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Mein Gott, mein Gott, warum… ?
Was trägt uns, wenn Menschen wie die kleine Katharina auf Rügen sterben? Wie findet unsere Trauer Halt?
Von Sybille Marx
Von drei Seiten ertönen Verse aus Psalm 22, wie Schreie, die die Aula füllen: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Schüler der Greifswalder Martinsschule und ihr Klassenlehrer haben diese Verse ausgewählt, als Einstiegsworte für ihre Trauerandacht am vergangenen Freitag: Lea, eine Achtklässlerin der evangelischen Schule, ist Mitte Januar bei einem Autounfall auf dem Weg nach Berlin gestorben, als 14-Jährige aus dem Leben geschleudert worden. Eine Freundin, die mit ihr ihm Wagen saß, liegt noch schwer verletzt im Krankenhaus.
Der Greifswalder Pfarrer und Notfallbegleiter Rainer Laudan ist nicht der einzige, dem es so vorkommt, als häuften sich in Mecklenburg-Vorpommern in diesem Winter die Unglücke. „Ich habe das noch nie so erlebt“, sagt Laudan, der ein Team von Notfallbegleitern der Johanniter-Unfallhilfe leitet. Am 26. Dezember wurde die zehnjährige Katharina am Kap Arkona auf Rügen von herunterstürzender Kreide in die Ostsee gedrückt. Laudan begleitete die Mutter im Greifswalder Klinikum. Am 13. Januar starb Lea. Laudan suchte zusammen mit dem Klassenlehrer Thomas Bindemann und den Mitschülern nach Ausdrucksformen für ihre Gefühle. Am 14. Januar wurde nahe Putbus ein sechsjähriger Junge von einem Radlader erdrückt. Und die Zeitungen sind voll von weiteren Unglücken. Selbst Laudan, der gelernt hat, bei solchen Schockerlebnissen Ruhe zu bewahren, hatte das Gefühl: „Es reicht jetzt, es ist nicht mehr zu ertragen…“.
Aber sind solche Ereignisse überhaupt zu ertragen? Und wie kann die Kirche, von der so oft gesagt wird, dass sie Antworten auf existentielle Fragen habe, Trost bieten? Christian Ohm, der wie Laudan ausgebildeter Notfallbegleiter ist, hat als Pfarrer der Kirchengemeinde Altenkirchen am Kap Arkona die Trauerandacht für Katharina gehalten. Der Posaunenchor der Gemeinde spielte, der Chor sang, rund 250 Besucher beteten mit Katharinas Vater. Vielleicht, sagt Ohm, war diese Anteilnahme ein winziger Trost – genauso wie die aufopferungsvolle Suche nach der Verschütteten vorher.
Doch schnelle Antworten kann der Pfarrer nicht bieten, erst recht nicht für Christen. „Wenn jemand die Gottesfrage stellt, werden die existentiellen Fragen noch abgründiger“, sagt Christian Ohm. Wer die Welt ohne Gott denke, nenne den Tod eines Kindes vielleicht Schicksal. Für Christen dagegen steht hinter allem ein Gesicht – eines, das plötzlich fremd und dunkel wird.
„Der Tod eines jungen Menschen ist das aggressivste, was wir erleben“, sagt Pfarrer Rainer Laudan. Vor allem das Gottesbild der engsten Angehörigen werde dadurch erschüttert. „Es führt weg vom lieben Gott – vielleicht hin zu einem Gott, von dem wir sagen: Er ist zwar immer da. Aber er mutet uns eine Welt zu, die von Brüchen durchzogen ist.“ In den Psalmen der Bibel, sagen Ohm und Laudan, haben Menschen genau diesen Schmerz und diesen Widerspruch in Worte gefasst. Ihre Klage mitzusprechen, kann den eigenen Gefühlen ein Gewand geben.
In der Martinsschule hatten die Schüler ihre Trauerandacht für Lea mit Psalm 22 begonnen, aber am Ende auch Psalm 23 gebetet – jenes biblische Lied, in dem Gott als der gute Hirte besungen wird. „Das ist genau die Spannung, in der wir leben“, sagt Rainer Laudan. Hier das Empfinden, dass Gott uns allein lässt. Dort das Vertrauen, dass er für uns sorgt. Christian Ohm hatte für seine Traueransprache das paulinische Bild aus dem 1. Korintherbrief gewählt: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild.“ Manchmal, sagt Ohm, wenn die Fragen übermächtig werden, tröstet ihn der Gedanke, dass nicht nur wir Menschen eines Tages vor Gott stehen. „Auch Gott“, sagt Ohm, „wird uns am Ende einiges beantworten müssen.“
(30.01.2012) Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 4/2012, S. 1

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