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Matthias Grimm soll Familienstätte Zingsthof verlassen

"So ein Leiter ist selten!“

Von Sybille Marx

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25.08.2019 ǀ Zingst. Ende September soll Matthias Grimm, 58, die Leitung des Zingsthofes abgeben – so hat es die Berliner Stadtmission als Träger beschlossen. Viele Urlauber bedauern das zutiefst. Auch Grimm ist traurig.

Mucksmäuschenstill ist es unter den Zuhörern, als Matthias Grimm in der lichtdurchfluteten Kapelle des Zingsthofes zum Ende seiner Andacht kommt. „Vielleicht nutzen Sie Ihren Urlaub ja auch, um Gott zu erklären: Hier bin ich; wenn du mir etwas zu sagen hast, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt“, sagt er. Die Kapelle sei jedenfalls immer betretbar. „Schlimmstenfalls hält gerade eine Gruppe hier ihre Andacht, dann setzen Sie sich einfach dazu oder kommen später wieder.“ In sächselndem Akzent sagt er das, mit all diesen Worten, die tief aus seiner Kehle zu kommen scheinen. Sein grauer Haarschopf wirkt verwuschelt, das karierte Hemd hängt locker über den Hosenbund. Man merkt es schnell in der Begegnung: Auf Äußerlichkeiten legt Grimm wenig Wert, auf Bürokratie schon gar nicht. Wohl aber auf die direkte Begegnung zwischen Gott und Mensch – und Mensch und Mensch.

Eben das ist es, was viele Urlauber an ihm schätzen. Und weswegen viele jetzt protestieren. Ende September soll Grimm die Leitung des Zingsthofes abgeben. In dieser Ferienanlage, die nur ein paar Schritte vom Ostseestrand entfernt liegt, schwor Dietrich Bonhoeffer einst die Nachwuchspastoren der Bekennenden Kirche auf eine radikale Nachfolge Jesu ein. Seit 2005 ist sie als Familienstätte in Trägerschaft der Berliner Stadtmission: Kirchliche Gruppen können sich mit bis zu 41 Personen im Fachwerkhaus einquartieren. Ein paar Zweierzimmer gibt es auch. Und in 20 einfachen Ferienhäusern, die zwischen rauschenden Kiefern und Eichen stehen, kommen Familien unter: bevorzugt solche, die kinderreich sind oder Kinder mit einer Behinderung haben, wenig Geld und viele Nachteile.

Urlauber Volker Mitschke und seine Frau sind mit ihren sechs Kindern zum zweiten Mal hier – „weil es so nah am Wasser liegt und wir uns woanders keinen Urlaub leisten können“. Die Nachricht, dass Grimm die Leitung abgeben soll, hat sie überrascht. „Wir können uns da kein Urteil erlauben“, sagt Volker Mitschke vorsichtig. „Aber ich kann mir den Zingsthof ohne Herrn Grimm gar nicht vorstellen.“

Regina und Eckhardt Fuß aus Dresden, die zwölf Kinder haben und seit zwölf Jahren herkommen, geht es erst recht so. Allein die Andachten, die Grimm etwa zweimal pro Woche hält, und die Gottesdienste sonntags seien etwas Besonderes, sagen sie. Grimm ist von Haus aus Feinmechaniker, hat nie Theologie studiert. Aber „er versteht es, die biblischen Geschichten ins Heute zu bringen“, meint Regina Fuß. Das Ferienhaus kostet 95 Euro pro Nacht für die ganze Familie – mehr als früher, aber weniger als anderswo. „Unsere Kinder wollen jeden Sommer wieder her, weil sie inzwischen viele der anderen Urlauberkinder kennen“, sagt Fuß.Und wenn man irgendein Problem habe, helfe Grimm immer gern. „So einen Heimleiter findet man selten.“

Grimm schmunzelt, wenn er hört, wie seine Gäste über ihn reden und dass viele schon Briefe geschrieben haben an die Stadtmission – um sie zum Umdenken zu bewegen. Vor ein paar Monaten hatte ihm sein Chef eröffnet, dass ein neuer Leiter kommen solle, und ihm die Gründe erklärt, sagt Grimm. Öffentlich aussprechen mag sie aber keiner. „Das ist Hinterzimmer-Politik“, schimpft daher Ruhestandspastor Gottfried Frahm, der Matthias Grimm als „Mann mit Herz“ kennt.

"Es gibt betriebliche Notwendigkeiten“

Grimms Chef Reinhard Behrens schickt aus Berlin die Erklärung: „Auch wir schätzen Herrn Grimm und seinen Einsatz für den Zingsthof. Er verkörpert auf wunderbar positive Weise die Berliner Stadtmission und schafft eine warmherzige, wertschätzende Atmosphäre für alle Gäste.“ Aber es gebe leider „betriebliche und personelle Notwendigkeiten“. Grimm selbst sagt, er habe Schwächen und Stärken, und natürlich habe sein Chef das Recht, wegen der Schwächen einen anderen einzustellen. Die Nachricht vom Wechsel habe ihn erst aufgewühlt. „Aber bitter bin ich nicht.“ Immer wieder habe er in der letzten Zeit „Dona nobis pacem“ gesungen, „Gib uns Frieden, Herr,“ oder die Worte vor sich hingesprochen. „Das funktioniert.“

Ähnlich wie damals in den 80er-Jahren bei den Bausoldaten in Prora – als Grimm sich fernab seiner Frau und der beiden kleinen Kinder schmerzhaft eingesperrt und entmündigt fühlte. Jeden Abend traf er sich heimlich mit anderen Christen, um in der Bibel zu lesen, zu singen und zu beten. Obwohl sich alle in eine fensterlose Kammer quetschen mussten: „Ich habe keine Andacht ausgelassen“, sagt er.

Was er ab Oktober beruflich machen will, weiß er noch nicht. Vermutlich mit seiner Frau in Sachsen, bei den Kindern und Enkeln, etwas Neues suchen. Bisher habe er die Erfahrung gemacht: „Immer dort, wo ich gerade war, war ich gern“: auf dem Friedhof etwa, wo er nach seiner Feinmechaniker- Ausbildung gärtnerisch arbeitete und nebenbei in Gesprächen mit den Hinterbliebenen das Zuhören lernte; im Gemeindehaus mit Rüstzeitheim im sächsischen Meerane, in dem er zuerst Hausmeister war und später zusammen mit seiner Frau die Leitung übernahm. Und zuletzt auf dem Zingsthof, wo sie beide 2006 anfingen, er in der Leitung und im Gästekontakt, sie in der Küche und als Unterstützung.

Wenn er zurückdenkt, sind die kostbarsten Momente für ihn die, in denen er miterlebte, wie jemand sich Gott neu anvertraute. Oder wie Familien sich freuten, wenn er unbürokratisch Hilfe organisierte. Einmal sei eine Mutter mit zehn Kindern angereist, die kaum einen Cent für den Urlaub übrig hatte. „Da habe ich zum ersten Mal eine Kollekte im Gottesdienst gesammelt. Was ich sonst nie mache, weil ich weiß: Wer hierher kommt, hat selbst viel zu wenig“, erzählt Matthias Grimm. Trotzdem seien damals über 200 Euro zusammengekommen.

Wird so etwas künftig noch möglich sein? Wird der Zingsthof überhaupt ein Ort für finanzschwache Familien bleiben? In der Ostsee-Zeitung formulierten Urlauber die Furcht, unter einem neuen Leiter werde alles kommerziell und teuer. Diese Sorge sei unbegründet, sagt Behrens von der Stadtmission. Der Zingsthof habe schon vor Grimms Einstellung das Ziel verfolgt, besonders „kinderreiche Familien, Alleinerziehende, Familien mit niedrigem Einkommen sowie Familien mit behinderten Kindern oder Erwachsenen“ zu unterstützen. Dieses Ziel werde man beibehalten, auch wenn für manche Fördermittel des Landes die Zweckbindung ausgelaufen sei. „Ferien auf dem Zingsthof waren und bleiben günstig, weil wir Fördermittel und viele Spenden für die Arbeit erhalten“, so Behrens. „Natürlich sind wir vor allem aber auch auf Einnahmen des Gästebetriebes angewiesen.“
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 34/2019

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