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Portrait zum 60. Geburtstag

Propst Andreas Haerter: "Ich wollte meine Seele nicht verkaufen“

Von Sebastian Kühl

Propst Andreas Haerter bedankt sich bei seinen Gästen
12.12.2017 ǀ Pasewalk.  Mit einer Advents-Andacht in der Pasewalker St. Marienkirche und einem anschließenden Empfang feierten Freunde, Familie und Bekannte sowie Mitarbeitende aus dem Pommerschen Evangelischen Kirchenkreis am heutigen Dienstag den 60. Geburtstag von Propst Andreas Haerter.

In den seltenen ruhigen Momenten greift Andreas Haerter – zum Ausgleich und zur Inspiration gleichermaßen – gern zu Gedichtbänden. Da ist gerade die Lyrik von Mascha Kaléko: „Das sind wunderbare Gedichte, lebensnah und zu Herzen gehend. Kurz vor dem Holocaust ist es ihr gelungen, in die USA zu entkommen.“ Er wedelt mit einem kleinen roten Gedichtband. Lesestoff kommt auch aus der eigenen Familie. Eine seiner Töchter – Andreas Haerter hat fünf Kinder – lebt in Paris und veröffentlicht regelmäßig Gedichte. „Da fühle ich mich als stolzer Vater.“ Zudem hat die dichtende Tochter ihn kürzlich zum Großvater gemacht. Es war insgesamt schon sein drittes Enkelkind. Andreas Haerter spricht gern von den Erfolgen und Plänen seiner fünf Kinder. Zur gemeinsamen Zeit der inzwischen weit verstreuten Familie gehört jedes Jahr eine Wintersportwoche im schneesicheren Bayern; Tage, die er immer besonders genießt. Abgesehen von den Gedichtbänden und einer kleinen Bücherauswahl steckt seine Bibliothek größtenteils in Umzugskartons, die sich entlang der Wände stapeln. Der Sitz der Propstei, in dem sich seine Dienstwohnung befindet, wird zurzeit saniert. Darum wohnt der Propst vorübergehend in einem ruhigen Viertel unweit der ehemaligen Pasewalker Kürassierkaserne.
 
Blick vom Schreibtisch in den Garten
 
„Es lebt sich hier sehr gut, aber für die begrenzte Zeit lohnt es nicht, alles Umzugsgut auszupacken. Darum müssen auch die meisten Bilder darauf warten, wieder ans Licht zu kommen. Es ist eben eine Übergangssituation. Ende kommenden Jahres soll das Bauvorhaben abgeschlossen sein. Bis dahin sitze ich gewissermaßen auf gepackten Koffern.“ Während er spricht, eilt er von einem Raum zum anderen. Zu diesem Bild, zu jenem Buch kann er ganze Geschichten erzählen. Immer hat er eine Anekdote oder eine Erinnerung parat. „Diese Karte vom Altkreis Pasewalk habe ich gerettet.“ Er zeigt auf die verglaste Karte, die zwar nun den Esstisch blockiert, aber eine wichtige Arbeitshilfe bei der Orientierung in der Propstei ist, auch wenn einige Gebiete, die zu seinem Aufsichtsbereich gehören, noch nicht aufgeführt sind. An seinem Übergangsdomizil gefällt ihm besonders der Wintergarten, in dem sein Schreibtisch steht und von dem aus Andreas Haerter in den Garten schauen kann. „Das ist ein guter Ort zum Nachdenken, Planen und Schreiben. Und man erlebt den Jahreskreis hautnah mit.“
 
Flucht über die Ostsee
 
Geboren wurde Andreas Haerter als erstes von drei Kindern in Arendsee/Altmark. „Meine Eltern wohnten in Demmin, aber da ich das erste Kind war, wollte mich meine Mutter lieber bei ihren Eltern bekommen, die in der Altmark lebten, wo mein Großvater Pastor war“, erzählt Andreas Haerter über seinen Geburtsort. „Meine Mutter war zwar Organistin, aber nach meiner Geburt blieb sie zuhause und kümmerte sich um den Haushalt.“ Der Vater verdiente den Lebensunterhalt als Kantor in Demmin und gab auch Christenlehrestunden in den umliegenden Dörfern. Ursprünglich stammte er aus Hinterpommern. „Und das ist auch der Grund, warum es mich beinahe gar nicht gegeben hätte“, sagt Andreas Haerter. In den letzten Kriegstagen sollte sein damals 16-Jähriger Vater sich noch sinnlos der Übermacht der anrückenden Roten Armee entgegenstellen. Da er aber ungewöhnlich stark an Scharlach erkrankt war, konnte er nicht in den Einsatz. „Mein Großvater stand mit meinem kranken Vater in Kolberg am Hafen und diskutierte mit SS-Männern, die sie nicht mit einem der letzten Torpedoboote abfahren lassen wollten, die mit Flüchtlingen die Stadt verließen“, schildert Andreas Haerter die dramatischen Ereignisse. Schließlich ließ der Kapitän des Bootes eigenmächtig die Leinen lösen und sein Vater entkam aus dem belagerten Kolberg über die Ostsee. „Die Familie kam in einer Flüchtlingsunterkunft in Greifswald unter. Mein Vater lernte dort später an der Kirchenmusikschule meine Mutter kennen.“
 
Nur knapp der Blindheit entgangen
 
„Ich bin glücklich und behütet aufgewachsen“, sagt Andreas Haerter über seine Kindheit in Demmin. Daran konnte auch ein dramatischer Unfall nichts ändern, der ihn im Alter von drei Jahren beinahe das Augenlicht gekostet hätte. „Der damalige Demminer Bürgermeister ließ seine Hühner immer unbeaufsichtigt auf dem jüdischen Friedhof herumlaufen, der zu der Zeit noch ganz ungepflegt und verfallen war.“ Er ergänzt kopfschüttelnd: „Die Hühner auf dem jüdischen Friedhof, das muss man sich mal vorstellen.“ Und setzt die Geschichte fort: „Der schmale Weg zu unserem kleinen Haus führte unmittelbar an dem Friedhof vorbei. Einmal, als wir da vorbeikamen, sprang der Hahn auf meinen Kopf und hackte von oben in meine Augen. Das rechte verfehlte er knapp, in das linke hackte er direkt hinein. Meine Mutter konnte gar nicht so schnell reagieren.“ Der hinzugezogene Arzt erkannte wegen der enormen Schwellung des Auges zunächst keinen größeren Schaden, doch als am nächsten Tag Teile der Regenbogenhaut aus dem Auge hingen, wurde das Kind mit Blaulicht zur Notoperation in die Greifswalder Augenklinik gebracht. „Der Augapfel konnte zwar gerettet werden, aber die Pupille zog sich bei Lichteinfall nicht mehr zusammen. Daher musste ich schon als Kind das linke Auge häufig zukneifen, um nicht geblendet zu werden.“
 
Vom Mainstream der Gesellschaft unerwünscht
 
Natürlich sei das lädierte Auge stets ein Handicap gewesen, doch kommentiert er es heute mit seiner humorvollen Art: „Die Leute halten das Zwinkern manchmal für eine kecke Geste“, sagt er schmunzelnd. „Aber ich kenne das ja und weiß damit umzugehen.“ In der Rückschau scheint es wie ein Wunder, dass es glimpflich ausgegangen ist. Eine Entschädigung habe es für den Unfall nicht gegeben, erzählt Andreas Haerter. Zur Rechenschaft gezogen wurde niemand. So waren die Verhältnisse in der Ulbricht-Zeit. Nach diesem Zwischenfall verlief die Kindheit von Andreas Haerter in ruhigen Bahnen, die geprägt waren vom geborgenen Elternhaus. Das änderte sich mit der Einschulung schlagartig. „In den kirchlichen Mitarbeiterfamilien war es üblich, dass die Kinder keine Pioniere wurden und auch nicht in die FDJ eintraten“, erinnert sich Andreas Haerter. Kehrseite dieser Haltung war das Außenseiterdasein. „Ich lebte mit all den Einschränkungen, die man ertragen musste, wenn man kein Arbeiter- und Bauernkind war. Das hieß kein Abitur, keine Berufsauswahl, keine Karriereaussichten“, fasst er es lapidar zusammen. „Agrotechniker kannst du noch werden, haben sie zu mir gesagt, aber das war es dann auch schon. Ich habe mich erlebt als jemanden, der aufgrund der Tradition, in die er hineingeboren wurde, vom Mainstream der Gesellschaft als nicht erwünscht angesehen wurde.“
 
Jeans, Parka und länger werdende Haare
 
Gemeinschaftserlebnisse fanden dafür im kleinen Kreis der Kirche statt. Sei es innerhalb des Kinderbibelkreises der Landeskirchlichen Gemeinschaft oder später in der Jungen Gemeinde. „Zu meiner Zeit hatte sich die Situation schon entspannt und die Junge Gemeinde wurde vom Staat nicht mehr in dem Ausmaß bekämpft.“ Das Miteinander in der Demminer Jungen Gemeinde mit 20 bis 30 Mitgliedern sei eine prägende, großartige Zeit seines Lebens gewesen, so Andreas Haerter. „Die Haare wurden lang, ich trug Parka und Jeans und bin viel getrampt, zum Beispiel zum Jugendtag in Stralsund oder zu Jugendwochenenden nach Barth, Torgelow oder Greifswald. Da traten dann Bands auf und ich habe viele Leute kennengelernt.“ Es war eine wilde und unkomplizierte Zeit für Andreas Haerter, in der sich aber auch immer mal wieder der allgegenwärtige Staat bemerkbar machte. „Einmal bin ich auf der Fahrt von Barth nach Stralsund von der „Trapo“, der Transportpolizei, verhaftet worden. Die haben mich nur wegen meines Aussehens rausgezogen, ich hatte keine Papiere dabei und so haben sie mich für zwei Stunden eingesperrt.“ Erst nach einem Telefonat der Polizei mit seinem Vater konnte er gehen. „Das waren so die normalen kleinen Schikanen“, bewertet Andreas Haerter das Erlebnis. „Ich habe mich da eingesperrt nicht besonders wohlgefühlt“, fügt er mit vielsagendem Lächeln hinzu.
 
Exotischer Unterricht im Naumburger Internat
 
Nach der zehnten Klasse wurden dem naturwissenschaftlich und historisch interessierten jungen Andreas Haerter alle Laufbahnwege in dieser Richtung verwehrt. Auch das jahrelange Engagement bei den Jungen Naturforschern und bei der AG für Ur- und Frühgeschichte half da nicht, ebenso wenig wie die Mitarbeit im Demminer Museum oder die Teilnahme an den Museumstagen in Neubrandenburg und an zahlreichen Exkursionen und Ausgrabungen. „Eigentlich war es mein Traum, Archäologe zu werden. Doch in der DDR gab es dafür im Jahr nur zwei Studienplätze und mir wurde ganz klar gesagt, wenn es jemanden gäbe, der dafür nicht infrage käme, dann wäre das genau ich.“ Seine Eltern hatten dann die Idee, ihn am Kirchlichen Proseminar in Naumburg anzumelden, wo er ab 1974 im Internat lebte und sein Abitur machte. „Da wurde Geschichte nach westlichem Standard und exotische Fächer, wie Latein, Griechisch oder Kybernetik unterrichtet.“ Die Sprachkenntnisse erwiesen sich vor allem während des folgenden Studiums als nützlich, denn nach dem Abitur und einer Zulassungsprüfung ging Andreas Haerter an die Sektion Theologie der Greifswalder Universität. „Wer jedoch aus Naumburg kam, dem begegnete hin und wieder an der staatlichen Universität ein gewisses Misstrauen, und zwar bei den Marxismus-Leninismus-Dozenten, deren Seminare für alle Studiengänge Pflicht waren.“
 
Ein IM als Mitbewohner
 
„Weil ich aus einem historisch interessierten kirchlich-musischen Elternhaus kam, war mir damals eine Zukunft etwa im Handwerk wenig vorstellbar“, sagt Andreas Haerter über seine Berufswahl. „Im Prinzip gab es nach dem kirchlichen Abitur für mich drei Optionen: In den Westen zu gehen, zu versuchen, in einem DDR-Betrieb zunächst als Ungelernter unterzukommen oder Theologie zu studieren.“ Er entschied sich für die dritte Option. „Um es frei nach Bonhoeffer zu sagen: Es ist wichtig, dass einem im Studium das Kreuz begegnet. Und das habe ich so empfunden, da habe ich Ja gesagt zum Beruf des Pastors.“ Neben dem Studium blieb Andreas Haerter aber auch Zeit für die Liebe nebst Hochzeit. Bereits in Naumburg auf dem Internat hatte er seine aus Thüringen stammende Frau kennengelernt. Doch erlebte er während des Studiums nicht nur das Glück einer wachsenden Familie – die ersten beiden Kinder kamen zur Welt – sondern auch den Druck des Überwachungsstaats. Es sei schockierend gewesen, zu erfahren, dass er zeitweise mit einem IM die Studentenbude geteilt hatte. Zudem musste er wegen der staatlich organisierten Massenüberwachung sein Promotionsvorhaben aufgeben. Mitten im Forschungsstudium kam die Stasi auf ihn zu. Mithilfe eines vorgetäuschten Einberufungsbefehls zum Wehrdienst versuchte die Stasi ihn zur Mitarbeit zu erpressen: Entweder sollte er mit der Stasi kooperieren oder er würde zum Armeedienst eingezogen und könnte so die Promotion vergessen. „Aber ich wollte meine Seele nicht verkaufen und lehnte ab.“ Die Kraft, dem Druck der Staatsmacht zu widerstehen, sei vor allem aus der Bindung und der Liebe zu seiner Familie erwachsen und aus der Art, wie er erzogen worden sei, schätzt Andreas Haerter diesen für sein weiteres Leben richtungsweisenden Moment ein. So trat er nach seinem Vikariat im Jahr 1987 den Dienst als Pfarrer in der Kirchengemeinde Rosow-Mescherin an.
 
Vom Pfarramt in den Kreistag
 
Als Student habe er noch oft darüber nachgedacht, das Land zu verlassen. Für ein Bleiben hilfreich war dann die im „Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR“ formulierte Kompromissformel einer „Kirche im Sozialismus“, die ein christliches Leben zwischen Widerstand und Anpassung ermöglichen wollte. „Man hat definiert, wie Christen in dem Land mit etwas Normalität leben könnten, das heißt, ohne sich entweder völlig aufzugeben oder ununterbrochen in Opposition sein zu müssen. Dieser Kompromiss war meine Möglichkeit zu bleiben, vorstellbar für mich allerdings nur mit Blick auf einen zukünftigen Dienst in der Kirche. Ich habe in der Folge, auch wenn es mir nicht immer leicht fiel, versucht, diesen Kompromiss zu leben. Ich wollte Seelsorger sein für die Menschen, die keine andere Möglichkeit hatten, als das Leben in diesem Land. Aber es waren dann ja nicht mehr viele Jahre bis zur Wende.“ Mit dem Ende der DDR begann nach nur wenigen Jahren im Pfarramt für Andreas Haerter ein völlig neuer Lebensabschnitt. „Es war eine verrückte und spannende Zeit“, sagt Andreas Haerter über die Wende und die ersten Jahre danach. Er engagierte sich am Runden Tisch des Kreises Angermünde. Er half mit, die ersten freien Wahlen vorzubereiten, saß für eine Legislaturperiode im Kreistag und stand kurz davor, Landrat zu werden. „Aber da wurde mir doch klar, dass die Politik im Ehrenamt zwar schon sehr interessant war, aber hauptamtlich wollte ich das nicht machen, ich wollte Pastor bleiben. Mein Engagement habe ich damals als kirchliche Aufgabe gesehen, als gesellschaftliche Diakonie.“ In der Politik bestehe Bedarf an scharfer Profilierung, ein Pastor hingegen müsse ansprechbar sein für Menschen über die Grenzen der Parteien hinweg. „Ein Pastor ist für alle Menschen da“, meint Andreas Haerter. „In der Wendezeit hatten Kirchenleute eine wichtige Aufgabe, da sie als unverdächtige Köpfe für einen Neuanfang gebraucht wurden. Aber als die Aufgabe der ersten Stunde erfüllt war, sagte ich mir, es wäre nun Zeit, den Platz zu räumen.“
 
Umzug von Rosow nach Pasewalk
 
Im Jahr 1994 wurde Andreas Haerter amtierender Superintendent im damaligen Kirchenkreis Gartz-Penkun. „Ich war vom damaligen Superintendenten gefragt worden, ob ich sein Stellvertreter werden wolle. Ich sagte zu und wurde dann nach dessen Rücktritt erst amtierender Superintendent und dann, nach der Strukturreform in der pommerschen Kirche im Jahr 1997, Superintendent des Kirchenkreises Pasewalk mit Dienstsitz in Pasewalk.“ Zuvor hatte es in der pommerschen Landeskirche 14 Kirchenkreise gegeben, die dann zu vier Kirchenkreisen zusammengelegt wurden. „Es gab entsprechend auch 14 Superintendenten und der frühere Bischof Eduard Berger hatte sie alle aufgefordert, sich für die vier neuen Kirchenkreise als Kandidaten zur Verfügung zu stellen. Aber ich wusste nicht so recht und fragte den Bischof, ob das so Leute wie ich machen sollen. Die Antwort des Bischofs war salomonisch, er meinte: ‚Mehr als scheitern, können Sie nicht!‘ Die pommersche Kirchenleitung hatte damals wohl auch einen Generationenwechsel im Blick.“ Trotzdem war er überascht, als die Wahl auf ihn fiel. „Meine Computerkenntnisse und meine politische Erfahrung sprachen wohl für mich.“ Die Zeit war knapp bemessen, innerhalb eines halben Jahres galt es drei Kirchenkreise zum neuen „Großkreis“, wie man damals sagte, zusammenzuführen. Am 1. Januar 1997 war es geschafft. Mit der gesamten Familie, die mittlerweile mit dem fünften Kind vollzählig war, zog er in die Superintendentur nach Pasewalk.
 
Auf dem Weg zur Nordkirche
 
Mit dem neuen Wirkungsbereich änderte sich auch die Arbeitsweise völlig. „Im Altkreis Gartz-Penkun war ich ja sehr auf den Südbereich der pommerschen Kirche fixiert. Nun fuhr ich zweimal wöchentlich zu Beratungen nach Greifswald. Und damals gab es die A20 noch nicht.“ Die nächsten Jahre waren dann vor allem von der Umsetzung der Strukturreform geprägt. „Die Kirchenkreisräte bekamen mehr Verantwortung. Die Konvente gaben dagegen Verantwortung ab und wurden zu Orten gemeinschaftlichen Lebens und Planens in der jeweiligen Region. Die alte Struktur der Konvente habe ich nicht angetastet, denn es muss in Zeiten großer und schmerzlicher Veränderungen auch etwas Durchhaltendes geben, damit das Gefühl, irgendwo beheimatet zu sein, nicht verloren geht.“ Als EKD-Synodaler und Mitglied des Europaausschusses der EKD-Synode lernte Andreas Haerter später auch die Sphäre der großen Kirchenpolitik kennen. In Pommern jedoch standen zuerst die Verwaltungskonzentration und schließlich die Vorbereitung der Bildung der Nordkirche auf der Tagesordnung. „Als Mitglied der AG Recht habe ich an der Erarbeitung der Verfassungsvorlage mitwirken können. Mir war es wichtig, die Verbindlichkeit der in Pommern geltenden ‚Lebensordnung der EKU‘ auch für die Zukunft festzuhalten.“
 
In Zeiten des Wandels bei den Menschen bleiben
 
Bei Gründung der Nordkirche wurden aus den vier Kirchenkreisen der pommerschen Landeskirche drei Propsteien im neuen Pommerschen Evangelischen Kirchenkreis in der Nordkirche. „Im Prinzip begannen wieder ähnliche Prozesse wie bei der Strukturreform Mitte der 1990er Jahre“, beschreibt Andreas Haerter diese neue Veränderung. „Ich habe mich für das neu geschaffene Propst-Amt im Kirchenkreis Pasewalk zur Verfügung gestellt und wurde gewählt. Und ich würde es auch aus heutiger Sicht wieder tun. Ich mache diese Arbeit gern.“ Etwas habe sich aber im Gegensatz zu früher geändert, gibt er lächelnd zu: „In meiner Laufbahn war ich eigentlich immer der Jüngste, wenn ich eine neue Funktion oder ein neues Amt übernahm. Bei meiner Wahl zum Propst war das nicht so.“ Aber auch zu den Alten zu gehören, sei gar nicht schlecht, meint Andreas Haerter. Schließlich wäre es gut, wenn auch Leute dabei sind, die sich in der pommerschen Kirchengeschichte auskennen. Hinsichtlich der Zukunft beschäftigt Andreas Haerter besonders die Frage nach dem Pastorinnen- und Pastorennachwuchs in einem Landstrich, in dem immer weniger Menschen leben. „Vielleicht brauchen wir die Erkenntnis, dass Gott seiner Kirche nicht verheißen hat, zu jeder Zeit an jedem Ort zu wachsen. Ein Beispiel ist da für mich das Schicksal der Gemeinden des Paulus. Wichtig ist mir, dass wir unsere jeweilige historische Situation als von Gott gegeben akzeptieren und in ihr die Aufgabe der Verkündigung der frohen Botschaft wahrnehmen; und natürlich, dass wir den Menschen nahe bleiben und ihnen in dieser Zeit des Wandels seelsorgerlich beistehen.“
Quelle: PEK (sk)

Bildergalerie vom Empfang
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