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Wege protestantischer Kirchraumgestaltung

Gotik-Renaissance-Barock – Epochen im Umbruch und Übergang

Ein großer Teil der Kirchengebäude im heutigen Mecklenburg-Vorpommern ist durch den Feld- und Backsteinbau des hohen und späten Mittelalters sowie durch die Umgestaltungen und Neubauten des 19. Jahrhunderts geprägt. Die künstlerische Vielfalt, die das 16. bis 18. Jahrhundert mit sich brachte, macht häufig erst ein genauerer Blick ins Innere der Kirchen deutlich.

Die Reformation traf im 16. Jahrhundert in den Herzogtümern Mecklenburg und Pommern auf eine prosperierende Sakralbaulandschaft. Neben den Dorf- und Stadtpfarrkirchen gab es Bettelorden- und Feldklöster, Spitalkirchen sowie Wege-, Pilger- und Sühnekapellen. Die Ausstattung war durch eine Vielzahl von Altären geprägt, vor denen regelmäßig für das Seelenheil bestimmter Gesellschaftsgruppen wie auch Einzelstifter Messen gelesen wurden. Hiervon kann man besonders in der Stralsunder Nikolaikirche noch einen Eindruck gewinnen.

Durch den lutherischen Gedanken der Rechtfertigungslehre, wonach allein der Glaube an die göttliche Gnade das Seelenheil ermöglicht, erübrigte sich die Vermittlungsfunktion der verschiedenen Heiligen. Indem die Landesherren, dem „Augsburger Bekenntnis“ von 1548 folgend, zu eigenständigen Bischöfen in ihren Territorien aufstiegen, ging auch der umfangreiche Besitz der Klöster und Stifte auf sie über. Dabei behielten die Kirchen teilweise ihre Funktion als gedächtnisstiftende herrschaftliche Grablegen bei (Bad Doberan), oder wurden zu Damenstiften umgewandelt (Rühn). Ebenso entwickelten sich u. a. Residenzen mit großen Wirtschaftshöfen, wie das einstige Zisterzienserkloster Neuenkamp, das im heutigen Franzburg aufgegangen ist.

Die ersten reformatorischen Neubauten waren Ausdruck von herrschaftlicher Repräsentanz und konfessionellem Bekenntnis. Die Schlosskirchen in Schwerin (1560-1563) und Stettin (1575-1577) folgen dem Vorbild der von Luther 1544 geweihten Kirche im Schloss Hartenfels in Torgau. Der Landadel wollte dem nicht nachstehen und stiftete mitunter komplette Kirchenneubauten (u. a. Bristow und Deyelsdorf).

In der Regel sind jedoch die bereits vorhandenen mittelalterlichen Kirchen lediglich für den lutherischen Gottesdienst umgestaltet worden. Dabei kam es nicht, wie in den calvinistisch-reformierten Ländern zu einem „Bildersturm“, sondern viele Ausstattungsstücke behielt man bei und integrierte sie in die neuen theologischen Aussagen.

Die Stiftung neuer Kanzeln und Altaraufbauten trat vor allem ab dem letzten Drittel des 16. Jahrhunderts in Erscheinung. Stilistisch war hier nicht mehr – wie in der Frühzeit der Reformation – die Künstlerwerkstatt Lukas Cranachs prägend, sondern vor allem niederländische Künstler und Handwerker. Gerade um und nach 1600 war diese „nordische Renaissance“ Ausdruck einer kulturellen Blüte, die den gesamten Ostseeraum erfasste.

Mit dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) kam es zu einem tiefgreifenden Einschnitt, der die Verwüstung vieler Kirchengebäude zur Folge hatte. Oft wurden erst jetzt die mittelalterlichen Ausstattungstücke durch aufwendige Altaraufbauten, (Orgel-)Emporen und Patronatsgestühle ersetzt. Als Besonderheit kann hier der Kanzelaltar gelten, der die Wortverkündigung in direkte Verbindung zur Abendmahlsfeier stellt. Dieser war auch noch in den klassizistischen Formen um 1800 präsent, gegen deren „Nüchternheit“ sich die Romantik mit ihrem Rückblick auf das Mittelalter wandte. In den neogotischen Bauten des 19. Jahrhunderts war die getrennte Herausstellung von Altar und Kanzel ein bewusster Ausdruck lutherischen Bekenntnisses (Schweriner Paulskirche).

Die aus dieser Zeit stammende Aufwertung und teilweise Neugestaltung spezieller Erinnerungsorte der Reformation hat unser heutiges Bild (nicht nur) des protestantischen Kirchenraumes entscheidend geprägt (Sternberg).

Die im Folgenden aufgeführten Beispiele sollen dazu beitragen, die künstlerische Vielfalt der ersten Jahrhunderte nach der Reformation wieder- bzw. neu zu entdecken.

Dr. Arvid Hansmann