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Gespräch über sein neues Leben, die Kirche und Rechtspopulismus

Thomas de Maizière: "Die AfD findet zu viel Beachtung“

Thomas de Maizière wünscht sich mehr Beteiligung der Kirchen an einer theologischen Debatte über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum Islam.
27.01.2019 ǀ Berlin.  Der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) ist am vergangenen Montag 65 Jahre alt geworden. Vor einem Jahr schied er aus der Bundesregierung aus. Sein politischer Werdegang ab 1990 führte ihn zunächst nach Mecklenburg-Vorpommern, wo er bis 1994 Staatssekretär im Bildungsministerium sowie von 1994 bis 1998 Leiter der Staatskanzlei war. Im Gespräch mit Corinna Buschow berichtet er, wofür er sich jetzt einsetzt und was er als engagierter Christ bei den Kirchen vermisst.

Herr de Maizière, vor knapp einem Jahr sind Sie aus der Bundesregierung ausgeschieden. Wie geht es Ihnen heute?

Thomas de Maizière: Sehr gut. Im Nachhinein war das vielleicht eine unbeabsichtigte, aber positive Fügung. 28 Jahre als Staatssekretär und Minister in Land und Bund sind sicher auch genug.
 
Fehlt Ihnen der Regierungsbetrieb?

 Nicht mehr. Ich gebe zu, der Ablösungsprozess hat eine Zeit gedauert. Das gilt aber sicher auch für viele andere, die eine Aufgabe lange und gern ausgeübt haben. Wer etwas mit Begeisterung und Freude tut, wird immer Abschiedsschmerz haben. Am Ende war es ein schöner Prozess der Selbstreflexion: Was ist wirklich wichtig, wer meldet sich noch, wie nutzt man seine Zeit? Das war ein lehrreiches Jahr.

 Was war besonders lehrreich?

 Es mag eigenartig klingen, aber ich habe wieder gelernt, meinen Alltag selbst zu organisieren. Einem Minister wird ja vieles abgenommen: Termine werden von Mitarbeitern geplant, man wird überall hingefahren, muss keinen Parkplatz suchen, kein Flugzeug buchen, nirgendwo Schlange stehen. Aber so bequem das ist, es ist auch eine Rundumbetreuung, die manchmal einengt. Interessant ist es auch, wie erstaunt Menschen sind, wenn sie einen ehemaligen Minister in der Straßenbahn sehen.

Worauf konzentrieren Sie sich jetzt?

Ich bin Mitglied im Finanzausschuss des Bundestags und dort Berichterstatter unter anderem für die steuerliche Forschungsförderung, die Finanztransaktionssteuer und den Zoll. Hinzu kommen viele Termine und Aufgaben in meinem Wahlkreis. Daneben bin ich Vorstandsvorsitzender der Telekom-Stiftung, die sich um die Förderung der mathematisch- naturwissenschaftlichtechnischen Bildung kümmert. Ich bin im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages, im Kuratorium der „Zeit“-Stiftung, Vorsitzender der Ethikkommission des Deutschen Olympischen Sportbundes und Ehrenprofessor an der Juristenfakultät der Universität Leipzig. Außerdem habe ich ein Buch zur Regierungspraxis in Deutschland geschrieben, das im Februar im Herder Verlag erscheint. Ich habe gut zu tun, aber nicht mehr mit dem Stress von vorher.

Wie nehmen Sie die AfD im Bundestag wahr?

Die AfD findet nach meiner Auffassung zu viel Beachtung. Ein Großteil der Reden ist sachlich schlecht. Bei zehn Sätzen enthalten einige wenige eine gezielte und vorbereitete Provokation, meistens knapp unterhalb der Schwelle einer Beleidigung oder Straftat. Darauf folgt dann eine Empörungsspirale von den anderen Parteien. Die Provokation findet so Beachtung und damit auch die AfD. Eine Beachtung, die sie – jedenfalls gemessen an ihrer inhaltlichen Substanz – überhaupt nicht verdient.

Sie sind Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentags, der beschlossen hat, AfD-Vertreter nicht auf Podien zuzulassen. Ein richtiger Beschluss?

Zum jetzigen Beschluss stehe ich, denn er hat drei Teile: Selbstverständlich werden bei allen Veranstaltungen wie Empfängen oder Gottesdiensten, zu denen Abgeordnete, Stadträte und andere eingeladen werden, auch die von der AfD eingeladen. Zudem wollen wir uns besonders an die Sympathisanten und Wähler wenden und auf dem Kirchentag mit ihnen diskutieren. Wir wollen dort aber nicht den Funktionären Raum geben. Wir wollen direkt mit den Menschen reden. Der Kirchentag lädt deshalb anders als der Katholikentag nie Repräsentanten der Parteien zu einem Thema ein. Wir laden Menschen ein, von denen wir glauben, dass sie inhaltlich etwas beizutragen haben. Und wir wollen auch mit den Christen diskutieren, die AfD wählen.

Kann man als Christ AfD wählen?

Von dieser Diskussion halte ich nicht viel, denn es gibt Christen in allen Parteien. Es geht nicht darum, über das Christsein derer zu diskutieren, die AfD wählen. Wir sollten alle und auch Christen davon überzeugen, nicht AfD zu wählen.

Hilft die Auseinandersetzung der evangelischen Kirche mit Rechtspopulismus der gesellschaftlichen Debatte? Spielt sie eine Rolle?

Meines Erachtens zu wenig. In der evangelischen Kirche gibt es zu viele, die den einfacheren Weg gehen, indem sie sich moralisch über die AfD empören. Das ist oft richtig mit Blick auf die deutsche Erinnerungskultur oder das Vokabular gegenüber Flüchtlingen. Aber es weicht Sachdebatten aus. Eine frühe moralische Position ist unangreifbar und richtig – aber auch einfach und folgenlos. Ein Beispiel ist das Thema Abschiebung. Es gibt in der evangelischen Kirche natürlich ab und zu mal den Satz, sicher müsse man auch Abschiebungen vornehmen. Um konkrete Fragen, wie die Abschiebung eines schweren Vergewaltigers nach Afghanistan zu bewerten ist, drückt sich die Kirche dann aber oft. Das ist mir zu wenig.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 04/2019

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