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Diskussionsprozess soll die Kirche zukunftsfähig machen

Propst Karl-Matthias Siegert im Interview: Viele am Gespräch beteiligen

Propst Karl-Matthias Siegert vor der Kirchenkreissynode Mecklenburgs
28.06.2015 ǀ Wismar/Schwerin.  Die Grundsatzdiskussionen, welche Struktur und Ziele eine lutherische Nordkirche haben soll, sind mit der vor drei Jahren verabschiedeten Verfassung erst einmal abgeschlossen. Nun gilt es danach zu fragen, welche Gestalt diese Kirche in den nächsten Jahren ganz konkret in den Kirchenkreisen, Regionen und Ortsgemeinden haben soll und kann. Der Kirchenkreis Mecklenburg hat im letzten Jahr einen breit angelegten Beteiligungsprozess begonnen unter der Überschrift „Stadt–Land–Kirche–Zukunft in Mecklenburg“. Darüber sprach Tilman Baier mit dem Vorsitzenden des Kirchenkreisrates, Propst Karl-Matthias Siegert (Wismar):

Tilman Baier: Die Kirchenkreissynode Mecklenburgs hat im letzten Jahr den Prozess „Stadt – Land – Kirche – Zukunft in Mecklenburg“ angestoßen. Worum geht es dabei?

Karl-Matthias Siegert: Im Kern geht es um die Frage: Wie wollen und wie können wir in Zukunft Kirche in Mecklenburg sein? Dieser Prozess hat zwei Stufen. In Stufe eins erhoffen wir uns einen breit angelegten Diskussionsprozess zu fünf ausgewählten Themenkomplexen, wobei die Gemeinden und die Gremien frei sind zu entscheiden, welche Themen ihnen besonders wichtig sind. Themen sind die Kernaufgaben von Kirchengemeinden, Bedeutung und Rolle des Ehrenamtes, Gemeinschaft der Mitarbeitenden im Verkündigungsdienst, Zentrum und Fläche sowie die Finanzverteilung im Kirchenkreis.

Die Diskussionen darüber sollen den Hintergrund bilden und die zweite Stufe vorbereiten – die Verständigung zu zwei sehr konkreten Problemen: Einmal sollen damit Entscheidungshilfen gegeben werden für die von Kirchenkreisrat und Kirchenkreissynode auf den Weg gebrachte, PfarrGemeindeHaus-Planung. Zum anderen geht es darum, für die Zukunft einen realistischen und solidarischen Stellenplan zu erarbeiten. Für diese sollen in den Gesprächsrunden Kriterien erarbeitet werden.

Ähnliche Versuche gab es in den letzten Jahrzehnten immer wieder. Gibt es diesmal etwas, was neu ist?

Es ist richtig, dass wir da nichts Neues erfunden haben, sondern dass es verschiedene vergleichbare Prozesse in der mecklenburgischen Landeskirche früher bereits schon gab. Was aber in gewisser Weise neu ist, ist der sehr starke Rückgang der Mitgliederzahlen. Ich gehöre nicht zu denen, die von Defiziten her denken. Aber wir müssen doch zur Kenntnis nehmen, dass wir im Jahre 2003 noch 230 000 Gemeindeglieder hatten, und jetzt im Jahr 2015 bei etwa über 178 000 Gemeindegliedern angelangt sind.

Das sind Verluste von 50 000 Mitgliedern in einem relativ kurzen Zeitraum –das entspricht etwa der Größe des damaligen Kirchenkreises Wismar, als ich dort vor elf Jahren als Landessuperintendent eingeführt worden bin. Das ist eine Dimension, die wir ernst nehmen und auf die wir uns einstellen müssen. Jetzt müssen wir schauen: Was haben wir an Möglichkeiten, was haben wir an Kräften, um unsere Aufgaben zu erfüllen – nämlich Kirche für die Menschen hier zu sein und das Evangelium zu ihnen zu bringen.

Kritiker bemängeln, dass Strukturveränderungen fast immer zur Zentralisierung und damit zu einem Rückzug von Kirche aus der Fläche führen würden, was wiederum den Mitgliederschwund beschleunige. Was erwidern Sie auf solche Vorwürfe?

Ich glaube, dass wir letztlich kein Rezept haben gegen den Mitgliederschwund. Ich weiß, dass in vielen Kirchengemeinden gute bis sehr gute Arbeit geleistet wird, dass sehr attraktive Angebote da sind und dass sich die Mitarbeitenden aller Ebenen darum bemühen, Menschen zu erreichen und sie auch zu gewinnen für die Botschaft vom Reich Gottes. Ich setze auf diesen breit angelegten Beteiligungsprozess, also auf Gespräche, und hoffe dass wir so zu einer Selbstverständigung kommen, wie wir Kirche sein wollen und Ideen entwickeln, wie wir dahin kommen. Ich weiß nicht, ob Zentren besser sind als Präsenz in der Fläche. Aber ich weiß, dass wir das nicht entscheiden können, ohne mit den Menschen vor Ort zu reden und sie in diesem Prozess mitzunehmen. Irgendwann werden wir entscheiden müssen, und das wird auch nicht allen gefallen. Aber mir liegt sehr daran, miteinander im Gespräch zu sein. Und ich bin auch wirklich sehr gespannt darauf, was letztlich herauskommt.

Bei den Regionalkonferenzen, die ich schon erlebt habe, war ich doch überrascht, welch hohe Bereitschaft besteht, die Situation zu erkennen und annehmen zu wollen. Dies unterscheidet uns von den Zeiten vor 10 oder 15 Jahren. Es gibt natürlich die Vorbehalte, die es immer gab. Während etliche Ehrenamtliche in Leitungsfunktionen sagen: Es wird Zeit, dass wir an diese Probleme rangehen, höre ich von so manchem Hauptamtlichen: Brauchen wir diese Veränderungen wirklich? Und es gibt einerseits die Sorge an der Gemeindebasis, dass das, was dort gedacht und gemacht wird, nicht ernst genommen wird – und dass dann doch nur von oben her entschieden wird. Andere dagegen meinen: Was sollen wir lange rumdiskutieren, sagt ihr da oben mal, was zu machen ist – und dann machen wir das. Und es gibt die alten Kirchenprofis, die sagen: Wir haben schon so viel erlebt – macht mal, es wird schon irgendwie weitergehen.

Dieser Prozess ist wirklich ganz offen? Die Nordkirche setzt doch Rahmenbedingungen, auf die die Mecklenburger kaum Einfluss haben. Welchen Gestaltungsspielraum hat der Kirchenkreis denn?

Ich denke wir haben mit der Verfassung der Nordkirche gute Gestaltungsmöglichkeiten – bis dahin, dass es Überlegungen gibt, sogenannte Erprobungsregionen zu schaffen, in denen auch Optionen ausprobiert werden können, die möglicherweise den Rahmen der Verfassung sprengen. Der Gestaltungsspielraum wird ja deutlich an Projekten wie dem bereits bestehenden „Kirchlichen Energiewerk“ und der geplanten Stiftung Klimaschutz, die die Kreissynode hoffentlich im Herbst auf den Weg bringt.

Können Sie schon eine Tendenz erkennen, wohin sich der Beteiligungsprozess bewegt?

Dafür ist es noch zu früh. Das lässt sich wohl erst nach dem Kirchenkreistag zum Thema „Stadt-Land-Kirche – Zukunft in Mecklenburg“ am 17. Oktober in Güstrow deutlicher sagen, bei dem, so hoffe ich, ganz viele dabei sein werden.

Die vorhandenen Kräfte und Mittel realistisch einzuschätzen, heißt doch auch, Abschied zu nehmen von manchem Gebäude, aber auch von Aufgabenfeldern. Wer legt fest, was wegfallen darf und muss?

Das gehört in diesen Beteiligungsprozess hinein. Eine Synode kann nicht sagen, was eine Kirchengemeinde vor Ort machen soll und was nicht. Das geht wahrscheinlich nirgendwo richtig – und in Mecklenburg schon gar nicht, weil die Situationen vor Ort so unterschiedlich sind. Aber man kann in dem Prozess Mut machen zu schauen: Was sind Aufgaben, die hier vor Ort sinnvoll erscheinen und für die unsere Kräfte reichen – und auf die wir uns dann konzentrieren. Wir müssen uns nicht unter einen Druck bringen, ein einheitliches Programm von Gemeindeleben umsetzen zu müssen. Es kann ja an einem Ort sinnvoller sein, dass es weniger Veranstaltungen gibt, dass dafür aber kontinuierlich Besuche gemacht werden. Vielleicht – wo es angebracht ist – weniger liturgische Gottesdienste und dafür mehr kommunikatives Miteinander, zu dem eine Andacht oder ein Bibelgespräch gehört.

Der Prozess birgt Konfliktpotential und braucht vor Ort Begleitung. Sind die Pröpste, sind die Gemeindeberater darauf vorbereitet?

Ich bin dankbar, dass unser Zentrum für Kirchliche Dienste und Werke in Rostock und die Arbeitsgemeinschaft Gemeindeberatung Fachleute für bestimmte Themen zur Verfügung stellt, die den Prozess begleiten. Die Damen und Herren kann man anrufen und sie sind bereit zu kommen. Mit denen kann die jeweilige Gemeinde eigene Ideen entwickeln. Und es wächst auch die Bereitschaft – besonders in der jüngeren Mitarbeiterschaft in den Gemeinden – dieses Angebot auch in Anspruch zu nehmen. Es gilt nicht mehr als Defizit, dass jemand Unterstützung braucht, sondern als Chance, sich bereichern zu lassen. Wenn dies durch den Prozess weitere Kreise zieht, werden wir alle etwas davon haben. Wenn es uns gelingt, diesen Druck abzugeben, wegzukommen vom „Wir müssen, wir sollen“, sondern wirklich zu leben und weiterzugeben, was lutherische Kirche als Wahlspruch hat: „Zur Freiheit hat uns Christus berufen“, dann sind und werden wir wirklich für Menschen interessant.
Quelle: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung Nr. 26/2015

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