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Wie wichtig ist die bewusste Entscheidung für dieses Sakrament?

Wenn Kinder ja zur Taufe sagen

Von Sybille Marx

Am vergangenen Sonntag in der Greifswalder Johanneskirche: Der neunjährige Mattis Brandt wurde von Pastor Torsten Kiefer getauft. Kinder füllten das Wasser ins Taufbecken.
08.04.2018 ǀ Greifswald.  Zu Luthers Zeiten war es selbstverständlich, Kinder kurz nach der Geburt zu taufen, und bis heute hat die Säuglingstaufe Tradition. Aber auch der Wunsch, das Kind selbst entscheiden zu lassen, ist nicht mehr nur in Freikirchen zu finden.

Ein einfaches kleines Wort muss er sagen: „Ja“. Kurz darauf hat Mattis Brandt die Hand von Pfarrer Torsten Kiefer auf seinem Kopf ruhen, wird er mit Wasser aus dem Taufbecken benetzt und bekommt ein unsichtbares Kreuz auf die Stirn gezeichnet. „Du gehörst Jesus Christus“, sagt Kiefer an diesem Ostersonntag in der Greifswalder Johanneskirche. Mattis ist evangelisch getauft – als Neunjähriger, nach eigener Entscheidung.

Kindern das Ja zur Taufe selbst zu überlassen – im mecklenburgischen und pommerschen Kirchenkreis ist das noch die Ausnahme, sagt Christian Meyer, Sprecher des mecklenburgischen Kirchenkreises: „Grundsätzlich spricht sich die evangelische Kirche für die Säuglingstaufe aus, vor allem, weil die am deutlichsten ausdrückt, welch ein Geschenk die Taufe ist: Gott liebt uns, unabhängig davon, ob wir das verstehen oder erwidern können.“ Eltern wünschten heute aber öfter, dass ihre Kinder sich bewusst zur Taufe entscheiden könnten. „Grob geschätzt haben wir in Mecklenburg jährlich rund 450 Taufen von Menschen zwischen dem 2. und 14. Lebensjahr.“ Dazu etwa 300 Erwachsenentaufen und 600 Säuglingstaufen.

Im pommerschen Kirchenkreis werden pro Jahr rund 550 Menschen getauft, „die größte Altersgruppe ist mit Abstand die von 0 bis 3“, sagt Sprecher Sebastian Kühl. Erwachsenentaufen machten etwa ein Viertel aus, Taufen von Acht- oder Neunjährigen gebe es 10 bis 15, schätzt er. Aktuelle Zahlen liegen nicht vor. Das Alter ist aus Sicht der Kirche aber auch nicht entscheidend: „Die Taufe ist immer ein Geschenk, egal, in welchem Alter sie empfangen wird.“ Dass Mattis Brandt als Baby nicht getauft wurde, hat private Gründe, erzählt seine Mutter. Aber es liege auch an ihrer religiösen Überzeugung: „Ich kann die Frage, ob er Gottes Ja zu sich annehmen will, nicht für ihn entscheiden.“ Schon früh habe sie Mattis mit kirchlichen Angeboten vertraut gemacht, mit ihm gebetet und lange damit gerechnet, dass er sich als Jugendlicher entscheiden werde.

"Er kann seine Taufe bewusst erleben“

„Aber dann, durch die Christenlehre, ist sein Wunsch, sich taufen zu lassen, immer deutlicher geworden.“ Was Katechetin Angela Jagusch besonders freut. „Das ist das größte Glück für mich“, sagt sie. Die Taufe sei ein Geschenk, das der Mensch nach und nach aus vielen Schichten enthüllen dürfe, um zum Kern vorzudringen.

Auch Mattis’ Vater Morton Brandt, der von Mutter und Sohn getrennt lebt, stimmte der Taufe zu – obwohl er selbst früher katholisch war, aus der Kirche ausgetreten ist. „Ich finde es wichtig, dass man sich mit Kirche und Glauben auseinandersetzt, und das kann man eigentlich nur, wenn man sich damit identifiziert und die Innensicht hat“, sagt er. Diese Chance habe Mattis jetzt. Schön sei auch, dass er seine Taufe bewusst erleben könne. „Und er wird sich später daran erinnern können“, sagt seine Mutter.

Der Neunjährige selbst erklärt, er habe zur „großen Familie“ der Christen gehören wollen, darum sein Beschluss. Dass es auch Geschenke geben werde, sei ihm erst nach der Entscheidung klar geworden, erzählt seine Mutter. „Das war natürlich nochmal ein Grund zum Freuen.“ Zu Martin Luthers Zeiten war es Usus, Kinder als Säuglinge möglichst früh taufen zu lassen, erinnert Christian Meyer. „Das geschah oft aus der Angst heraus, die Kinder könnten ungetauft und fern von Gott sterben.“ Heute hätten die wenigsten Eltern solche Ängste. „Wenn Kinder heute jung getauft werden, dann aus dem Staunen über das große Wunder der Geburt und aus dem tiefen Wunsch, dieses zerbrechliche und schutzbedürftige Kind möge behütet sein.“
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 14/2018

Die Zahl der evangelischen Taufen in MV bleibt seit Jahren etwa gleich. 2016 (aktuellste Zahl) wurden hier fast 2000 Menschen getauft, drei Viertel von ihnen im Mecklenburgischen Kirchenkreis. Deutlich mehr waren es nur im „Jahr der Taufe“, dass die Pommersche Landeskirche 2009 bis 2014 feierte, die Mecklenburgische 2011. Im Jahr 2011 gab es 2729 Taufen, davon über 900 in Pommern.