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Mehr als nur Erinnerungsfolklore

Viele Kirchenpartnerschaften bestehen seit Jahrzehnten – aber es gibt auch Probleme

Von Nicole Kiesewetter

Immer noch gemeinsam unterwegs: Gemeindeglieder und ihre Pastoren aus Ballwitz/Mecklenburg und Gröbenzell/Oberbayern.
28.01.2018 ǀ Ballwitz.  Seit 70 Jahren gibt es die Partnerschaft zwischen Mecklenburg und Bayern. Das wird mit etlichen gemeinsamen Veranstaltungen gefeiert. Den Auftakt gab das Treffen kirchenleitender Gremien am vergangenen Wochenende in und um Rostock. Doch wie ist der Stand dieser Partnerschaft an der Gemeindebasis? Ein Zustandsbericht.

Wenn Christian Rudolph von der Partnerschaft seiner mecklenburgischen Kirchengemeinde mit der Kirchengemeinde Gröbenzell in Bayern erzählt, dann schwingt dabei auch viel Biografisches mit. Denn die einstigen deutsch-deutschen Beziehungen spielten für ihn auch privat immer eine Rolle: Rudolph, seit 1994 Pastor in Ballwitz zwischen Neubrandenburg und Neustrelitz, kommt selbst aus Bayern, sein Vater aus dem Erzgebirge.

„Ich war in meiner Kindheit oft in Freiberg bei den Großeltern“, erzählt er und erinnert sich daran, als Kind nie verstanden zu haben, „dass das zwei Deutschland sind“. „Ich habe nur gemerkt: das ist ein Thema, das die Familie beschäftigt.“ Christian Rudolphhat in Berlin Theologie studiert, „aber es war immer klar, dass ich Pastor in Bayern werde“. Als dann 1989 die Mauer fiel, „in dem Moment war mir klar, das könnte auch anders laufen“.

Zum Vikariat ging es dann zwar noch einmal nach Bayern, ins Fichtelgebirge, doch 1994 übernahm Rudolph dann die Pfarrstelle in Ballwitz. „Fügung“ sei es gewesen, sagt er, dass diese Gemeinde zwei bayerische Partnergemeinden hatte. Eine davon ist geblieben – Gröbenzell, westlich von München.

Was heute selbstverständlich scheint, war vor 33 Jahren aufregend: dass eine Kirchengemeinde aus Bayern Kontakt sucht zu einer Kirchengemeinde aus Mecklenburg. Pfarrer Gottfried Stoll aus Gröbenzell und Pastor Andreas Timm aus Ballwitz knüpften damals die ersten Kontakte. Unter den Rahmenbedingungen der deutschen Teilung war die Pflege der Partnerschaft – wie in so vielen mecklenburgischen Gemeinden – zunächst eher einseitig. Die Reise war nur von West nach Ost möglich, oft verbunden mit Hilfslieferungen. „Das große Fenster im Turm der Groß Nemerower Kirche, zerlegt in Einzelteile, passierte die Grenze“, weiß Pastor Rudolph. Arbeitseinsätze begleiteten die Besuche. „Es war das Urwüchsige, das die bayerischen Besucher faszinierte.“ Die Einreiseformalitäten nahmen sie in Kauf.

Mit der Wende änderte sich die Situation grundlegend. Nun waren auch Gegenbesuche möglich. Die materielle Hilfe trat in den Hintergrund, wichtiger wurden die gegenseitigen Anregungen. Gegenseitiges Interesse und Nachwuchssorgen Pastoren haben zwischenzeitlich längst gewechselt, die jährlichen Treffen sind geblieben. „Sie zeugen – auch fast 30 Jahre nach der friedlichen Revolution – noch immer von gegenseitigem Interesse und sind mehr als nur Erinnerungsfolklore“, sagt Rudolph.
 
Für viel Unterstützung hat auch der Gemeindeverband Jabel/Kirch Grubenhagen zu danken. Das Kirchdorf Hohen Wangelin pflegt eine Partnerschaft nach Fürth bei Nürnberg, das Kirchdorf Kirch Grubenhagen hat eine Partnergemeinde in Bad Berneck. Beide bayerischen Gemeinden unterstützten die Arbeit in Mecklenburg, sagt Pastor Karsten Schur. So hatte die Gemeinde Bad Berneck die Dacheindeckung von Kirch Lütgendorf übernommen – „sonst würde die Kirche heute nicht mehr stehen“, ist Schur überzeugt. Und die Kirchengemeinde Dambach und das Dekanat Fürth sammeln regelmäßig Geld für soziale Projekte im Umfeld der mecklenburgischen Gemeinde, beispielsweise für die Warener Tafel.

Zwar besuchen sich die Christen im Zwei-Jahres-Rhythmus gegenseitig. Doch in den vergangenen Jahren ist der Austausch schwierig geworden. „Die Gemeindeglieder sind älter, das Interesse an der Partnerschaft hat nachgelassen“, sagt Schur. „Deshalb starten wir in Zusammenarbeit mit der Gemeinde in Dambach einen neuen Ansatz.“ Rund 25 Jugendliche aus der Müritzregion und angrenzenden Gemeinden sollen sich in diesem Jahr auf Studienfahrt nach Bayern begeben. Dafür fertigen die Teilnehmer eine Ausstellung, einen Film und Kurzvorträge zum Thema „Glauben und Leben in Mecklenburg“ an. Diese sollen dann bei der Begegnung mit Jugendlichen in der Partnergemeinde gezeigt werden, so Schurs Plan. „Es ist wichtig, dass die Jugendlichen ihren Horizont erweitern – und Bayern ist doch in vielen, auch kirchlichen Bereichen, eine andere Welt.“

„Nachwuchsprobleme“ hat auch Pastor Dirk Heske aus Hohen Viecheln in Nordwestmecklenburg. „Unsere Partnerschaft ist stark geprägt durch persönliche Beziehungen“, sagt er und weiß, „die Leute werden nicht jünger.“ So gibt es dann und wann schon mal ein kleines Stöhnen, wenn wieder einmal die lange Fahrt zur Partnergemeinde nach Bamberg ansteht. „Aber es ist wie immer: Wenn wir uns sehen, ist es schön und interessant.“ Die Bamberger hätten ein großes Interesse „an unserer Erfahrung des Immer-kleiner- Werdens“, weiß Heske. „Die sagen: Wir erleben bei euch, was auf uns zukommt.“ Und dass kirchliche und weltliche Gemeinde öfter etwas gemeinsam machen – so wie beim jährlichen Adventsmarkt in Hohen Viecheln – das sei für die bayerischen Christen auch eher fremd. „Die sind eben noch genug“, sagt Heske.

Viele Dinge sind in den Kirchenpartnerschaften geblieben – es gibt immer noch intensive Kontakte, Austausch und die alljährliche Kollekte der Bayern für ihre Geschwister in Mecklenburg. Aber eines, so bestätigen alle, hat sich verändert: „Die feste Rolleneinteilung in Gäste und Gastgeber gibt es nicht mehr. Wir sind egalitärer geworden“, fasst es Christian Rudolph zusammen. Viele Kirchenpartnerschaften bestehen seit Jahrzehnten – aber es gibt auch Probleme
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 04/2018