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„Schwul und lesbisch leben

Welche Perspektive eröffnet die Nordkirche?

Ratzeburg (da). Vom 28.02. bis 02.03.2011 veranstaltete das Pastoralkolleg Ratzeburg in Kooperation mit dem Konvent schwuler und lesbischer TheologInnen in der Nordelbischen Kirche (KonsulT) einen Workshop zur Gegenwart und Zukunft homosexueller TheologInnen und kirchlicher MitarbeiterInnen in Nordelbien, Mecklenburg und Pommern. Die Leitung der Tagung hatte der Rektor des Pastoralkollegs, Dr. Martin Vetter, zusammen mit Nils Christiansen und Dirk Ahrens, Pastoren in Hamburg, KonsulT.

In ihrem Einführungsreferat wies Dr. Melanie Caroline Steffens, Professorin für Soziale Kognition und Kognitive Psychologie in Jena, anhand des Minoritätenstressmodells von Ilan H. Meyer, anhaltende Diskriminierung von Homosexuellen in der bundesdeutschen Gesellschaft nach. In den Blick genommen wurden von ihr dafür die immer noch vielerorts praktizierte gesellschaftliche Stigmatisierung und Benachteiligung Lesben, schwuler, Bisexueller und Transgender, sowie weit verbreitete Gewalterfahrungen und internalisierte negative Einstellungen gegenüber der Eigengruppe. Als Ursache dafür beschrieb sie unter anderem einen tief verwurzelten strukturellen Heterosexismus in der Gesellschaft sowie eine manifeste Inflexibilität in der Konstruktion von Geschlechterrollen.

Unter den Teilnehmenden des Kollegs bestand Einvernehmen, dass Kirche als Teil der Gesellschaft an den von Prof.Steffens beschriebenen Diskriminierungsfaktoren aktiv und passiv teilhat.

In einem weiteren Arbeitsschritt studierten und werteten die Teilnehmenden die einschlägigen Beschluss- und Beratungspapiere aus der NEK sowie aus der Mecklenburgischen und der Pommerschen Ev. Kirche zu Fragen der Ordination, Anstellung und Lebensführung homosexueller PastorInnen sowie zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Ergänzend dazu wurde auch die Dodoma Erklärung der Ev.-Luth. Kirche Tansanias beraten.

Beschlusslage und Praxis könnten unterschiedlicher kaum sein und lassen die notwendige und unverzichtbare Vereinheitlichung im Fusionsprozess der drei norddeutschen Partnerkirchen als spannungsvolles Vorhaben erscheinen.

Kirchenrätin Dr. Anette Rieck, Juristin im Personaldezernat des Nordelbischen Kirchenamts, bemühte sich in ihrem Referat, auf dem Hintergrund der aktuellen Rechtssetzung in BRD und EU, Licht in die unübersichtliche rechtliche Situation homo- und bisexueller PastorInnen in der EKD und in der NEK zu bringen. Hierbei wurde deutlich, dass unabhängig von manch erfreulicher Praxis und positiven Einzelbeschlüssen vor allem auch in der NEK, insgesamt die Notwendigkeit besteht, eine grundsätzliche Gleichbehandlung nicht zuletzt mit Blick auf die Fusion, juristisch und theologisch nachvollziehbar zu beschließen und festzuschreiben.

Am Ende der Tagung sammelten die Teilnehmenden Themen, an denen weitergearbeitet werden sollte. Dazu gehörte zum Einen der Entwurf der Verfassung der Nordkirche, vor allem in den Themenbereichen Gleichstellung von Männern und Frauen und Antidiskriminierung, zum Anderen die Neufassung des Pfarrerdienstgesetzes der EKD. Für letztere wünschten sich die Kollegteilnehmenden eine Relativierung von Ehe und Familie als Leitbild der pfarramtlichen Lebensführung und eine Betonung der durch Christus gestifteten und auf Christus bezogenen Gemeinschaft (Gemeinde!) als verbindlicher Lebensform. Schließlich sollte geklärt werden, welche Schritte eingeleitet werden müssten, um nach der Fusion Rechtssicherheit für schwule und lesbische PastorInnen zu erlangen.

Dr. Martin Vetter wies zum Abschluss der Tagung darauf hin, dass Lebensform und Lebensführung von PastorInnen eminent pastoraltheologische Themen sind und daher thematisch auch ins Pastoralkolleg gehören.

Dirk Ahrens

18.03.2011