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Bischof Jeremias bei zentraler Veranstaltung zur Woche der Brüderlichkeit

"Tu deinen Mund auf für die Anderen“

(v.l.) Bischof Tilman Jeremias, Dr. Hansjörg Schmutzler und Landesrabbiner Kadnykov im Gespräch
13.03.2020 ǀ Greifswald.  Die Würde eines jeden Menschen unabhängig von dessen Herkunft, Religion, Geschlecht oder Lebenswandel stellte Bischof Tilman Jeremias in den Mittelpunkt seines Vortrags im Rahmen der „Woche der Brüderlichkeit 2020“. Der Bischof im Sprengel Mecklenburg und Pommern der Nordkirche referierte bei der zentralen Landesveranstaltung in MV, die unter dem Motto stand „Tu deinen Mund auf für die Anderen“.

Veranstalter war die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Mecklenburg-Vorpommern in Kooperation mit dem Arbeitskreis Kirche und Judentum des Pommerschen Evangelischen Kirchenkreises (PEK). Seit 1952 findet jedes Jahr bundesweit im März die „Woche der Brüderlichkeit“ statt. An der Veranstaltung im Regionalzentrum kirchlicher Dienste in Greifswald nahmen auch Landesrabbiner Yuriy Kadnykov sowie der Beauftragte für jüdisches Leben in Mecklenburg-Vorpommern und gegen Antisemitismus, Dr. Hansjörg Schmutzler, teil.

Bischof Jeremias ging in seinem Vortrag aus von der biblischen Schöpfungsgeschichte im Buch Genesis als „Grundlage des christlichen wie des jüdischen Menschenbildes“. „Gemäß der Schöpfungsgeschichte sind wir das Ebenbild Gottes. Daraus erwächst jedem einzelnen Menschen eine unverlierbare Würde“, sagte Jeremias. Gleichzeitig sei der Mensch von vornherein in ein Beziehungsgeflecht eingebunden: „Er ist ein Gegenüber zu seinen Mitgeschöpfen, zur Natur und zu Gott. Kein Mensch kann ohne andere Menschen sein, wir alle sind angewiesen auf andere.“ Wie lebensfeindlich es sei, unabhängig von anderen Menschen und Gott leben zu wollen, zeigten die folgenden Geschichten der Bibel wie die vom Brudermord des Kain oder die Sintfluterzählung. Der Bischof folgerte: „Weltanschauungen, die dieses Beziehungsgeflecht in Frage stellen, indem sie Unterschiede machen aufgrund von angeblichen Rassen, von Religion oder Nationalität, attackieren das biblische Menschenbild. Antisemitismus richtet sich nicht nur gegen ein Volk, sondern ist ein fundamentaler Angriff auf die Menschenwürde, wie sie biblisch begründet ist. Deshalb müssen wir unseren Mund auftun für die Anderen.“

Landesrabbiner Yuriy Kadnykov sagte: „Es reicht nicht, übereinander zu sprechen. Wir müssen unbedingt miteinander sprechen. Dabei halte ich den Dialog zwischen den verschiedenen Religionen für unerlässlich. Angesichts wachsender antisemitischer Tendenzen ist es wichtiger denn je, dass Christen und Juden im Gespräch bleiben.“ Besonders freue es ihn, dass die Woche der Brüderlichkeit erstmals in Vorpommern begangen werde: „Rassismus und Antisemitismus betreffen das ganze Land, Mecklenburg und Vorpommern. Deshalb müssen wir trotz regionaler Unterschiede bei diesem wichtigen Thema gemeinsam agieren.“

Maria Schümann, seit 2014 Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in MV, sagte zu dem Motto der Veranstaltung, gleichzeitig das Jahresthema der Gesellschaft: „Sich dem Unrecht entgegenzustellen, damit Gerechtigkeit erfahrbar wird, dazu wollen wir ausdrücklich ermutigen. Nicht jeder ist zum Held geboren oder geht auf die Straße und demonstriert. Aber jede und jeder ist gefordert, sich nicht weg zu ducken, wenn die Nachbarin oder der Arbeitskollege bedrängt werden. Wenn antisemitische oder rassistische Sprüche fallen, müssen wir den Mund aufmachen.“

Dass die Veranstaltung zur Woche der Brüderlichkeit in Vorpommern stattfinden konnte, hat Dr. Christoph Ehricht möglich gemacht, Vorsitzender des bereits seit 1978 bestehenden Arbeitskreises Kirche und Judentum des PEK. Er wies darauf hin, dass die bisherige Erinnerungskultur an ihre Grenzen stoße: „Wie kann es weitergehen, wenn es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird? Zugleich sehen wir, dass der Ungeist des Antisemitismus mehr und mehr die Mitte der Gesellschaft erreicht, nicht nur in Deutschland. Die Ritualisierung des Gedenkens mit Blick auf die Opfer kommt an ihre Grenzen. Wir sollten den Blick nach vorn richten und den wichtigen Beitrag jüdischer Kultur und jüdischer Ethik für die großen Fragen unserer Zeit wie die Ausbeutung der Natur, Organspende oder Sterbehilfe in den Vordergrund rücken.“
Quelle: Bischofskanzlei Greifswald (ak)

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