibt, die alle auf den ersten Blick oder das erste Hören als sehr plausibel erscheinen, die aber bei genauerer Betrachtung gar nicht so gut zusammen passen.

 

Die Reden davon, dass wir als Kirche uns in „dürftigen Zeiten“ befinden und lieber „fröhlich kleiner werden“ sollten, uns auf „Inseln der Spiritualität“ zurückziehen sollten, sind zum Beispiel solche grundsätzlichen Situationsbeschreibungen. Und ich weiß, dass diese Gedanken von klugen Menschen geäußert worden sind, aber ich scheue mich auch nicht zu sagen, dass ich die Richtung dieser Aussagen nicht ganz begreifen kann und auch nicht mit dem in Übereinstimmung sehe, was Wichern sagt und was mich mehr überzeugt. Warum sollen wir fröhlich kleiner werden vielleicht sogar in der kirchlichen Nische und nicht lieber mit der Botschaft zu den Menschen hingehen? Ist das Rückzug und Besinnung auf die Bestimmung der Kirche als „Salz der Erde“? Und was geschieht, wenn dieses Salz aufgrund fehlender Menge unterhalb der Wahrnehmungsgrenze gerät, dahin, wo es auch für geübte Zungen nicht mehr geschmacklich festgestellt werden kann?

 

Wer wie Wichern denkt, denkt nicht an Rückzug oder an Standortbestimmungen, sondern daran, wie eine Bewegung aussehen soll und wen sie erreichen soll. Wer Wichern zustimmt, entscheidet sich zugleich für das aktive, das offensive und hoffnungsvolle Herangehen an die Sache der Christen. Dieses kann selbstverständlich nur getragen sein von einer tiefen Verankerung im christlichen Glauben selbst.

 

Zunächst geht es in diesem „wichernschen“ Denken um die Frage einer positiven Herangehensweise – also nicht nur nach den Ursachen dafür zu suchen, warum Menschen nicht die Kirche aufsuchen und auch nicht nur nach Konzepten zu suchen, wie das anscheinend „Unmögliche“ vollbracht werden kann, die Attraktivität des Vorhandenen zu stärken, die Bereitschaft zum ideellen und materiellen Mittragen der Kirche zu befördern, die Menschen also zurückzugewinnen. Aus dieser Erstarrung, aus dieser Fessel des Kreisens um sich selbst muss die Kirche herauskommen und über das hier und heute – den status quo des Bisherigen – hinaus ihre Perspektive entwickeln. Das ist natürlich nicht nur eine Frage von vordergründigen Aktivitäten, sondern auch eine Frage an unser Denken und Sprechen, an unser Auftreten und Sein insgesamt.

 

Unterschiedliche Herangehensweisen und Perspektiven spiegeln sich grundlegend in unserer Sprache wider. Im Urtext des Alten und des Neuen Testaments können wir das fast auf jeder Seite herauslesen. Wenn Gott sagt: „Ich bin der, der ich bin“ ist das nicht punktuelle Standortbeschreibung, sondern lebendiges Wort mit unbegrenzter zeitlicher Perspektive, die Verheißung, den Willen und die Bereitschaft auf Veränderung mit einschließend. Mehr als Hebräisch haben die meisten von uns sich in der Schule mit der russischen Sprache beschäftigen dürfen, die in ihrer Grammatik zwischen dem vollendeten und dem unvollendetem Aspekt unterscheidet. Dasselbe Verb kann (nicht in völlig unterschiedlichem Sinn) aber in völlig unterschiedlicher Perspektive gebraucht werden. Und wenn wir das auf die Kirche beziehen, dann ist für mich ganz eindeutig: Kirche lebt im „unvollendeten Aspekt“ von der Orientierung auf das Reich Gottes. Kirche lebt aus dem Schatz der Botschaft, die sie bloß verwaltet, nach vorne und nicht allein davon, dass sie auf ökonomische Erfordernisse reagiert, zähneknirschend kleiner wird, und dies sogar noch fröhlich verkaufen will.

 

Was in der Grammatik uns als vollendeter und unvollendeter Aspekt begegnet, ist für die Kirche die Frage nach Gesetz und Evangelium: Wohnen wir noch im Gesetz oder leben wir schon das Evangelium? Haben wir uns fest eingerichtet als Kirche und renovieren öfter mal nach Bedarf oder planen wir auch noch Neues? Um nicht missverstanden zu werden: Es geht nicht darum, dass wir als Kirche keine Maßstäbe, Normen und Werte verbindlich erklären können und sollen. Das alles ist notwendig. Aber unsere Botschaft an die Menschen darf nicht sein: Entweder du akzeptierst, oder nicht... Kirche ist kein Club, der vorher alle Bedingungen zur Zugehörigkeit im Einzelnen festlegt und dann seinen Mitglieder Rechte und Pflichten gewährt. Kirche ist lebendiger Präsenzort Gottes – ein Ort, der von denen gestaltet werden muss, die sich darin bereits eingerichtet haben und von denen, die darüber hinaus die Botschaft erreichen soll. Diese müssen mit im Horizont der Kirche erscheinen. Wenn Kirche mit dieser Offenheit lebt, wird nicht Verwässerung oder Beliebigkeit eintreten, sondern die Entwicklung von einer Kirche des Gesetzes zur Kirche des Evangeliums.

 

Man mag gegen das, was Wichern gesagt hat, den Einwand erheben, dass es nicht vorrangige Aufgabe der Kirche sei, sich den Menschen zuzuwenden, sondern zuerst Gott. Wenn wir so denken, dann sind wir in der Sackgasse, dann haben wir etwas noch nicht verstanden. Zuwendung zum Menschen bedeutet immer Hinwendung zu Gott – und umgekehrt. Das wird nicht nur deutlich daran, dass Jesus sich selbst den Menschen zugewandt hat, sie in Schutz genommen hat, bei ihnen eingekehrt ist, sie getröstet und geheilt hat, dass er dem entsprechend die „Sphäre“ und den „Habitus“ des Gesetzes aufs Äußerste in Frage gestellt hat. Nein, Zuwendung von Gott und Hinwendung zu den Menschen wird vor allem darin deutlich, dass Gott seinen Sohn in diese Welt gesandt hat. Gott hat die Menschen nicht ihrem Schicksal überlassen mit der Entscheidung für ein Leben in seinem Willen oder gegen seinen Willen. Er hat sich selbst aufgemacht, damit die Menschen, die nicht im rechten Glauben stehen, nicht verloren sind. Ohne diese Zuwendung gäbe es keine Kirche, sondern bliebe wahrscheinlich nur Verdammnis übrig. Und das führt letztlich zu der Erkenntnis:

 

Es ist völlig unabhängig davon, ob viele Menschen oder wenige Menschen zur Kirche kommen, auch wenn Wichern wohl eher die Wenigen vor Augen hatte und dies eine Parallele zur heutigen Zeit ist, (unabhängig davon ist das,) was mit dem wichernschen Denken von der Zuwendung zum Menschen gemeint ist. Unabhängig von der Zahl der Kirchenmitglieder bleibt das Charakteristikum der Kirche: Nicht, dass sie da steht als Kirche im Dorfe, sondern dass sie da ist und zu den Menschen geht. Ziel der Kirche Jesu Christi kann deshalb nicht sein, die vorhandene Kirche als Institution zu sichern, sondern zu ermöglichen, dass Kirche sich den Menschen zuwenden kann, damit dem Auftrag Gottes, dem Vorbild Christi folgen kann. Kirche des Evangeliums lebt aus der Kraft Gottes in der Zuwendung zu den Menschen. Gottes Geist möge diese Synode leiten, damit in kirchlichen Strukturen genau dies geschehen kann. Amen.

 

 

Pfr. Michael Bartels

Vorsteher des Pommerschen Diakonievereins Züssow

 


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