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Flüchtlingsbeauftragte Sibylle Gundert-Hock verabschiedet

"Ganz viel Herz und ganz viel Vernunft“

Von Marion Wulf-Nixdorf

Sibylle Gundert-Hock
01.06.2019 ǀ Rostock.  Zu Sibylle Gundert-Hocks Aufgaben in den vergangenen vier Jahren gehörte die Beratung und Unterstützung der Kirchengemeinden, in deren Gebieten Flüchtlinge untergebracht waren. Auch die Beratung im Vorfeld von Kirchenasylen ebenso wie die Begleitung, wenn sich eine Gemeinde dafür entschieden hatte. Sowohl von Kirchengemeinden als auch von Geflüchteten erhielt die promovierte Ethnologin und Pädagogin bei ihrer Verabschiedung viel Dank.

Sie kenne keinen Menschen, der so oft „Danke“ sage wie Sibylle Gundert-Hock. Das betonte die Leiterin des Zentrums Kirchlicher Dienste Mecklenburg, Pastorin Dorothe Strube, bei der Verabschiedung der Flüchtlingsbeauftragten im Kirchenkreis Mecklenburg. Dieses Danke haben wohl alle im Ohr, die je mit ihr zu tun hatten. Die Arbeit der anderen wertschätzen – das war ein Markenzeichen von Sibylle Gundert-Hock, die mit 63 Jahren zum 1. Juni in den Ruhestand geht.

Viele Weggefährten aus ihrer vierjährigen Arbeit mit Geflüchteten, aber auch schon zuvor aus der Zeit als Referentin im Evangelischen Frauenwerk in Mecklenburg und Pommern, sowie Kollegen und Familie waren in die Rostocker Petrikirche gekommen zu einer Andacht und anschließendem Empfang im gegenüberliegenden Kirchlichen Zentrum. Besonders war ihr die Freude anzusehen, dass die Gruppe „Freundeskreis Flüchtlinge Biestow“ kam und jeder einzelne – Geflüchtete und Gemeindemitglieder – ihr eine Blume für konkrete Hilfe überreichte und einen persönlichen Dank sagte – in gutem oder holprigem Deutsch, einer auch auf Englisch. Einige von ihnen sind sehr aufgeregt, weil sie das Sprechen vor vielen Menschen nicht gewöhnt sind, zumindest nicht in der neuen Sprache.

So bunt wie der Strauß am Ende war, so bunt sei auch ihre Arbeit gewesen, sagt Sibylle Gundert-Hock. Und zu den Biestowern gewandt und ebenso zu den beiden Vertreterinnen der Flüchtlingsarbeit aus der Kirchengemeinde Ribnitz, der Gemeindepädagogin Janett Harnack und der Kirchenältesten Elisabeth Wilpert: „In so einer Gemeinschaft ist es leicht, wirkungsvoll zu arbeiten. Ich habe die allerhöchste Hochachtung vor dem, was Ihr auf die Beine gestellt habt. Ihr macht richtig gute Arbeit! Das ist ein Schatz, den ich gern an meinen Nachfolger übergebe.“

Es sei die Stetigkeit einiger Kirchengemeinden, die seit Jahren „dranblieben“ an der Arbeit mit Geflüchteten. Die Arbeit einer Flüchtlingsbeauftragten hänge in der Luft, betonte der mecklenburgische Ökumenepastor Tilman Jeremias. Jedenfalls dann, wenn nicht Gemeinden da seien, die sich ebenso engagiert einbrächten. Er kennzeichnete Sibylle Gundert-Hock als eine Frau mit „ganz viel Herz und ganz viel Vernunft“. Es gäbe kaum jemanden, der so herzhaft und direkt kommunizieren könne und die auch schnell mal zu unangemessenen asylrechtlichen oder anderen Entscheidungen höherer Ebenen „Quatsch“ sage.

Gemeindeberatung bei Kirchenasyl

Eine aus Persien geflüchtete Frau, mit der sie eine lange Zusammenarbeit verbindet, nannte Sibylle Gundert- Hock „meine große Schwester“. Zu ihren Aufgaben gehörte neben vielem anderen die Beratung und Unterstützung der Kirchengemeinden, in deren Gebieten Flüchtlinge untergebracht waren. Auch die Beratung im Vorfeld von Kirchenasylen ebenso wie die Begleitung, wenn sich eine Gemeinde dafür entschieden hatte, gehörte dazu. Der Kirchenkreis Mecklenburg hatte Ende 2015 einen Förderfonds für die Arbeit mit Flüchtlingen aufgelegt, diesen hat sie verwaltet und entsprechend den veränderten Bedingungen weiterentwickelt. So konnten 2018 etwa 40 Projekte gefördert werden, nicht zuletzt in den oben erwähnten Gemeinden Biestow und Ribnitz.

Sibylle Gundert-Hocks Herz schlug ihr ganzes Berufsleben lang für die entwicklungspolitische Bildungsarbeit. 1985 promovierte die in Schwaben gebürtige Ethnologin und Pädagogin in München mit einer Arbeit zur Missions- und Kolonialgeschichte im Süd-West-Pazifik. In Nigeria teilte sie sich mit ihrem Mann eine Stelle am ökumenischen Theological College of Northern Nigeria, einer theologischen Hochschule. Sie blieb nicht brav zu Hause als „mitausreisende Ehefrau“ und Mutter. Ende 1993, zurück in Tübingen, forschte und lehrte sie zur Veränderung der Geschlechterbeziehungen und Geschlechtervorstellungen infolge von christlicher Mission in Nordostnigeria.

1997 kam sie mit ihrer Familie nach Rostock, nachdem ihr Mann einen Ruf an die Theologische Fakultät der Universität angenommen hatte. Zehn Jahre war sie hier in der Gesellschaft für solidarische Entwicklungszusammenarbeit und im Eine-Welt- Landesnetzwerk tätig.

2008 begann sie beim gemeinsamen Frauenwerk von Mecklenburg und Pommern als Referentin mit dem Schwerpunktbereich entwicklungspolitische Bildung und Nachhaltigkeit zu arbeiten. Nach einem schwierigen Prozess der Zusammenführung der Frauenwerke Nordelbiens und MV in der Nordkirche entschied sie sich nur wenige Jahre vor dem Ruhestand zu einem Wechsel in den Kirchenkreis Mecklenburg und begann zunächst mit einer Teilzeitbeschäftigung in der Ökumenischen Arbeitsstelle, bevor sie 2015 Flüchtlingsbeauftragte wurde. Der Kirchenkreis hatte die Stelle 2015 eingerichtet, nachdem die Nordkirche in allen 13 Kirchenkreisen Mittel zur Verfügung gestellt hatte, um für fünf Jahre Stellen für Flüchtlingsbeauftragte zu schaffen.

Nachfolger Lars Müller beginnt am 1. Juli

Ihre Stelle wird nur einen Monat vakant sein – was sie besonders freut. Ihr Nachfolger wird Lars Müller, 43, den sie bereits bei ihrer Verabschiedung vorstellen konnte. Müller hat langjährige Erfahrungen in der Flüchtlingssozialarbeit, er leitete zuletzt eine Gemeinschaftsunterkunft. Er ist Mitglied der Innenstadtgemeinde und dort Kirchenältester.

Gleichzeitig mit der Verabschiedung wurde auf Sibylle Gundert-Hocks Wunsch eine Ausstellung ihrer Freundin und Weggefährtin aus der pommerschen Frauenarbeit, der Malerin Antje Heinrich-Sellering unter dem Titel „Auf Blau folgt Grün“ eröffnet. Die rund 30 Arbeiten zeigen eine große Fülle des Lebens und beinhalten viel Energie. Darunter sind auch einige kalligrafische Arbeiten.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 22/2019

Die Ausstellung von Antje Heinrich- Sellering im Zentrum Kirchlicher Dienste ist noch bis zum 14. Juni werktags zwischen 10 und 16 Uhr zu sehen.

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