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Symposium: Die Kirche zukunftsfähig aufstellen

 

Greifswald (mg). „Gemeindepflanzung – Ein Modell für die Zukunft der Kirche?“ Unter dieser Fragestellung fand vom 6.-8. Oktober ein internationales Symposium im Berufsbildungswerk Greifswald statt. Veranstaltet wurde das Symposium vom Institut für die Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung der Universität Greifswald. Mit über 40 Teilnehmern gab es ein reges Interesse an diesem Thema.

 

Den Eröffnungsvortrag hielt Prof. Dr. Michael Trowitzsch (Jena). Der Systematiker referierte über eine Ekklesiologie (Lehre von der Kirche) in missionarischer Perspektive. Er sprach angesichts schwieriger Verhältnisse der Gemeinde „Trotz und Trost“ zu: Christus gibt der christlichen Gemeinde in ihrem Dienst die nötige Kraft und Ausdauer.

 

Am nächsten Vormittag berichtete Rev. Dr. Steven Croft aus Oxford über die Veränderungen in der anglikanischen Kirche. Auch in England haben bestimmte gesellschaftliche Gruppen und Milieus keinerlei Bezug mehr zur Kirche. Vielen Menschen sind die religiöse Sprache und die Ausdrucksformen traditionellen kirchlichen Lebens fremd geworden. Darum hat die anglikanische Kirche es sich zur Aufgabe gemacht, neue Formen von Gemeinde hervorzubringen. Auf diese Weise sollen Menschen angesprochen werden, die nur wenig oder keinen Kontakt zur Kirche haben. Das traditionell bewährte Programm soll dabei keineswegs aufgegeben werden, doch sollen neue gleichberechtigte Formen von Gemeinde hinzutreten.

 

Im Anschluss an diesen Vortrag aus England kehrte die Tagung wieder nach Deutschland zurück. Doch die ökumenische Weite blieb erhalten. Dr. Eberhard Tiefensee, Prof. für Philosophie an der kath. Fakultät in Erfurt, sprach über die Chancen und Grenzen für Mission in Ostdeutschland. Beide großen Kirchen stehen dort vor denselben Herausforderungen einer Gesellschaft, die schon in zweiter und dritter Generation mehrheitlich entkirchlicht ist. Viele dieser Menschen haben eine religiöse Sprache nie kennen gelernt; sie sind areligiös. Die Frage nach Gott oder dem Sinn des Lebens stellt sich für sie häufig überhaupt nicht mehr. Bemerkenswert ist dabei allerdings, dass viele dieser Menschen dies nicht als Defizit erleben. Prof. Dr. Tiefensee machte darin Chancen für Mission in Ostdeutschland aus. Areligiöse Menschen haben eine vorsichtige Neugier, weil sie keine negativen Erfahrungen im Umgang mit Kirche haben. Die Kirche muss dabei die Lebensräume und Milieus areligiöser Menschen wie ein neues Land betreten. Zudem fragen areligiöse Menschen nach der Kernkompetenz der Christen, nach ihrer persönlichen Glaubenserfahrung. Im offenen Dialog liegt seiner Ansicht nach die Chance zur Mission.

 

Am Nachmittag ging es um konkrete Gemeindepflanzungen in Deutschland. Pfarrer Volker Roschke (Berlin) von der Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste in Deutschland (AMD) berichtete von ersten Erfahrungen in Deutschland. Er plädierte dafür, die Fixierung auf parochiales und pfarrerzentriertes Denken in der Kirche aufzubrechen und die Mitarbeit der Ehrenamtlichen zu fördern. Dort, wo neue Gemeinden gepflanzt werden, geht dies nur aufgrund von ehrenamtlichen Teams, die sich einem solchen Projekt verschrieben haben. Die anschließende Diskussion brachte hervor, dass auch diese Teams professionelle Unterstützung brauchen. Der Soziologe Prof. Dr. Detlef Pollack aus Frankfurt/Oder kommentierte dies kritisch. Die Krise der Kirche darf auch seiner Auffassung nach nicht übersehen werden. Der Abwärtstrend wird sich kaum aufhalten lassen, auch durch Gemeindepflanzungen nicht. Weiterhin wies er auf verschiedene Dilemmata kirchlichen Handelns hin. Je mehr die Kirche sich auf die Kernkompetenz der Verkündigung zurückzieht, desto mehr verliert sie auch die Kontaktmöglichkeiten zur Gesellschaft durch Diakonie und Bildungsangebote. Auch in der Förderung ehrenamtlichen Engagements sieht er für Deutschland keine Lösung. Da in unserem Land eine Kultur der Ehrenamtlichkeit fehlt, ist es häufig ein Problem, ehrenamtliche Mitarbeiter zu finden und einzubeziehen. Hauptamtliche sind also unerlässlich. So muss immer eine Balance gefunden werden.

 

Schließlich stellten sich noch zwei Projekte von Gemeindepflanzung (aus Berlin und Blankenburg im Harz) vor. Dabei wurde deutlich, wie arbeitsintensiv ein solches Projekt ist, aber auch, dass es möglich ist, kleine Anfänge zu wagen und Schritte nach vorne zu gehen.

 

Am Samstagvormittag trug Dr. Johannes Zimmermann (Greifswald), der Geschäftsführer des gastgebenden Institutes, Gedanken über die Chancen und Grenzen der Parochie vor. Dennoch sah auch er neue Formen von Gemeinde für nötig an.

 

Den Schlussvortrag hielt Prof. Dr. Michael Herbst. Er gab ein Plädoyer für „fresh expressions of church“. Damit schloss er an Rev. Dr. Steven Croft an. Die Kirche muss dringend neue Ausdrucksformen von Gemeinde finden. Um solch neue Ausdrucksformen von Gemeinde zu ermöglichen, forderte Prof. Dr. Herbst den Abschied von der Monostruktur einer parochial verfassten und pfarrerzentrierten Kirche. Eine Vielfalt von Gemeindeformen ist für eine zukunftsfähige Kirche dringend nötig. Begabte Christenmenschen werden diese Vielfalt ermöglichen. Die Mission steht hier im Vordergrund. Die Strukturfragen sind dabei zweitrangig.

 

Das Symposium hat deutlich gemacht, welchen Herausforderungen sich Kirche zu stellen hat. Die Strukturdiskussion allein bringt die Kirche nicht weiter. Vielmehr muss sie deregulieren und neuen Ausdrucksformen Raum geben. Diese neuen Formen von Gemeinde werden aber nicht aus Strukturdebatten entstehen, sondern aus der Arbeit von Christen, die sich an einzelnen Orten und Projekten der Herausforderung stellen, über die Kerngemeinde hinauszudenken. Dabei wird es keine festen Konzepte geben, sondern immer nur das Eingehen auf eine konkrete Situation. Das Hören auf die Bedürfnisse der Menschen und auf das Anliegen Gottes wird den richtigen Weg zeigen. Eine wichtige Frage wird weiterhin sein, wie man die richtigen Leute für solche Projekte gewinnen kann. Ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter sind hier wohl gemeinsam gefordert, neue Wege zu betreten.

 

Michael Giebel

 

(20.10.2005)

 


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