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"Kultureller Kolonialismus"

bpb-Präsident Krüger kritisiert West-Dominanz in Führungspositionen

Thomas Krüger
02.11.2017 ǀ Berlin.  Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, hat die Dominanz der Westdeutschen in den Eliten kritisiert. "Auch wenn es auf den ersten Blick mit Angela Merkel (CDU) als Kanzlerin und dem ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck anders aussieht: In der Fläche wird die Dominanz der Westdeutschen in den Eliten immer noch als kultureller Kolonialismus erlebt. Und das ist ein Problem", sagte Krüger der "Berliner Zeitung". Denn "der Anteil der Ostdeutschen und ihre Identität werden dabei häufig überlagert".

Aus eigener Erfahrung berichtete Krüger: "Als ich im Jahr 2000 in den Job nach Bonn gewechselt bin, habe ich die Anzahl der Ostdeutschen verdoppelt. Aus einem Ostdeutschen wurden zwei - von 200 Mitarbeitern insgesamt." Das sei für beide Seiten gewöhnungsbedürftig gewesen. "Es prallen einfach unterschiedliche Erfahrungen und kulturelle Praktiken aufeinander. Man muss viel reden", sagte der Chef der Bundeszentrale für politische Bildung.

Ostdeutsche in Funktionseliten unterrepräsentiert

Elitenforscher hatten zuletzt wiederholt nachgewiesen, dass Ostdeutsche sowohl in gesamtdeutschen als auch in ostdeutschen Funktionseliten unterrepräsentiert sind. Demnach stellen sie etwa in den neuen Ländern nur rund 13 Prozent der Richter.

Vor diesem Hintergrund sprach sich der Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche in Dresden und langjährige Präsident der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Frank Richter, in der "Berliner Zeitung" für eine Quote für Ostdeutsche aus: "Warum sollte es etwa im öffentlichen Dienst nicht eine gewisse Quotierung von Menschen mit ostdeutscher Herkunft ähnlich wie bei der Frauenquote geben, gerade in ostdeutschen, aber auch in gesamtdeutschen Zusammenhängen?", so Richter. Für Eliten sei "nicht nur Fachkenntnis, sondern auch Kontextwissen" über die jeweilige Region wichtig. "Das kann im Osten nur von Ostdeutschen geliefert werden", betonte Richter.

"Qualifikation nicht durch Herkunft ersetzen"

Der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) betonte dagegen: "Es gibt keine Revolution ohne Elitenwechsel." Er fügte jedoch hinzu: "Bei gleicher Qualifikation sollte man darauf achten, dass Ostdeutsche eine faire Chance erhalten." Zugleich setze der Sozialdemokrat "weiter darauf, dass vor allem in den großen ostdeutschen Städten langsam eine neue Mischung entsteht, so dass die Frage, woher einer kommt, an Bedeutung verliert".

Auch der Theologe Richard Schröder betonte: "Man kann Qualifikation nicht durch Herkunft ersetzen." Zudem gebe es praktische Hindernisse: "Wer ist jemand, der in Ostdeutschland geboren wurde und in Westdeutschland studiert hat?" Zudem entstünden bei der Debatte um die mangelnde Präsenz von Ostdeutschen "falsche Bilder". Es werde suggeriert, "Ost- und Westdeutsche seien verschiedene Ethnien".
Quelle: epd