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Das Heute nach dem Damals

Uwe Burmester besucht deutschstämmige Christen rund um Stettin

Von Christine Senkbeil

Gottesdienst für die deutsche Gruppe der evangelischen Gemeinde in der Trinitatiskirche Stettin.
11.02.2018 ǀ Greifswald/Stettin.  Die Heimat verlieren. Ein schwerer Schlag. In der Heimat bleiben, wenn alle gehen? Einige Pommern taten es Aber die deutschen Wurzeln blieben, werden spürbarer im Alter. Der Pommernkonvent begleitet dagebliebene Deutsche in den Evangelischen Gemeinden in Polen seit Jahrzehnten. Seit 2015 im Vorstand ist Uwe Burmester aus Greifswald. „Gerade jetzt brauchen sie uns doch!“, sagt er.

In den deutschsprachigen Gottesdienst schafft Lotte Nogowska aus Stettin es nicht mehr. Die deutschstämmige 90-Jährige ist bettlägerig, seit sie sich im Herbst 2016 ein Bein gebrochen hat. Früher gehörte sie zum Sedina-Chor, und noch heute singt sie gern. „Lotte hat eine sehr schöne Stimme“, sagt Uwe Burmester vom Evangelischen Konvent, der immer mal vorbei schaut und versucht, ihr ein wenig Gottesdienst ans Krankenbett zu bringen. „Als erstes müssen wir dann immer singen“, erzählt der Greifswalder mit der herzlichen Ausstrahlung.

Es sind oft schicksalsschwere Lebensgeschichten, die er hört, wenn er in Stettin und Umgebung alte Menschen besucht, die zu den verbliebenen Deutschen der Evangelischen Gemeinde in Stettin gehören. „Es sind ja nicht mehr viele“, sagt der 43-Jährige. Etwa 20 Deutsche sind noch dabei, vor allem Frauen, die 1945 nicht weggingen, die beispielsweise einen Polen geheiratet, Kinder bekommen und im heutigen Polen eben ihr Leben verbracht haben. Frauen, die sich nach all den Jahren zugehörig zur polnischen Bevölkerung fühlen – die, nun alleingeblieben, aber doch Berührungspunkte mit ihren deutschen Wurzeln suchen

Wie Lotte. In Radom südlich von Warschau in einer deutschen Familie geboren, lernte sie schon in der Schule polnisch, lebte als Deutsche unter Polen. Nach dem Zweiten Weltkrieg floh ihre Familie, landete in Stettin. Lotte lernte ihren Mann kennen, einen Polen, heiratete, sie blieben in der Stadt. „Ihr fiel es nicht so schwer, weil sie beide Sprachen konnte“, sagt Burmester. Deutsch zu sprechen, war dann im polnischen Staat verpönt. Ihrer Tochter brachte sie ihre Muttersprache gar nicht bei. Lotte arbeitete als Krankenschwester, hatte kaum Kontakt zur deutschen Sprache. Evangelisch aber blieb sie, auch wenn Mann und Kind katholisch getauft waren: „Das bin ich und bleibe ich.“

„Im Alter“, so nimmt es Uwe Burmester immer wieder wahr, „werden die deutschen Wurzeln wieder spürbarer Bei vielen kommen auch die Kriegsleiden und die schlimmen Erlebnisse nochmal hervor. Da ist es wichtig für sie, einen Bezugspunkt zum Deutschen zu haben.“ Uwe Burmester bietet so einen Bezugspunkt. Als Vorstandsmitglied des Evangelischen Konvents, aber auch, weil ihm diese Menschen ans Herz gewachsen sind. In seiner Freizeit betreut er die Deutschstämmigen rund um Stettin. Außerdem begleitet er zweimal jährlich die Johanniter, wenn sie hinfällige Gemeindeglieder in den hinterpommerschen Regionen besuchen. „Ich möchte diese Menschen auf dem Weg in einen Lebensabend in der Geborgenheit der Hand Gottes begleiten“, erzählt er in seinem Büro im Greifswalder Konsistorium. Hier beim Pommerschen Kirchenkreis arbeitet Burmester seit 2009 als Grundstückssachbearbeiter Diplomkaufmann und Handelslehrer hat der gebürtige Greifswalder studiert. Hier im Konsistorium begegnete er auch Pastor Christoph Ehricht, der schon seit Urzeiten im Pommernkonvent arbeitet und so mit vielen deutschsprachigen Evangelischen Gemeinden in Polen vertraut war.

„Unsere Älteste ist 93 Jahre alt“

Die im Wortsinne „herzlichste“ Verbindung zu Stettin aber entstand für Burmester durch die Liebe. Seine Frau ist Polin. Das Paar lebt in Stettin, im Sommer auch viel in Greifswald. Der gemeinsame Sohn, inzwischen zehn Jahre alt, spricht polnisch und deutsch und geht in Stettin zur Schule. Europa zum Anfassen. Und so ist Uwe Burmester natürlich dabei, wenn sich die deutsche Gruppe der Evangelisch-lutherischen St.-Trinitatis-Kirchengemeinde in Stettin trifft: derzeit 13 Gemeindeglieder sowie zirka zehn deutschstämmige katholische Gläubige, die sich der Gemeinde verbunden fühlen. Am ersten und dritten Sonntag im Monat hält der polnische Pastor Sikora Gottesdienst auf Deutsch, Burmester übernimmt oft Lektorendienste. Sechs oder sieben Gläubige sind es, die noch kommen können, die meisten sammelt er mit dem Auto ein. „Unsere Älteste ist 93. Da wird es kompliziert, mit dem Bus zu kommen.“ Zu denen, die es wie Lotte gar nicht mehr schaffen, fährt er wenigsten drei- oder viermal im Jahr. „Dann ist die Freude immer groß.“

Seit 2015 engagiert sich Burmester im Verein Pommernkonvent. Vor ihm auf dem Schreibtisch liegen Fotos von seinen Besuchen, aufgenommen in Wohnstuben oder Küchen, auf einer Veranda, am Krankenbett. Auch Bilder von Gemeindefeiern: „Die Adventsfeiern sind der Höhepunkt“, sagt er. Pastor Ehricht und Pastor Sikora halten Andacht, nach Kaffee und Kuchen werden christliche Lieder und Volkslieder gesungen. Doch der Alltag sieht oft anders aus. Sorgen machen Burmester die hinterpommerschen Gebiete, für die Betreuungsfahrten nur zweimal im Jahr möglich sind. „Die Situation verschlechtert sich immer mehr.“ Die medizinische Versorgung in Polen sei nicht gut. Keine Fahrdienste, kaum Rundumbetreuung. Die Renten niedrig. Dank einer Spende der Johanniter konnte er vergangenen Sommer zwei Rollatoren verteilen – die Dankbarkeit für solche Gaben ist groß.

Burmester versucht die Gemeindeglieder im Alltag zu unterstützen, etwa beim Einkauf oder der Fahrt zum Friedhof. „Es gibt ja noch ein paar Menschen dort, die unsere Hilfe benötigen: Und jetzt, wo sie so alt sind, brauchen sie uns mehr denn je!“



Der Pommernkonvent

Die „Gemeinschaft evangelischer Pommern e. V. – Pommernkonvent“ gründete sich nach 1945 zur Unterstützung der verbliebenen Deutschen in den Evangelischen Gemeinden Polens. Zahlreiche Hilfskonvois organisierte der Verein über vier Jahrzehnte. Außerdem kümmert er sich um die geistliche Betreuung der vertriebenen Pommern. „Mit der Wiedervereinigung ergaben sich neue Möglichkeiten für die etwa 100 Mitglieder“, sagt Vereinsvorsitzender Christoph Ehricht. Derzeit strebt der Verein, der seinen Amstssitz vom Sauerland nach Greifswald verlegt hat, einen Perspektivwechsel an. „Die Zusammenarbeit mit den evangelischen Gemeinden im polnischen Teil Pommerns steht jetzt im Vordergrund“, so Ehricht. Eine Polin wurde gerade in den Vereinsvorstand gewählt, außerdem engagiert sich der Verein in der deutsch-polnischen rbeitsgruppe der Ev.-luth. Kirche Augsburgischen Bekenntnisses Polens und der Nordkirche.


Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 06/2018

Gemeindetreffen 2017: Nicht nur Gläubige aus der evangelischen Gemeinde, sondern auch Katholiken kommen gern dazu. Foto: Pommernkonvent
Gebet und Gespräch am Krankenbett: Uwe Burmester besucht mit Frauen des Johanniter-Bundes die deutschstämmige Stettinerin Lotte Nogowska, die es wegen ihres kranken Beines nicht mehr in den Gottesdienst schafft. Foto: Pommernkonvent
Uwe Burmester ist stellvertretender Vorsitzender im Verein Pommernkonvent Foto: privat