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„Gott ist mit im Spiel meines Lebens“

Was den Mitgliedern der deutschen Nationalmannschaft der Glaube an Gott bedeutet

Von Tobias Wilhelm

15.06.2014 ǀ Schwerin.  Extreme Temperaturen, hohe Luftfeuchtigkeit – die deutsche Nationalmannschaft muss bei der Fußball-WM nicht nur sportlichen Gegnern trotzen, sondern auch dem ungewohnten Klima. Dass in Brasilien die Religion eine große Rolle spielt, dürfte die Eingewöhnung nicht erschweren: Viele deutsche Spieler bezeichnen sich als gläubig oder engagieren sich für kirchliche Projekte.

In der Abwehr erwartet die Gegner eine Dreierkette mit Gottvertrauen: Für den Protestanten Philipp Lahm, der für den Ökumenischen Kirchentag in München warb und nach der WM 2010 katholisch geheiratet hat, sorgt der Glaube an Gott als „sinngebende Vorstellung“ für Halt und Orientierung. Er vermittle die Botschaft, „dass nach dem Leben nicht alles vorbei ist“, erklärt Lahm, der mit seiner Stiftung unter anderem in Südafrika das Lutherische Gemeindezentrum „Themba Labantu“ unterstützt. Bei einem Fragebogen, in dem es um die „wichtigste Person der Zeitgeschichte“ ging, gab er „Jesus“ zur Antwort.

Ein evangelischer „Verteidiger des Glaubens“ ist auch England-Legionär Per Mertesacker. Der gebürtige Hannoveraner engagierte sich 2005 beim Kirchentag in seiner Heimatstadt und setzt sich als Botschafter für das evangelische Kinder- und Jugendhospiz Wilhelmshaven ein. „Christus hat uns gelehrt, für andere da zu sein. Das ist für mich auf dem Platz ebenso wichtig wie nach dem Schlusspfiff“, erklärt er.

Der Glaube von Jerome Boateng geht buchstäblich unter die Haut: Der überzeugte Christ hat sich gleich drei religiöse Motive tätowieren lassen: die Jungfrau Maria, ein Kreuz mit betenden Händen sowie auf Englisch den Satz: „Nur Gott kann über mich richten!“

Religiöse Bezüge finden sich noch bei drei weiteren Verteidigern im WM-Kader: Benedikt Höwedes sagt, er sei „etwas gläubig“, benötige aber keine speziellen Rituale. Kevin Großkreutz hat das Fußball- ABC beim katholischen Sportverein DJK Rot-Weiß Obereving gelernt, und Mats Hummels setzt sich für die Hilfsaktion „Kinder in Not“ der Katholischen Stadtkirche Dortmund ein.

Ehrentitel: „Die Wand Gottes“

Torwart Manuel Neuer, dem „Bild“ in Anlehnung an Diego Maradona den Ehrentitel „Wand Gottes“ verpasst hat, besuchte in Buer den Kindergarten der Pfarrei St. Urbanus und bedauert, dass er als Profi nicht mehr regelmäßig zum Sonntagsgottesdienst gehen kann. Mit seiner Stiftung unterstützt er ein Projekt der katholischen Stadtkirche Gelsenkirchen gegen Kinderarmut sowie einen Jugendtreff des Amigonianer-Ordens. Sein großer Bruder Marcel studiert katholische Theologie.

Auch Ersatzkeeper Roman Weidenfeller, der im Westerwald aufwuchs, ist katholisch und nach eigenen Worten „behütet aufgewachsen“. Er engagiert sich als „Schutzengel“ für „roterkeil.net“ – ein Netzwerk gegen Kinderprostitution, das der katholische Priester Jochen Reidegeld gegründet hat – mittlerweile stellvertretender Generalvikar im Bistum Münster.

Auf himmlische Inspirationen hofft naturgemäß besonders das Mittelfeld, wo sich eine ganze Reihe von religiösen Kickern tummeln. Bastian Schweinsteiger erklärt, er gehe zwar nicht regelmäßig in die Kirche, glaube aber durchaus an Gott und schicke „ab und zu ein kleines Gebet nach oben“. Es komme im Fußball wie im Privaten darauf an, nie den Glauben zu verlieren, findet er und ist überzeugt, „dass Gott mit im Spiel meines Lebens ist“.

Dank-Ritual bei Torjubel

Mario Götze, von dem sich die Fußballnation kreative Impulse nach vorne erhofft, überraschte auf seiner Facebook-Seite mit der Aussage: „Lieber Gott, ich möchte mir eine Minute Zeit nehmen. Nicht, um Dich um irgendwas zu bitten. Sondern einfach, um Danke zu sagen für alles, was ich habe.“ Mit seinem Freund und österreichischen FC-Bayern-Kollegen David Alaba, ebenfalls überzeugter Christ, pflegt der gebürtige Allgäuer ein gemeinsames Torjubel-Ritual, bei dem beide mit ausgebreiteten Armen nach oben schauen.

Keinen Hehl aus seinem (islamischen) Glauben macht auch Mesut Özil. Vor jedem Match rezitiert er aus dem Koran und spricht auf dem Platz mit nach oben gekehrten Händen ein Gebet – eine Zeit, in der er nicht ansprechbar ist. Sami Khedira, dessen Vater aus Tunesien kommt, ist ebenfalls Moslem, gesteht aber wie sein türkischstämmiger Mitspieler, als Profi im Ramadan nicht alle Gebote einhalten zu können.

In der Offensive gehen mit Lukas Podolski, Thomas Müller und Miroslav Klose gleich drei Katholiken auf Torejagd. Müller, der aus Pähl im bayerischen „Pfaffenwinkel“ stammt, war früher Messdiener und findet, dass die kirchlichen Traditionen „für die Gesellschaft sehr wichtig“ sind.

Botschafter für „Die Arche“

Podolski und Klose verbindet neben ihrer polnischen Herkunft eine starke Frömmigkeit – beide wurden auf eigenen Wunsch von Benedikt XVI. persönlich empfangen. Beim Rücktritt des deutschen Papstes würdigte Podolski via Facebook: „Du hast uns viel gegeben. Venimus adorare eum“ (Wir kommen, um ihn anzubeten). Der in Köln aufgewachsene Arsenal-Stürmer zündete vor der WM 2006 im Dom seiner Heimatstadt eine Kerze an und betete darum, „dass Gott mich beschützt und mir Kraft gibt“. Sein Motto: Gott glaubt stets an dich, also verliere auch du nie den Glauben an dich! Er hält eine Plakette des heiligen Papstes Johannes Paul II. in Ehren und setzt sich in Warschau als Botschafter für das evangelische Kinderhilfswerk „Arche“ ein.

Und als Podolski 2009 im ersten Länderspiel nach dem Tod von Robert Enke ein Tor schoss, richtete er Zeigefinger und Blick gen Himmel: „Das war für Robert. Der hat oben zugeschaut und uns die Daumen gedrückt!“

Klose, der in Brasilien die Chance hat, die Torrekorde von Ronaldo und Gerd Müller zu übertreffen, engagierte sich in Kindertagen als Ministrant und Sternsinger in der Kuseler Pfarrei St. Ägidius. Mittlerweile ist „Miro“ sportlich bedingt in der „Ewigen Stadt“ Rom gelandet, wo er sich auch kulturell sehr wohl fühlt: „Ich bin gläubiger Katholik – wie alle in meiner Familie“, sagt der gebürtige Oberschlesier, der regelmäßig betet und sich lange Zeit nach Treffern rituell bekreuzigte: „Der Glaube an Gott hat in meinem Privatleben einen festen Platz.“

Nächstenliebe satt Egoismus

Und noch einen früheren Messdiener gibt es im Team: Joachim Löw. Der Bundestrainer war in seiner Schwarzwälder Heimat in der kirchlichen Jugend aktiv. „Ich bin katholisch – aber man kann aus jeder Religion lernen“, sagte Löw der „Bild“-Zeitung. Er bete auf „seine eigene Art und Weise“ und glaube an Gott als „höhere Weisheit und eine Form von Liebe und Uneigennützigkeit“. Das Christentum gebe ihm die Zuversicht, „dass es stärkere Kräfte im Menschen gibt als den Egoismus“ – beispielsweise die Nächstenliebe.

Sollte die Mannschaft mit dem Bundesadler am 13. Juli den langersehnten WM-Pokal in die Höhe recken können, wird sich Teammanager Oliver Bierhoff bestätigt sehen. Denn auch wenn er sich bei Höhen und Tiefen des Lebens im Glauben gleichermaßen geborgen fühle, gibt er zu: „In schönen Momenten wird einem noch bewusster, dass jemand da ist!“

Und falls es doch wieder nichts wird mit dem vierten Weltmeistertitel, können sich Spieler wie Fans zumindest ein tröstendes Beispiel an Co-Trainer Hans Flick nehmen: „Mein Glaube an Gott treibt mich an, immer am Ball zu bleiben und mein Bestes zu geben. Er schenkt mir aber auch Kraft, mit Niederlagen umzugehen.“ 
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 24/2014

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