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Teufel-Ersatz gesucht

Dorfkirchenverein Retschow plant höllische Malaktion

Von Anne-Dorle Hoffgaard

12.09.2015 ǀ Bad Doberan.  In den 1970er Jahren verschwanden die Höllenmalereien in der Dorfkirche Retschow plötzlich über Nacht. Irgendjemand hatte sie weiß übertüncht. Jetzt will der Dorfkirchenverein den Teufel wieder an die Wand malen.

Zahlreiche wunderschöne Wandmalereien aus dem Mittelalter kann der Besucher in der mecklenburgischen Dorfkirche zu Retschow bei Bad Doberan (Landkreis Rostock) bestaunen. Doch die Wand über der linken Seitenkapelle ist seit Anfang der 1970er Jahre leer, weil sie über Nacht übermalt wurde. Nichts außer weißer Fläche sei dort zu sehen, wo einst Höllen-Malereien prangten, sagt die Vorsitzende des "Fördervereins zur Erhaltung der Dorfkirche Retschow", Christine Breitbach. Mit einer Malaktion zur Doberaner Kulturnacht am 10. Oktober will der Verein für Ersatz sorgen.

Es bleibe ein Geheimnis, wer die Malereien in der Dorfkirche mit weißer Farbe übergestrichen hat, sagt Christine Breitbach. Der Pastor habe damals gesagt: "Ich bin 14 Tage im Urlaub - und hier hängt der Kirchenschlüssel." Als er wiederkam, sei alles übermalt gewesen. Der Kirchengemeinderat habe "damals furchtbar eins aus Schwerin auf den Deckel gekriegt", sagt die Vereinschefin. "Aber zu ändern war es nicht mehr." Wenn der Förderverein mal ganz viel Geld haben sollte, könnten die Malereien vielleicht restauriert werden.

Bei den übertünchten Darstellungen hat es sich laut Breitbach um Höllenmalereien "vom Feinsten" gehandelt: "Teufel und Teufelchen, die fast unbekleidete Frauen und Männer mit sich rissen, an ihnen zerrten und sie in den Schlund der Hölle abführen wollten." Verschiedene Szenen zeigten, was denen passiert, die "gesündigt" hatten. "Der Fantasie über die Sünden und die Hölle waren kaum Grenzen gesetzt."

Doch einige Konfirmanden hätten in den 70er Jahren unbehagliche Gefühle gehabt, wenn sie die Bilder während des Gottesdienstes sahen. Sie hätten so viel Angst vor den Höllen und Teufeln, dass sie sich nicht mehr in die Kirche trauten, sagten sie dem Pastor. Und dann seien über Nacht alle Malereien an dieser Wand verschwunden.

Zur Einstimmung auf die geplante Malaktion bei der Doberaner Kulturnacht am 10. Oktober will der Förderverein den Besuchern zunächst die Möglichkeit geben, sich in der "Todsünde der Völlerei" zu üben und "teuflische Delikatessen zu vernaschen". Danach können Kinder und Erwachsene ab 18 Uhr im Doberaner Rathaus-Foyer ihrer Fantasie freien Lauf lassen und auf einer Flipchart ihre Vorstellung von einem Teufel malen. Die Bilder werden gesammelt und sollen später - mit Erlaubnis der Urheber - in einer Ausstellung über "Die neuen Teufel dieses Jahrhunderts" an der weißen Kirchenwand in Retschow gezeigt werden.

Der Förderverein ist auch sonst ganz rege. Derzeit sammelt er "Kochrezepte aus der verlorenen Heimat" von Flüchtlingen, Vertriebenen und Umgesiedelten, die vor 70 Jahren aus dem Osten nach Mecklenburg kamen. Die Rezepte sollen bis zum 1. Advent in einem Kochbuch veröffentlicht werden, das gegen eine Spende von fünf Euro erhältlich ist. Ein "Kirchen-Back-Buch" hat der Verein schon herausgebracht.

Der Verein will jährlich 10.000 Euro aufbringen, damit die evangelische Kirchengemeinde ihren Eigenanteil für Bauarbeiten an der Dorfkirche in Retschow leisten kann, sagt Breitbach. Seit 2009 wurden in drei Bauabschnitten bereits bis zu 450.000 Euro in die Sanierung der Außenmauer investiert. Der vierte Bauabschnitt ist für 2016 geplant. Für etwa 130.000 Euro soll die Nordseite des Daches saniert werden. In dem spätmittelalterlichen Gebäude fand 1380 der erste Gottesdienst statt.
Quelle: epd

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