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Chef des Robert-Koch-Instituts Lothar Wieler appelliert an die persönliche Verantwortung

"Tests sind keine Freibriefe"

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, bei einem der Pressebriefings zur Entwicklung der Pandemie in Berlin.
01.11.2020 ǀ Berlin.  Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, sieht die Verantwortung für den steilen Anstieg der Infektionszahlen vor allem im persönlichen Verhalten. Wieler äußerte sich im Gespräch mit Christoph Scholz von der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) auch zu seinen schwersten Entscheidungen und seinem persönlichen Glauben.

Herr Professor Wieler, haben Sie Angst vor dem Virus?

Lothar Wieler: Ich habe Respekt. Das Virus kann zu schweren Krankheitsverläufen führen. Auch in meiner Altersgruppe um die 60 liegt die Sterblichkeitsrate um ein Vielfaches höher als beim saisonalen Grippevirus. Ich möchte eine Ansteckung unter allen Umständen vermeiden.

Was ist das Besondere an diesem Virus?

Das sind Eigenschaften, die wir bislang nicht kannten. Es führt nicht nur zu Lungenentzündungen, sondern kann prinzipiell jedes Organ im Körper befallen. Die Ärztinnen und Ärzte sehen Nieren- und Leberversagen, Hirnhaut- oder Herzmuskelentzündungen. Hinzu kommen Spätschäden, die noch untersucht werden. Die Verbreitung ist besonders heimtückisch: Man ist oft schon ein bis zwei Tage ansteckend, bevor sich Symptome einstellen. Das macht die Bekämpfung nicht leichter.

Wie stehen die Chancen für eine Impfung? Für Aids gibt es bis heute keine.

Im Vergleich zum HI-Virus, das das Immunsystem befällt und sich ständig verändert, ist Sars-CoV-2 eher konservativ. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit, einen Impfstoff zu finden, deutlich höher. Die Frage ist eher, was kann die Impfung bewirken – reduziert sie die Viruslast oder verhindert sie Erkrankung? Hinzu kommt die Frage der möglichen Nebenwirkungen. Das sollte man bei allem berechtigten Optimismus im Kopf behalten.

Können wir im kommenden Jahr wieder mit einem normalen Leben ohne AHA-Regeln rechnen?

Selbst wenn es eine Impfung gibt, werden wir noch länger auf die AHA+L-Regeln – Abstand halten, Hygieneregeln beachten, Alltagsmasken tragen und Lüften – achten müssen. Wir wissen noch nicht, wie gut ein Impfstoff wirken könnte. Und bis die gesamte Bevölkerung geimpft ist, kann es dauern.

Derzeit steigen die Zahlen wieder steil an. Ist das Virus aggressiver geworden?

Wie jedes Virus verändert sich auch Sars-CoV-2. Wir überwachen die Entwicklung erstmals weltweit mit aktuellen Daten. Es gibt Hinweise für eine leichtere Übertragung. Wir hatten im April einen höheren Altersdurchschnitt von 52 Jahren. Jetzt sind es jüngere Altersgruppen, die sich und dann andere anstecken. Bei Älteren ist das Risikobewusstsein weiter sehr hoch, bei Jüngeren lässt es leider nach.

Wir gehen auf Weihnachten zu. Wie kann ich meine Eltern und Verwandten besuchen, ohne sie zu gefährden?


Am sichersten ist es, im Vorhinein Kontakte so stark wie möglich einzuschränken und dadurch das Risiko einer eigenen unbemerkten Infektion zu minimieren. Das ist aber nicht für alle machbar. Deshalb gilt besondere Umsicht und das Vermeiden von Risikobegegnungen – und auch bei leichten Symptomen zu testen. Allerdings ist ein Test immer nur eine Momentaufnahme. Tests sind kein Freibrief. Die Menschen können trotzdem infiziert sein, ohne dass es bereits nachweisbar ist, oder sie können sich schon kurz nach dem Test anstecken. Also: Test ja, aber unbedingt weiterhin die AHA+L-Regeln beachten! Das gehört zu den einfachen, effektiven Maßnahmen: Gedränge vermeiden, gezielt einkaufen und im Zweifel eine Maske tragen. Im Einzelhandel sind uns allerdings bislang kaum Ausbruchsgeschehen bekannt.

Für Christen gehört der Gottesdienstbesuch zu Weihnachten. Ist er wieder in Gefahr, wenn die Zahlen weiter steigen?


Es gibt mittlerweile sehr gute Gottesdienstkonzepte. Wir haben in den vergangenen Monaten weniger Ausbrüche in Kirchen gesehen. Werden die Hygienekonzepte eingehalten, kann man meines Erachtens relativ sorglos zum Gottesdienst kommen. Dagegen sind Gedränge und Gesang oder Blasinstrumente leider ein optimaler Verbreitungsweg für das Virus.

Gibt es ein Ansteckungsmuster für bestimmte Religionsgruppen, Gottesdienste oder religiöse Feiern wie Hochzeiten?

Es ist trivialer und unabhängig von Religionsgemeinschaften: Wo sich viele Menschen ohne Abstand in geschlossenen Räumen begegnen, besteht hohe Ansteckungsgefahr.

Gehen Sie selbst zur Messe?

Ja, weiterhin in meine Gemeinde bei den Dominikanern. Sie haben ein gutes Hygienekonzept.

Welche Rolle spielt der Glaube für Sie persönlich?

Gottvertrauen ist für mich ein Fundament, eine Basis, die mir gerade jetzt die Arbeit erleichtert.

Was waren für Sie die schwersten Entscheidungen?

Ich habe selbst eine Familie und ich weiß natürlich, dass die Schließung von Kitas, Schulen oder Pflegeheimen Kinder, Eltern und gerade Pflegebedürftige hart trifft und leidvolle Konsequenzen hat. Aber ich stehe zu meiner Verantwortung für den Schutz der Bevölkerung, gerade den Schutz der Schwächsten. Persönlich geht einem das durchaus nahe.

Sind die Kirchen systemrelevant?

Ganz persönlich sage ich Ja. Wann, wenn nicht jetzt ist die Zeit der kirchlichen Seelsorge, wo die Medizin an ihre Grenzen stößt und die Menschen nach Trost, Hoffnung und Zuwendung suchen.

Die öffentliche Diskussion ist mitunter rüde und aggressiv. Wie kommt dies im Robert-Koch-Institut (RKI) an?


Die meisten Rückmeldungen sind positiv. Wir erhalten Dankschreiben, Briefe von Enkeln und ihren Großeltern, kleine Geschenke... das freut und ermutigt uns. Aber leider gehört die lautstarke Minderheit ebenso zum Alltag, von schweren Beleidigungen bis zu Bedrohungen. Für die Mitarbeiterinnen der Pressestelle ist das psychisch eine große Herausforderung. Sie müssen am Telefon, in E-Mails oder den Sozialen Medien damit umgehen. Ich habe große Achtung vor ihnen.

Wie bewerten Sie die gesellschaftliche Debatte um die Frage, welche Lebensrisiken eine Gesellschaft als akzeptabel einzustufen gewillt ist und welche nicht?


Beim RKI orientieren wir uns streng an der Wissenschaft. Als normaler Bürger würde ich mir aber schon wünschen, dass etwa über die gesundheitlichen, wirtschaftlichen oder psychosozialen Folgen und Lasten, die die Gesellschaft bereit ist zu tragen, intensiver diskutiert wird.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 44/2020

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