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Was biblische Frauen uns zu sagen haben

Die Seele nicht zerstören lassen

Von Hanne Finke

01.12.2013 ǀ Schwerin.  Beim Friedensnobelpreis ging Malala Yousafzai noch leer aus. Nun wurde die erst 16-jährige Menschenrechtlerin mit dem Sacharow Preis des EU-Parlaments für ihr Engagement ausgezeichnet. Malala wurde in ihrer Heimat Pakistan von den Taliban angegriffen und schwer verletzt. Ihr Engagement für eine bessere Bildung von Mädchen in ihrer Heimat war den Taliban ein Dorn im Auge. Kämpfer schossen ihr im Schulbus in den Kopf. Malala kämpfte sich zurück ins Leben und engagiert sich weiter. Es sind Frauen wie Malala, die sich ganz im Sinne der biblischen Hebammen Pua und Schifra für eine bessere Welt einsetzen.

Verblüffend weise und genial finde ich das Vorgehen der beiden Geburtshelferinnen Pua und Schifra. Mit einer List weigern sie sich, alle männlichen Neugeborenen der Hebräerinnen in Ägypten zu töten, obwohl der Pharao das befohlen hat – und retten so auch Mose das Leben. Eine erstaunliche Kombination aus Widerstand, Solidarität, List, Zivilcourage, Phantasie und Klugheit, die zu einem direkten Ergebnis führt – eben zum Leben. Zwei Frauen widerstehen der Macht, der politischen Macht, beweisen Mut und Selbstvertrauen, nehmen sich Freiheit heraus.

Damals wie heute erscheint mir solches Handeln, das lebensbedrohenden Strukturen und Machtmissbrauch entgegenwirkt, notwendig. Ich selbst bin voller Bewunderung für Menschen, die das allein oder mit anderen gemeinsam wagen. Es gibt sie zahlreich, Frauen, die für das Ziel der Befreiung und Selbstbestimmung ihre ganze Existenz einsetzen. Manchmal findet Widerstand sehr zurückhaltend und leise statt, mit kleinen, aber wirkungsvollen Strategien; manchmal ist es Beharrlichkeit oder Subversivität, manchmal sind es ganz offensichtliche, laute Aktivitäten.

Als erstes denke ich an eine Frau aus der Bibel, Rizpa (2. Sam 21), die monatelang ausharrt, bis David endlich die Toten bestatten lässt. Beispiele aus dem vergangenen Jahrhundert für weiblichen Widerstand sind zahlreich. Die drei Schwestern Mirabal aus der Dominikanischen Republik fallen mir ein, die gegen den langjährigen Diktator gekämpft haben. Auf diesen Widerstand ist der heute so bekannte 25. November „Nein zu Gewalt an Frauen“ mit der durch Terre des Femmes verbreiteten Fahnenaktion zurückzuführen.

Eine großartige Form von Widerstand in Deutschland ist mit dem Namen Lilly Wächter verbunden. Die 1. Vorsitzende des Demokratischen Frauenbundes (DFD) kritisierte in öffentlichen Vorträgen den Napalm- Bomben-Einsatz und die Anwendung bakteriologischer Waffen der USA in Korea. Sie wurde dann 1951 vom amerikanischen Besatzungsgericht zu 8 Monaten Gefängnis und 15 000 DM Geldstrafe verurteilt, allerdings wurde auf Druck der Öffentlichkeit das Urteil 1952 wieder aufgehoben.

Ein letztes Beispiel handelt von Sumaya Farhat-Naser, einer mutigen, klugen und beharrlichen Frau. Sie wurde 1948 in Bir Zait bei Jerusalem geboren und lebt in Palästina. Vor knapp zehn Jahren las ich das erste Mal von Sumaya Farhat-Naser, sie ist eine leidenschaftliche Friedensaktivistin für eine palästinensisch-israelische Zukunft. Seit über 40 Jahren ist die Christin im Nahostkonflikt engagiert, beispielsweise mit Begegnungen und Gesprächen zwischen Israelis und Palästinensern, um Angst und Feindseligkeit zu verändern. Seit einiger Zeit gibt sie an der Mädchenschule Talitha Kumi, 1852 gegründet vom Berliner Missionswerk, ganz praktischen Unterricht, um jungen Menschen zu helfen, die unter der Besetzung durch Israel leiden. Es werden Szenen aus dem Alltag gespielt und dabei Verhaltensweisen erprobt, die in riskanten Begegnungen, beispielsweise mit Soldaten, helfen und deeskalieren. Besonders wichtig ist Farhat-Naser, dass Zorn und Ärger nicht in Hass umschlagen. Denn Hass zerstöre die eigene Seele, meint sie.

Genau, darum ging es vielleicht auch Schifra und Pua: sich die Seele nicht zerstören zu lassen, die Selbstermächtigung zum Handeln unter Gottes Schutz und Leitung stellen. Phantasie gegen Hoffnungslosigkeit im Sinne von Dorothee Sölle kann als widerständiges Element Verblüffung und lebensfördernde Veränderung bewirken.

Die Autorin ist ehrenamtliche Landesbeauftragte im Frauenwerk der Landeskirche Hannovers
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 48/2013

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